Gutes Wahlergebnis für die AfD in Wiblingen

In Wiblingen hat die AfD bis zu 25 Prozent bekommen. Ein Großteil vermutlich von den Russlanddeutschen wie die Partei selbst sagt. Warum?

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In Wiblingen und Ludwigsfeld konnte die AfD gute Wahlergebnisse erzielen.  Foto: 

Jahrzehntelang haben Spätaussiedler die CDU gewählt. Die Partei stand für Sicherheit und Ordnung, und bekanntlich war es Kanzler Helmut Kohl, der den deutschstämmigen Menschen aus der ehemaligen Sowjetunion und Osteuropa die Tür geöffnet hat: Zwischen 1987 und 2005 kamen etwa drei Millionen Menschen.

Doch das Paradies sieht anders aus. Es fehlte an Wohnraum und an Jobs, weil es zu teuer wurde, fielen die Sprachkurse weg. Und willkommen waren die Aussiedler auch nicht: 1989 hielt sie eine knappe Mehrheit der Deutschen für Wirtschaftsflüchtlinge. Unterstützung aus der Gesellschaft so wie jetzt etwa durch Helferkreise und Paten gab es nicht.

Stattdessen: „Ich habe oft Prügel bezogen von meinen Klassenkameraden“, erinnert sich der 33-jährige Roman Pfeifle aus Neu-Ulm. Seine Familie und er haben nach der Umsiedlung aus Kasachstan in Cottbus gelebt. „Wir hatten kein Geld, Klassenfahrten waren tabu, gebrauchte Kleider normal.“ Trotzdem: Das Leben war besser als in Kasachstan, wo Korruption an der Tagesordnung sei und sich kaum jemand an Gesetze halte. „Für uns stand Deutschland für einen Rechtsstaat, Demokratie und vor allem für Sicherheit“, erklärt Pfeifle. „In einem Land, in dem man einen Angelschein braucht, um zu fischen, kann nichts schief gehen.“

Anscheinend schon. Das Vertrauen in die CDU ist in den vergangenen Jahren gebröckelt, sagt Pfeifle. Und eine russisch-stämmige Politikwissenschaftlerin in Ulm, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen will, sagt: „Viele fühlen sich im Stich gelassen.“ Thema Altersarmut etwa. „Die Leute haben Jahrzehnte in ihrer Heimat gebuckelt und kriegen das hier nicht anerkannt.“ Sie fühlten sich betrogen. Auch in den Schulen gebe es Probleme. So hatte sich etwa bei dem jüngsten Treffen mit OB Gunter Czisch und den Spätaussiedlern ein Jugendlicher bitterlich über rassistische Äußerungen von Lehrern im Schulzentrum beklagt.

Ein anderes Thema: Die Flüchtlingspolitik: Seitdem Angela Merkel Flüchtlinge ins Land gelassen habe, sei die Angst vor Terror groß, sagt die junge Frau. „Sie stammt zum Teil aus dem Krieg in Tschetschenien.“ Ebenso die Skepsis gegenüber Moslems. Auch Pfeifle sagt, die Angst sitze tief. Wenn man sehe, wie bei dem Berliner Attentäter Anis Amri der deutsche Sicherheitsapparat versage. Oder, wenn es möglich ist, „dass Leute aus der Ukraine sich als Syrer ausgeben können und Asyl bekommen“.

Lesen Sie auch: So lief die Bundestagswahl in Ulm und Neu-Ulm

Keinesfalls rechtsradikal

Auch eine Rolle spielt nach Ansicht des 33-Jährigen die Politik gegenüber Russland. „Wie auf die Krimkrise und die Situation in der Ukraine reagiert wurde, finden viele falsch.“

Die Quittung: Bei den Landtagswahlen im vergangenen Jahr fuhr die AfD in Ulm ihren größten Erfolg in Wiblingen ein, dem Stadtteil, in dem bekanntlich viele Spätaussiedler leben. Dort erzielte sie 21,5 Prozent und war damit fast so stark wie die CDU (21,9 Prozent). Am Sonntag bei der Bundestagswahl erreichte die rechtspopulistische Partei dort gar 25 Prozent.

„Das ist eine Protestwahl“, sind Pfeifle, die Politikwissenschaftlerin und auch Viktoria Burghardt, Vorsitzende der Landmannschaft der Deutschen aus Russland überzeugt. „Die Leute sind keinesfalls rechtsradikal.“ Vor der Flüchtlingskrise habe es keine Probleme mit solchen Strömungen gegeben, sagt Viktoria Burghardt. „Es gab nur die CDU für uns.“

Das Ergebnis sei aber auch die Frucht des AfD-Wahlkampfs, bei dem die Partei offensiv auf die Spätaussiedler zugegangen sei. Während die Gruppe bei den anderen Parteien kein Thema sei. „Die reden auf russisch mit ihnen, sind in den sozialen Netzwerken vertreten“, sagt die Politikwissenschaftlerin.

Vor einem Monat hat die CDU ein Netzwerk „Aussiedler“ in Stuttgart gegründet. Zu spät für die Wahl am Sonntag. Die etablierten Parteien sollten aufwachen, sagt Pfeifle. Er habe mit Ronja Kemmer (CDU) und dem Ulmer Stadtrat Michael Joukov (Grüne) gesprochen: „Sie müssen mit ihrer politischen Arbeit beginnen.“

AfD-Kandidat Eugen Ciresa am Wahlabend:

Ergebnis Die AfD hat im Neu-Ulmer Stadtgebiet besonders gut in Ludwigsfeld abgeschnitten und dort 17,6 Prozent der Zweitstimmen erhalten. Mehr als 15 Prozent gab es auch in den Stadtteilen Offenhausen und Schwaighofen. Gemeinsam haben alle drei Stadtteile einen überdurchschnittlich  hohen Anteil an verdichtetem Geschosswohnungsbau. Dort wohnen auch viele russland-deutsche Spätaussiedler und deren Nachfahren. In Ludwigsfeld hat sich auch der Lebensmittelmarkt Grand-Lebensmittelmarkt angesiedelt, der fast ausschließlich Waren aus Russland anbietet. Das beste AfD-Ergebnis kommt aus dem ländlichen Hausen mit fast 19,4 Prozent.

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Kommentare

26.09.2017 12:59 Uhr

Da haben die etablierten Parteien

kläglich versagt. Statt auf dem Münsterplatz zu stehen, wären sie besser dahin gegangen wo es weh tut. In die sozialen Brennpunkte und das ist Wiblingen und auch Böfingen. Dort wohnen die, welche sich vom Wohlstand abgehängt und benachteiligt fühlen. Jetzt jammern sie herum und suchen nach den Gründen ihrer Wahlschlappe. Bleibt zu hoffen, dass sie sich bis zur nächsten Wahl dem Thema angenommen haben und ihre Stammwähler zurückgewinnen können.

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