Uni-Studie: Fehlendes Mitgefühl führt zu Internetsucht

Wieso sind manche Menschen so anfällig für Internetsucht? Für eine Studie haben Ulmer Forscher Studenten in Deutschland und China befragt.

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Um sie herum stapeln sich Pizzakartons und Berge schmutziger Wäsche: Menschen, die abhängig vom Internet sind, vernachlässigen oft Arbeit, Gesundheit oder ihr Sozialleben. Psychologen aus Ulm und Bonn haben in Deutschland und China untersucht, ob Persönlichkeitseigenschaften wie mangelnde Empathie Internetsucht begünstigen können – und ob dieser Effekt kulturell bedingt ist. Ihre Erkenntnisse veröffentlichen sie jetzt im „Asian Journal of Psychiatry“, teilt die Universität Ulm mit.

Es sei nach wie vor unklar, warum manche Menschen anfälliger für Online-Abhängigkeit sind als andere, sagt Prof. Christian Montag, Leiter der Abteilung für Molekulare Psychologie an der Uni Ulm und Senior-Autor der Studie. Problematische Internetnutzung tritt ihm zufolge vor allem in asiatischen Ländern auf. „In Südkorea sind sogar Menschen gestorben, nachdem sie mehrfach 50 Stunden ohne Unterbrechung online ‚gezockt' haben.“ Doch auch im westlichen Kulturkreis nehme das Problem zu.

Gemeinsam mit Psychologen der Uni Bonn hat Montag in Deutschland und China 640 Studenten zu ihren Internetgewohnheiten und zu ihrer Empathie befragt. „Mitgefühl empfinden zu können, ist eine wichtige Fähigkeit, um mit anderen Menschen zu interagieren“, sagt der Bonner Empathie-Forscher Martin Melchers. Jemandem, der lieber im Internet unterwegs sei als sich in einem Café mit anderen zu treffen, falle es wahrscheinlich auch schwerer, sich in andere Menschen hineinzuversetzen.

Die Studenten wurden unter anderem danach gefragt, wie gut sie Gemütszustände ihrer Mitmenschen einschätzen können. Im Internetsucht-Fragebogen sollten die Teilnehmer dann Angaben dazu machen, ob sie etwa verheimlichen, wie lange sie im Netz sind oder was sie online so machen. Die Selbstauskünfte hätten klar gezeigt: Es gibt einen Zusammenhang zwischen der Fähigkeit zum Mitgefühl und problematischer Internetnutzung. „Der Zusammenhang zwischen geringer Empathie und übermäßiger Online-Aktivität tritt unabhängig von Alter, Kultur und Geschlecht auf“, sagt Melchers.

Dies sei allerdings ein Henne-Ei-Problem, sagt Montag. Macht übermäßige Online-Nutzung unempathisch oder verhält es sich genau umgekehrt? Die Studie könne diese Frage nicht beantworten. Sie liefere aber Hinweise, dass Persönlichkeitseigenschaften die Triebfeder für Internetsucht sein könnten.

Angesichts negativer Auswirkungen von Onlinesucht fordern die Forscher, Internetsucht als eigenständige Diagnose anzuerkennen. Die Einstufung sei vor allem deshalb wichtig, weil Psychiater und Psychologen nur dann entsprechende Behandlungen und Therapien der Krankenkasse als Leistungen abrechnen können.

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