Uni-Präsident Weber: „Wir sind richtig gut“

|
Vorherige Inhalte
  • Inmitten der Studierenden: Uni-Präsident Michael Weber. 1/2
    Inmitten der Studierenden: Uni-Präsident Michael Weber. Foto: 
  • Präsident Michael Weber Uni Ulm  2/2
    Präsident Michael Weber Uni Ulm Foto: 
Nächste Inhalte

Ein nicht entartetes Intervall? „Das konnte ich auch mal“, sagt Michael Weber. Die Studenten lachen. Der Uni-Präsident war als Überraschungsgast am Ende der Mathematik-Vorlesung angekündigt worden. Jetzt steht er vorne an der Tafel, erklärt, warum er gleich zwischen ihnen Platz nehmen wird: Fototermin für die Presse im Hörsaal. Der 57-jährige Medieninformatiker, der die Uni seit Oktober 2015 leitet, ist, wie er ist: unverkrampft. Er verstellt sich nicht. Später wird er sagen, dass ihm die Lehre schon ein bisschen fehlt, „die direkte Auseinandersetzung mit den Studierenden“.

Wie sieht die Uni in 50 Jahren aus?

Michael Weber: Ich glaube, dass sie als starke Forschungsuniversität in der deutschen und auch internationalen Landschaft bestehen wird – und sie wird ihr spezifisches Fächerspektrum weiterentwickeln. Baulich wird natürlich einiges passieren. Ich gehe nicht davon aus, dass die Betonbauten aus den Spätsechzigern im Jahr 2067 immer noch so stehen. Die Uni wird urbanere Strukturen annehmen, integriert sein zwischen Blaustein, Lehr, Mähringen und der Innenstadt. Aber: Sie wird immer noch 10.000, 12.000 Studierende haben.

Finden Vorlesungen in 50 Jahren überhaupt noch in Hörsälen statt? Oder sitzen die Studenten daheim vor dem Laptop.

Dieser Online-Hype, dem bisweilen das Wort geredet wird, der wird dem Studienalltag nicht gerecht. Gute Lehre hängt von der Interaktion zwischen Lehrenden und Lernenden ab. Der Diskurs, das direkte Gespräch, lässt sich nicht wirklich gut digitalisieren.

Wenn wir mal in die nähere Zukunft blicken. Wohin geht es denn in den nächsten 10 Jahren, was die Entwicklung der Uni betrifft?

Ein entscheidender Punkt wird sein, wie wir in der gerade laufenden Exzellenz-Strategie abschneiden. Da gehen wir mit drei Anträgen in den Wettbewerb. Sind wir erfolgreich, dann werden diese Themen die Forschungsleistung der Uni auf eine Ebene heben, wo wir an der Weltspitze mitmischen können.

Könnten Sie die drei Themen anreißen?

Da ist die Trauma-Forschung, in der wir zur Zeit in Deutschland, aber auch in Europa ein Spitzen-Standort sind, weil wir psychische und physische Aspekte verbinden. Das zweite Thema ist die Batterieforschung. Wir haben mit der Elek-
trochemie der Uni, dem Helmholtz-Institut und dem KIT in Karlsruhe drei große Partner. Und das dritte Thema sind die Quanten-Biowissenschaften, wo wir mit der Uni Stuttgart und dem Max-Planck-Institut in Stuttgart an den Start gehen werden.

Liegen nur in diesen drei Bereichen die Stärken?

Das sind die drei Felder, in denen wir in der Lage sind, einen Antrag für die Exzellenz-Strategie zu stellen. Das bedeutet im Umkehrschluss natürlich nicht, dass wir nur diese drei Schwerpunkte haben. Über unsere Struktur- und Entwicklungsplanung bis 2020/21 haben wir neun weitere Felder ausgemacht, in denen die Uni besonders stark ist, die aber nicht den Kriterien eines Exzellenz-Antrags genügen.

Das wären dann Sonderforschungsbereiche?

Es sind strategische Schwerpunktbereiche, die einmal zu Sonderforschungsbereichen werden könnten. Beim Thema „Big Data“ etwa hat die Uni über sämtliche Fakultäten hinweg ausgewiesene Wissenschaftler, die mit großen Datenmengen arbeiten. Das geht los in der Medizin, wo im bildgebenden Bereich große Datenmengen entstehen, und setzt sich fort in der Informatik und geht bis zur Mathematik.

Wo liegen die Schwächen der Uni?

Da muss ich als Präsident natürlich sagen: Wir haben keine Schwächen. Wir haben ein paar Herausforderungen. Unsere Stärke ist das abgegrenzte Fächer-
spektrum, an dessen Grenzflächen wir Innovation generieren können. Das eingeschränkte Fächerspektrum ist aber auch eine gewisse Schwäche. Wenn wir eine Physik in Ulm mit 10 Professuren haben, dann hat die TU München eine Physik mit 30 Professuren. Die können mehr Themen bearbeiten, wir müssen uns spezialisieren. Klappt das, sind wir international dabei. Es kann aber auch passieren, dass wir mal aufs falsche Pferd setzen – dann ist die Spezialisierung keine Stärke, sondern eine Schwäche.

Wie wahrscheinlich ist es, dass sich das Fächerspektrum in absehbarer Zeit erweitert?

Wenn man sich die Finanzlage anguckt und die Schwierigkeiten, den sowieso unterfinanzierten universitären Bereich auskömmlich zu finanzieren, dann kann ich mir nicht vorstellen, dass das Land neue Fächer aufbaut. Die Bachelor-Master-Ausbauphase ist im Grunde genommen abgeschlossen. Wir sehen allerdings großen Bedarf, wo unsere Disziplinen in geisteswissenschaftlich orientierte Disziplinen hineinreichen. Dort, wo ethische, gesellschaftliche, technisch-philosophische oder soziologische Fragestellungen tangiert sind. Wir wären auch konkurrenzfähiger, wenn wir diese Themen selber besetzen könnten.

Sich auf Stärken zu fokussieren, könnte auch bedeuten, Studiengänge, die weniger nachgefragt werden, zu streichen, oder?

Die Studiengänge möchte ich unter diesem Aspekt zunächst gerne entkoppelt sehen von der Forschung. Zumal unsere Studiengänge auf Bachelor-Ebene eher breit angelegt sind. Wir müssen uns aber fragen, ob wir uns alle Master-Studiengänge, die wir momentan spezialisiert anbieten, auf Dauer leisten können.

Auch vor dem Hintergrund zurückgehender Studentenzahlen in den nächsten Jahren?

Mag sein, dass die Zahlen insgesamt in Deutschland zurückgehen. In den süddeutschen Ländern merken wir das nicht, im Gegenteil, wir haben jedes Jahr steigende Anfängerzahlen und eine deutlich steigende Nachfrage.

Wie sieht es mit der Internationalisierung aus? Ist da noch Luft nach oben?

Da steigt die Quote auch bei uns. Wir sind jetzt bei 13,6 Prozent, also Pi mal Daumen ein Siebtel unserer Studierenden kommt aus dem Ausland. Je weiter man im Studium geht, also auf Master- und auf Doktoranden-Ebene, desto höher wird der Anteil. Auf Doktoranden-Ebene gibt es Fächer, die haben zwischen 30 und 50 Prozent ausländische Doktoranden. Jetzt schließt sich sicherlich gleich die Frage an mit den Gebühren . . .

. . . in der Tat . . .

. . . also, wenn man bedenkt, dass pro Semester 1500 Euro zu bezahlen sind, dann ist der Betrag im Vergleich zum Ausland international sehr konkurrenzfähig. Dazu werden gegenwärtig noch die Ausführungsbestimmungen der Gebührenpflicht präzisiert, das heißt: Es wird eine Sozialkomponente geben, die junge Menschen beispielsweise aus Afrika oder Nahost von der Gebühr befreit.

Grundsätzlich begrüßen Sie also den Vorstoß der Ministerin, Studenten aus Nicht-EU-Ländern zur Kasse zu bitten?

Ich würde mal sagen, die Gebühr hat nicht das Abschreckungspotenzial, das manche darin zu sehen glauben. Die Quote an ausländischen Studierenden wird  nicht massiv sinken. Die Alternative wäre gewesen, die 48 Millionen Euro, die Wissenschaftsministerin Theresia Bauer einsparen muss, an anderer Stelle von den Universitäten zu holen. So versucht die Landesregierung, das über die Einnahmeseite zu machen. Dass die 48 Millionen Euro  zusammen kommen, bezweifle ich zwar, aber es gibt immerhin einen gewissen Dämpfungseffekt.

Was sagen Sie einem jungen Menschen, der Medizin, Informatik oder Wirtschaftsmathematik lieber in München oder Berlin studieren will statt in Ulm?

Berlin und München sind tolle Städte. Aber wenn man richtig gut studieren will, dann sollte man besser nach Ulm kommen. Weil wir das bessere Betreuungsverhältnis haben, weil wir das familiärere Verhältnis haben zu den Studenten, weil wir durchaus eine überschaubarere Stadt sind, die ein Kulturangebot und auch studentisches Leben hat.

Können Sie jungen Leuten heute noch empfehlen eine Karriere in der Wissenschaft anzustreben –  speziell vor dem Hintergrund der Zeitverträge und ungewisser Perspektiven? Man spricht ja mittlerweile vielfach vom wissenschaftlichen Prekariat.

Das Wissenschaftsprekariat findet sich häufig in den Geisteswissenschaften. Wer an der Uni Ulm studiert, kriegt einen Job.  Was die wissenschaftliche Karriere als solche angeht: Ich würde jedem, der in unseren Fächern das Engagement, die Motivation und das Können hat, raten: „Mach das!“

Wissen die Ulmer, was sie an ihrer Universität haben?

Manchmal hat man so das Gefühl, sie wissen es nicht so wirklich. Wir werden häufig als Krankenhaus mit angegliederter Studiermöglichkeit gesehen, nur langsam ändert sich diese Sichtweise. Was sicherlich damit zusammenhängt, dass von unseren fast 11 000 Studierenden viele in der Stadt wohnen. 50 Jahre sind eine kurze Zeitspanne für eine Uni, um sich im Stadtbild zu etablieren, insbesondere wenn man Campus-Universität außerhalb des Stadtgebiets ist. Deswegen arbeiten wir zunehmend daran, uns stärker in der Stadt zu präsentieren. Das Jubiläumsjahr ist einer der großen Anlässe, um vieles in der Stadt zu machen.

Hat die Uni nicht eine Bringschuld? Tut sie genug?

Wir haben eine Bringschuld – wie die Wissenschaft insgesamt. Wenn man sich heute anschaut, wie Wissenschaftler in der politischen Diskussion manchmal dargestellt werden, als diejenigen, die abgehoben sind, die keine Wahrheiten, sondern vollkommen nutzlose Erkenntnisse und Lügengebilde produzieren, zeigt das, dass wir viel stärker mit allgemein verständlichen Erklärungen auf die Bevölkerung zugehen müssen.

Sind Studenten heute anders als zu Ihrer Zeit?

Auf jeden Fall. Sie sind anders sozialisiert. Ich bin ein Kind der 60er, Hippiezeit, Stones, solche Dinge. Ich bin ohne Internet, ohne Informatik aufgewachsen und habe es dann trotzdem studiert. Die Studierenden heute sind diejenigen mit den Helikopter-Eltern, ihnen hat man vieles abgenommen, sie zeigen deshalb häufig ein konsumorientiertes Anfangsverhalten, im Studium wollen sie unterhalten werden. In den letzten Jahren hat sich das wieder etwas gewandelt, sie übernehmen mehr Eigenverantwortung. Die jungen Menschen merken: Ich muss mich wieder mehr selber darum kümmern, es gibt Kräfte in dieser Welt, die potenziell Angst machen, die Entwicklung in der arabischen Welt, die Globalisierung, der Klimawandel. Das alles treibt die jungen Leute um.

Aber trägt nicht gerade die Verschulung des Studiums dazu bei, den Studierenden die Verantwortung abzunehmen.

Die Verschulung hat zu einer starken Ökonomisierung des Studiums geführt. Die Studierenden machen das, was im Stundenplan steht, und studieren sehr stromlinienförmig. Das gilt aber nur für den Bachelor. Spätestens im Masterstudium ist man gezwungen, sich zu fragen: Wo will ich hin? Diese Eigenverantwortung, die kommt so ab dem fünften Semester Bachelor.

Die Universität Ulm konnte sich zuletzt mit Top-Platzierungen im Ranking „Beste Unis unter 50 Jahren“, schmücken. Da fällt sie jetzt raus.

Wir sind beim Gesamtranking weltweit auf Platz 135 – unter mehr als 20.000 Universitäten, das ist schon richtig gut. Das ist eigentlich absolut top.

Meine schlechteste Abi-Note . . .
war, glaube ich, eine Zwei in Deutsch. Ich hatte ein ganz passables Abitur.

Wenn ich heute studieren würde . . . wäre es wieder Informatik, weil es ein tolles Querschnittfach ist.

An meinem Amt mag ich nicht . . .
die häufige Fremdbestimmung.

Das Schöne am Präsidentenamt . . . ist die Vielfalt an Themen, mit denen ich zu tun habe. Die Begegnungen und
konstruktiven Diskussionen mit unterschiedlichen Menschen.

Abschalten kann ich am besten . . . daheim auf dem Sofa, am Esstisch oder beim Kochen.

Abonnieren Sie das kostenlose Morning-Briefing aus der Chefredaktion
Damit starten Sie top informiert in den Tag. Außerdem im Newsletter: Die Wettervorhersage und die aktuelle Verkehrslage in der Region.
» zur Registrierung
Kommentieren

Kommentare

21.02.2017 16:32 Uhr

Voraussetzungen für ein unbeschwertes Leben

Der Präsident der Ulmer Universität geht fehl in der Annahme, wenn Herr Weber behauptet, dass die seelische unverbunden neben der körperlichen Dimension existiert, weil in einer multidimensionalen Welt die Beziehungen zwischen den unterschiedlichen Ausdehnungen stets sozialer Natur sind. Die von ihm erwähnte Traumaforschung verlöre sich also geradewegs in der Irre anstatt ein Ausweis von Exzellenz zu sein, falls sie jemals Versuche unternähme, ungeachtet der längst durch einander gegebenen Ganzheitlichkeit des Menschen beides im Nachhinein zu verkoppeln. Insofern bleibt geboten, zuvörderst die Einheit alles Sozialen theoretisch angeleitet und empirisch kontrolliert zu untersuchen, wenn das Versprechen der Ärzte auf Heilung von Bestand sein soll und zugleich sämtliche Praktiken strikt zu meiden, welche daran unbeteiligten Dritten zwingend den sozialen Tod eintreten lassen, damit jedem Angehörigen zumindest der regional ansässigen Bevölkerung wenigstens die Aussicht auf ein unbeschwertes Leben beschieden ist.

Antworten Kommentar melden

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Themenschwerpunkt

Interviews der SÜDWEST PRESSE

Hier finden Sie Interviews der SÜDWEST PRESSE zum Nachlesen archiviert.

mehr zum Thema

Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Sicherheit: Sonderkommission jagt Einbrecher

Die Polizei beiderseits der Donau verstärkt ihren Kampf gegen Wohnungseinbrüche. Das Präsidium in Kempten hat jetzt eine Sonderkommission dauerhaft eingerichtet. weiter lesen