Urlaub in Krisenregion: Ulmer macht Ferien in Klitschko-Country

Urlaub in einer Krisenregion zu machen, ist ungewöhnlich und manchmal ungesund. Martin Engelhard war in der Ukraine, und ist noch immer begeistert.

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Gelegentliche Unruhen, Separatisten und instabile Verhältnisse statt Palmen, Strand und Meer - ein klassisches Urlaubsland sieht anders aus. Martin Engelhard konnte all' das nicht anfechten. Dabei ist er beileibe kein Kriegsreisender oder Katastrophentourist.

Engelhard ist geschieden, und nachdem seine Kinder nun auch aus dem Haus sind, nutzte der ehemalige Triathlon-Trainer aus Ulm die Gelegenheit, mal eine etwas andere Städtereise zu machen und dabei neues Terrain zu betreten. In jedweder Hinsicht: "Ich bin noch nie in den Urlaub geflogen", sagt der Mann, der bei Airbus arbeitet. Und warum ausgerechnet die Destination Ukraine? "Die liegt auf unseren Breiten, da gibt's nicht so viel Mücken. Außerdem hat mich die Geschichte interessiert." Die jenes Landstrichs, der einst von deutschen Bauern beackert wurde.

Etwaige Bedenken, wegen seiner landsmannschaftlichen Zugehörigkeit zurückgewiesen zu werden, zerstreute ein Taxifahrer am Kiewer Flughafen unmissverständlich: Er sagte "Deutschland gutt" und schob sicherheitshalber eine Kassette mit der deutschen Nationalhymne ins Autoradios. Auch Wagner sei zum Vortrag gekommen, erinnert sich Engelhard an seine ersten Erfahrungen im Land der Klitschko-Brüder. Von denen sich Vitali, Bürgermeister von Kiew, offenbar im politischen Ring schwerer tut, als im Box-Geviert. Zumindest erntete er immer, wenn er die Sprache auf ihn brachte, ein unterschwelliges Grinsen: "Wie es aussieht, hat niemand was gegen ihn, aber man traut ihm auch nicht allzu viel zu."

Den Zugang zu Land und Leuten hatten "Aneta" und "Timur" ermöglicht, zwei Studenten, die der Ulmer als Dolmetscher und Stadtführer übers Internet gebucht hatte. Offenbar die korruptionsfreiere Option, als der offizielle Weg zu staatlichen Tourismusbüros. "Die beiden haben mich begeistert", wobei sie nicht die einzigen waren. "Alle Menschen, die ich getroffen habe, waren unheimlich nett, wirklich aufgeschlossen und westlich orientiert." Mit einer gewissen emotionalen Nachhaltigkeit. Als er wieder zuhause war, erhielt er Liebesgrüße aus Kiew - das Studentenpaar hatte ihm eine Karte mit Herzchen gebastelt: "With love from Ukraine!"Was Martin Engelhards Interesse am Land zusätzlich befeuerte.

Wenig später saß er für einen Kurztrip erneut im Flieger und war just an dem Wochenende vor Ort, als die Ukraine in Schweden den Eurovision Song Contest gewinnen sollte. Diesmal jedoch hatte er "ein komisches Gefühl im Bauch", denn nun ging es nach Charkow (ukrainisch: Charkiw), der pro-russisch geltenden Millionenstadt im Osten des Landes, keine 250 Kilometer von Donezk entfernt. Für ihn kaum vorstellbar angesichts des kultivierten Stadtbilds voll prächtiger Fassaden, dass noch vor knapp einem Jahr inmitten eines Demonstrationszugs eine Bombe detoniert war.

Die explosive Stimmung in der ukrainischen Kultur- und Bildungsmetropole, die neben einem Dutzend nationaler Hochschulen auch diverse internationale Akademien aufweist, scheint mittlerweile verflogen zu sein. Zumindest hat Engelhard davon nichts mitbekommen. Im Gegenteil: "Vor allem die jungen Leute sind hilfsbereit, locker und freundlich." Und im Gegensatz zur älteren Generation westlich geprägt. "Die Alten tendieren eher zu Russland", sagt er: "Sie fürchten, dass es mit dem Lebensstandard abwärts geht und sind davon überzeugt, dass es früher besser war."

Auch einem westlichen Touristen bleibt die wirtschaftliche Lage in Land nicht lange verborgen, trotz aller Bemühungen, es den Gästen an nichts fehlen zu lassen. "Der Service ist der Hammer", ist Engelhard immer noch bass erstaunt, was er an den drei Tagen für pauschal 90 Euro alles geboten bekam. Vom Limousinen-Abholservice bis zur Unterbringung im renovierten Gründerzeithotel mit großem Flatscreen-TV und einer Verköstigung, wie sie hierzulande nicht üblich sei. "Es gibt kein Buffet, man wird immer bedient. Bestellt man einen Früchtetee, bekommt man kein Glas Wasser mit einem Teebeutel, sondern ein Glas Tee mit richtigen Früchten drin."

Mit Theatern, Museen und Galerien ist Charkiw ebenso gesegnet, wie mit den profaneren Zerstreuungs-Angeboten. Allein, auch die Fahrt auf einem Riesenrad muss man sich leisten können. "Die Menschen sind sehr arm. Viele haben einen oder mehrere Nebenjobs", weiß Engelhard aus erster Hand. Seine Dolmetscherin und Reiseführerin Tatjana ist im Hauptberuf Lehrerin und "verdient 200 Euro im Monat". Gemeinsam mit ihrem Mann Oleg betreibt sie eine kleine Farm mit 1000 Stachelbeerbüschen. Was den schwäbischen Touristen beeindruckt hat, ist die Haltung der Menschen: "Die Leute beklagen sich nicht, sind alle motiviert, packen an und haben Hoffnung."

Hoffnung auf den wirtschaftlichen Aufschwung und ein besseres Leben. Martin Engelhard ist davon überzeugt, dass die junge Generation ihre Zukunft in der EU sieht: "Die Jungen wollen Richtung Westen, das ist unmissverständlich." Zum Beweis für kulturelle Bande zieht er ein Foto einer Skulptur aus der Tasche, die inmitten des Gorki-Parks in Charkiw steht und alte deutsche Bekannte zeigt: die Bremer Stadtmusikanten! "Jeder in der Ukraine kennt diese Geschichte."

So zieht es die einen nach Westen und die anderen nach Osten. "Ich fahre auf jeden Fall wieder hin", kündigt er an. Dieses Mal wohl gleich zu Tatjana und Oleg: "Ich möchte Familienanschluss." Und auf der Farm mitzuhelfen, würde ihm auch gefallen. "Vielleicht gibt es ja bald Stachelbeer-Marmelade auf dem Ulmer Wochenmarkt."

Das Auswärtige Amt warnt

Gefährlicher Osten Das Auswärtige Amt sieht gegenwärtig keine Veranlassung, die Teilreisewarnung für die Ukraine zurückzunehmen. Vor allem in den östlichen Landesteilen könnten aufflammende bewaffnete Auseinandersetzungen "erneut eskalieren".

Virus unterwegs Erschwerend mache sich seit Anfang des Jahres der Schweinegrippevirus H1N1 zunehmend breit. Während es in Kiew nach den Februar-Unruhen 2014 zu einem Ende der Gewalt gekommen sei, wird vor Reisen auf die Halbinsel Krim, die völkerrechtlich weiterhin zur Ukraine gehört, abert faktisch von Russland kontrolliert wird, "dringend" abgeraten. "Konsularischer Schutz kann deutschen Staatsangehörigen dort angesichts der aktuellen Lage derzeit nicht gewährt werden", heißt es.

 

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