Unter Ulm: Ein Blick unter den Fluss

Was ist eigentlich unter der Donau? Kies! Und zwar nicht zu knapp. Mehrere Meter mächtig ist die Schicht noch unter der Sohle der Donau, die im Zeitalter des Pliozän entstand - vor etwa sieben Millionen Jahren.

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  • Schwäne auf der Ulmer Donau inspizieren den Untergrund - aber mehr aus Biss- denn aus Wissbegierde. Foto: Matthias Kessler 1/2
    Schwäne auf der Ulmer Donau inspizieren den Untergrund - aber mehr aus Biss- denn aus Wissbegierde. Foto: Matthias Kessler
  • Kiesbaggern in der Donau ist eine bleibende, wenngleich oberflächliche Aufgabe: Unter der Flusssohle liegt noch viele Meter tief mehr davon. Foto: Volkmar Könneke 2/2
    Kiesbaggern in der Donau ist eine bleibende, wenngleich oberflächliche Aufgabe: Unter der Flusssohle liegt noch viele Meter tief mehr davon. Foto: Volkmar Könneke
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Ein Leben lang hat Uli Burst mit der Donau zu tun gehabt. Bis zu seinem Ruhestand war er als Technischer Geschäftsführer bei den Entsorgungsbetrieben der Stadt Ulm angestellt und für alles verantwortlich, was irgendwie mit der Donau zu tun hatte. Die Geologie war zwar nie sein Spezialgebiet, die Donau aber ist sein Hobby. Und so weiß er grob gesprochen, dass die Donau in einer Rinne verläuft, die sich in den Jura der Schwäbischen Alb und die überlagernden Molasseschichten gegraben hat.

Was die letzten Hunderte von Jahren auf und neben der Donau alles geschah, ist recht gut dokumentiert. Die Geschichtsschreibung reicht von der Besiedelung Europas durch den Homo sapiens sapiens vom Schwarzen Meer ausgehend der Donau entlang, bis hin zu den Schwabenzügen, die in umgekehrter Richtung stattgefunden haben. Die Funde des Löwenmenschen (30 000 Jahre) und der Venus vom Hohlen Fels (35 000 Jahre) zeugen von der Besiedlungsgeschichte.

Was aber ist mit der Donau selbst? Was ist unter dem Fluss? Was unter der Wasseroberfläche? Und überhaupt, wie entstand die Donau, die die meiste Zeit ihrer Existenz nicht im heutigen Bett verlief, sondern von Ehingen aus durch das Blautal floss und sich ihren Weg etwa auf der heutigen Karlstraße nach Osten bahnte? Das Blautal verlassen hat die Donau im Übrigen erst zum Ende der nach dem Fluss Riß benannten vorletzten Eiszeit - vor etwa 125 000 Jahren. Erst seither sieht sie so aus wie heute.

Für die großen geologischen Verwerfungen in Süddeutschland ist aber die schon Millionen Jahre frühere Kollision der afrikanischen und der europäischen Kontinentalplatte verantwortlich. Die gesamte Gesteinsfolge hierzulande kippte in der Zeit des Miozän leicht in südöstlicher Richtung. Gleichzeitig falteten sich vor reichlich 15 Millionen Jahren die Alpen auf, wodurch sich im nördlichen Vorland eine Senke bildete, in der sich der Schutt des Gebirges sammelte, der als Molasse bezeichnet wird.

Zweimal drangen die Ausläufer des damaligen Mittelmeers in das Becken. Der Großteil dieser im Tertiär abgelagerten Gesteine gehören im Raum Ulm zur Unteren Süßwassermolasse, während etwa die Erminger Turitellenplatte zur Oberen Meeresmolasse gehört. Im Zeitalter des Miozän hob sich durch den nach Norden gerichteten Schub der afrikanischen Kontinentalplatte auch das nördliche Alpenvorland etwas an. Während der rasch wechselnden Kalt- und Warmzeiten des Pleistozäns füllten alpine Schuttfächer die Senke auf und drängten das junge Stromsystem an dessen Nordrand, bereits in die Nähe des heutigen Donaulaufs.

Kurios ist, dass das ganze heutige Voralpengebiet noch vor Ausbildung der so genannten Urdonau in westlicher Richtung entwässert wurde, also in gerade entgegengesetzter Fließrichtung zu heute. Nach Meinung vieler Fachautoren dürfte sich die Richtung auch begünstigt durch den Einschlag des Meteoriten im Nördlinger Ries vor etwa 14 Millionen Jahren gedreht haben und bis heute in Richtung Osten bestehen. Die Entstehung der Urdonau wird in der Wissenschaft auf die Zeit vor etwa sieben Millionen Jahre festgesetzt.

Die mächtigen Kiesschichten bedecken heute das ganze Voralpenlandgebiet - im Grunde erstrecken sich eiszeitliche Schotter von Ulm aus über Augsburg bis nach München hin. Im Vergleich zur Entstehung der Donau sind diese Kiesschichten im Ulmer Donautal relativ jung. Der Kies wurde nach der letzten, nach dem Flüsschen Würm benannten Eiszeit vor etwa 10 000 Jahren abgelagert. Seither leben wir im Zeitalter des Holozän, der aktuellen nacheiszeitlichen Epoche, die zur Periode des Quartärs zählt.

Direkt unter der Donau, also unter der Flusssohle, wird die Mächtigkeit auf etwa vier bis fünf Metern geschätzt, an anderen Stellen, meist auf bayerischer Donauseite, liegt der Kies bis zu 14, an wenigen Stellen sogar bis zu 20 Meter tief, teilt Dr. Matthias Franz vom Landesamt für Geologie, Rohstoffe und Bergbau in Freiburg mit. Ganz Neu-Ulm steht also auf Kies mit einem durch Iller und Donau beeinflussten hohen Grundwasserspiegel. Der stieg nach dem Bau des Kraftwerks Böfinger Halde 1953 sogar um einige Meter an, weshalb in ufernahen Bereichen des Stadtgebiets dicke Sickerkanäle verlegt wurden, die im Steinhäule in die Donau abgepumpt werden. Im Übrigen befindet sich die Illermündung ins Donautal erst seit der letzten Eiszeit an der heutigen Stelle. Früher verlief sie durch das Rothtal, noch früher im Tal der heutigen Günz.

Der Untergrund von Ulm ist weniger einheitlich wie der Neu-Ulmer. Kies gibt es in der Friedrichsau und dort, wo die Blau in die Donau fließt. Unter der Innenstadt gibt es weit weniger Kies. Das Zentrum der Stadt steht auf einem flachen Kegel aus Kalk- und Mergelstein des Oberjura, die Kiesschichten darauf sind aber durchaus mächtig, Bohrungen des Landesamts belegen auch bis zu elf Meter dicke Schichten aus Kies, Sand, Schluff und Ton.

Dem schwierigen Untergrund ist es wohl auch geschuldet, dass unter der Donau relativ wenig Rohre und Kanäle verlaufen. Im Grunde führen nur drei große Abwasserrohre (Durchmesser 1,20 Meter und 80 Zentimeter) auf der Höhe des Hohen Stegs in der Au unter dem Fluss hindurch in Richtung Klärwerk Steinhäule auf bayerischer Seite. Hierüber werden das Stadtgebiet, Böfingen, der Eselsberg bis hinauf nach Dornstadt entsorgt.

Die Abwässer der Hochsträßgemeinden und Wiblingen verlaufen in großen Rohren unter der Brücke der B 30 und in einem Bogen um Neu-Ulm herum ins Steinhäule. Was es alles an Telekommunikationsverbindungen unter der Donau gibt, lässt sich nicht darstellen.

Vielfältige Tierwelt unter der Wasseroberfläche
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