Unrecht nicht vergessen

Mit dem NS-Regime habe Deutschland abgerechnet, zur DDR hingegen fehle eine klare Abgrenzung. Das bringt die Bürgerrechtlerin Angelika Barbe auf. Sie gab Einblicke in den DDR-Alltag.

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Einheitsfeier der CDU in inspirierender Umgebung im Ulmer Museum: Organisator Günter Luib (von links), Thomas Kienle, Festrednerin Angelika Barbe, Monika Stolz, Bertram Holz und Siegfried Keppler. Foto: Volkmar Könneke

Lesebuch 1. Klasse. Natürlich lernen die Jungen und Mädchen in der DDR Lesen und Schreiben, gerade so wie die Kinder im Westen Deutschlands. Fast gerade so. Denn als erste Schreibübung sollen sie nicht etwa einen Brief an die Tante oder die Oma verfassen, sondern an den Soldaten Heinz. Sollen ihm danken für seine Waffenbruderschaft. Sollen von klein auf ganz im Geiste des DDR-Regimes erzogen werden.

Angelika Barbe, Mitgründerin der DDR-SPD, brachte das Lesebuch gestern mit ins Museum, wo sie auf Einladung der CDU zum Tag der deutschen Einheit sprach. Das Lesebuch - nur ein kleines Beispiel für das, was sie das Unrechtsregime DDR nennt. Wer nicht wollte, dass seine Kinder dem ausgesetzt sind, dem ging es zum Beispiel so wie den Barbes. Eine Tochter, eine hoffnungsvolle Geigerin, sollte eine Musik-Oberschule besuchen - allerdings nur, wenn sie auch zur Jugendweihe gehen würde. Angelika Barbe widersetzte sich, die Tochter musste die Schule verlassen. Inzwischen hat sie als Musikerin aber doch noch ihren Weg gemacht.

Neben all den Repressalien, denen unangepasste DDR-Bürger ausgesetzt waren, neben all den Beschränkungen, Drohungen und Strafen ist für Barbe ein wesentliches Kennzeichen des Unrechtsregimes, dass eine freie Persönlichkeitsentfaltung nicht möglich war. Der Staat kehrte Werte um, handelte willkürlich. Das reichte von alltäglichen Gängeleien über Demütigungen bei Ämtergängen, Beschränkungen der Reisemöglichkeiten, der Berufswahl bis hin zu Entführungen, Kindesentzug, Gefängnis, auch Tod. "Aber Unrecht muss Unrecht genannt werden. Es darf nicht verschwiemelt werden", sagte Barbe, die bei der sächsischen Landeszentrale für politische Bildung arbeitet, vor rund 35 Zuhörern.

Genau das, dieses "Verschwiemeln", wirft sie ihrer alten Partei, der SPD, vor. Aus Protest gegen deren Zusammenarbeit mit der PDS war Barbe zur CDU übergetreten. Mit ehemaligen DDR-Kadern dürfe es keine Zusammenarbeit geben, auch mit den Linken nicht. Sie vermisst eine klare Abgrenzung wie bei den Nazis. "Es gibt viel zu viel Toleranz mit den DDR-Tätern. Wo bleibt der totalitäre Konsens?"

Eine wichtige Rolle beim Untergang der DDR habe die desolate wirtschaftliche Lage gespielt, sagte Barbe. Der wesentliche Grund sei aber: "Wenn Freiheit und Recht fehlen, fehlt etwas Elementares." Daran zu erinnern sei nötig, "wir dürfen nicht vergessen und verdrängen". Sie pocht auf eine entschiedene Abkehr von der DDR. Dass die Linke im Osten immer noch an die 25 Prozent der Stimmen erhält, ist für die frühere Bundestagsabgeordnete ein Alarmzeichen.

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