Urkunde des Stauferkaisers stammt aus der Zeit, als Ulm Stadt wurde

Es ist so verblasst, dass man es kaum sieht: das kleine Kreuz in jenem O, das den Mittelpunkt von Barbarossas Monogramm bildet. Es ziert die älteste und mutmaßlich wertvollste Urkunde des Ulmer Stadtarchivs.

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Barbarossas Monogramm rechts unten in der Urkunde gibt Rätsel auf. Zweifelsfrei fest steht jedoch sein "Vollziehungsstrich", ein winziges Kreuz im O, das die Mitte des Monogramms bildet.  Foto: 

Das Monogramm mit Barbarossas Kreuz in der Mitte besteht aus mehreren zum Teil aufeinander geschriebenen Großbuchstaben, von denen einige durch Striche miteinander verbunden sind. Was genau sie im Einzelnen bedeuten sollen, entzieht sich bislang einer zweifelsfreien Deutung. Vermutlich verbirgt sich darin unter anderem die Abkürzung der links darüber stehenden Signums-Zeile: "Signum domini Friderici, Romanorum imperatoris invictissimi" - Zeichen des Herrn Friedrich, des unbesiegbarsten Kaisers der Römer.

Was in jener Urkunde, besiegelt am 12. Mai 1181, steht, ist für die Ulmer von nur mäßigem Interesse: Kaiser Friedrich I., genannt Barbarossa (Rotbart), verfügt darin, dass die Pfarrkirche zu Waldsee in ein Augustinerchorherrenstift umgewandelt wird. Höchst interessant aber ist für die Ulmer die letzte Zeile des Dokuments, die mit den Worten endet "Datum Ulme IIII. idus Maii feliciter Amen" - Gegeben zu Ulm in den vierten Iden des Mai (12. Mai) glückbringend Amen. Das Jahr 1181 ist in den vorherigen Zeilen genannt.

Damals hielt sich Barbarossa wieder einmal zu einem Hoftag in Ulm auf. Es war die Zeit des "Reisekönigtums": Die Herrscher regierten nicht, wie später, von einer Hauptstadt aus, sondern zogen beständig durch ihr Reich, von Pfalz zu Pfalz, wo sie Hof hielten und an den Hoftagen ihre Regierungsgeschäfte ausübten. Das bedeutet, dass in jenen Tagen des Mai 1181, als Barbarossa in seiner Pfalz Ulm weilte, das Heilige Römische Reich von Ulm aus regiert wurde.

Es war nicht das einzige Mal. Insgesamt 13 oder 14mal hielt Barbarossa sich in Ulm auf. Das war der Rekord im Südwesten: Konstanz brachte es nur auf sieben Besuche. In Nürnberg weilte Barbarossa 14mal und in Würzburg 17mal.

Die häufige Anwesenheit des Stauferkönigs und -kaisers in Ulm hatte gute Gründe. Zum einen lag die Stadt verkehrstechnisch günstig auf der Route nach Italien, wohin sich die deutsch-römischen Könige und Kaiser häufig begeben mussten. Zum andern aber war Ulm damals die Hauptstadt der Staufer in ihrem Herzogtum Schwaben.

Das war für Ulm nicht immer nur von Vorteil: Als die Staufer, damals noch Herzöge von Schwaben, mit Kaiser Lothar III. und seinen welfischen Verbündeten im Clinch lagen, musste Ulm seine herausragende Stellung im Staufer-Beritt mit seiner völligen Zerstörung im Jahr 1134 teuer bezahlen. Lothars Kontrahent - und Nachfolger auf dem Königsthron war der Staufer Konrad III., unter dessen Ägide Ulm wieder zu Kräften kam. In dieser Wiederaufbauphase, im Jahr 1143, besuchte Barbarossa Ulm zum ersten Mal. Damals war er noch Herzog und hieß als solcher Friedrich III. Zu Friedrich I. avancierte er am 9. März 1152, als er in Aachen zum deutschen König gekrönt wurde. Noch im selben Jahr hielt er Ende Juli/Anfang August einen Hoftag in Ulm, wo er einen Landfrieden für Schwaben erließ.

Für einen solch wichtigen Akt müssen damals in Ulm die wichtigsten weltlichen und geistlichen Herrscher zumindest Schwabens samt ihrem Gefolge versammelt gewesen sein. Auch wird man davon ausgehen dürfen, dass die Stadt mittlerweile aus ihren Ruinen auferstanden war und eine würdige Kulisse für die Prachtentfaltung bot, mit welcher der erst kurz zuvor Gekrönte seinen ersten königlichen Aufenthalt in seiner schwäbischen Hauptstadt gefeiert haben wird.

Ganz allgemein folgten solche Herrscher-Besuche festgelegten Ritualen. Die begannen bereits vor den Mauern der Stadt mit dem "Einholen" des Königs oder Kaisers, der mit seinem zahlreichen Personal gebührend empfangen wurde. Es folgte der Umzug durch die festlich geschmückte Stadt, deren Würdenträger sich im Glanz des Herrschers sonnten, und deren Bewohner eine aufregende Unterbrechung ihres grauen Alltags erlebten. Es wurde gefeiert: Turniere und Bankette würzten das Ereignis.

In diese Zeit, so vermuten die Historiker, fällt auch die offizielle Erhebung Ulms zur Stadt. Deren Datum ist zwar unbekannt, aber im Jahr 1181 wird Ulm in einer Urkunde als "civitas" bezeichnet: als Stadt im rechtlichen Sinne. Das deutet darauf hin, dass Ulm diesen Titel zur Zeit Barbarossas erhalten hat, der im Juni 1155 zum Kaiser gekrönt worden war.

In diese Zeit, die zweite Hälfte des 12. Jahrhunderts, fällt auch die Erweiterung Ulms auf das Sechsfache seiner bisherigen Fläche: Die nördliche und die östliche Vorstadt sowie der Grüne Hof wurden in die Mauern der neuen, von mächtigen Steinbauten strotzenden Stauferstadt einbezogen. Deren Reste sind jetzt noch südlich des Weinhofes, im Schwörhaus und im Salmannsweiler Hof (Frauenstraße 2) erhalten. Die Urkunde von 1181 stammt also aus der Zeit, in der Ulm definitiv zur Stadt wurde. Insofern ist sie für Ulm ein wichtiges Erinnerungsstück - auch wenn ihr Inhalt mit Ulm rein gar nichts zu tun hat.

500 Jahre Stadtarchiv

Serie Vor 500 Jahren, am 18. Juli 1515, stellte der Ulmer Rat erstmals einen hauptamtlichen Archivar ein. Zu diesem Jubiläum zeigt das Stadtarchiv vom 15. Oktober bis Mitte Dezember im Haus der Stadtgeschichte (Schwörhaus) die Ausstellung "Schätze der Stadtgeschichte - 500 Jahre Archiv der Stadt Ulm". Dazu erscheint der gleichnamige Jubiläumsband. Eine kleine Auswahl dieser Schätze stellt die SÜDWEST PRESSE in einer eigenen fünfteiligen Serie vor, die heute beginnt.

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