Ulms steile Baustelle

Die Sanierung am Turm der Georgskirche geht voran. Einen Teil der Schäden hat der Wind in 100 Jahren verursacht, einen anderen der Mensch durch die Arbeiten vor 30 Jahren. Heute sehen Fachleute vieles anders.

|
Vorherige Inhalte
  • Das Maßwerk an der Oberseite der Glockenstuhl-Fenster mit (von links) Steinmetz Helmut Schneider, Martin Fricker und Günter Drollinger von der Georgsgemeinde sowie Bauleiter Raimund Amann. Fotos: Volkmar Könneke (2)/Siegfried Geyer 1/3
    Das Maßwerk an der Oberseite der Glockenstuhl-Fenster mit (von links) Steinmetz Helmut Schneider, Martin Fricker und Günter Drollinger von der Georgsgemeinde sowie Bauleiter Raimund Amann. Fotos: Volkmar Könneke (2)/Siegfried Geyer
  • Ungewöhnliche Perspektive: Aktuelles Luftbild von Georgskirche samt Gerüst. 2/3
    Ungewöhnliche Perspektive: Aktuelles Luftbild von Georgskirche samt Gerüst.
  • Die Turmhauben sind aus Kupferblech. Die Falze sind hier gut zu erkennen. 3/3
    Die Turmhauben sind aus Kupferblech. Die Falze sind hier gut zu erkennen.
Nächste Inhalte

"Der Wind, der Wind, das himmlische Kind." Mit diesem Satz antworten Hänsel und Gretel im Grimmschen Märchen auf die Frage der Hexe, wer sich zu schaffen mache an ihrem Haus, das mit allerlei Leckereien bedeckt ist - und an denen sich die hungrigen Kinder gerade gütlich tun. Gar nicht himmlisch, sondern ziemlich schädlich hat der Wind am markanten Turm der Georgskirche gewirkt. Seit dem Frühjahr ist der Turm hinter einem hohen Gerüst mit weißen Planen versteckt, die fünf schmalen Spitzen ragen oben daraus hervor.

Hinter den Planen verborgen sind die Sanierungsarbeiten im Gange. Steinmetzen und Spengler sind am Werk, die Bauleitung hat Raimund Amann vom Architekturbüro im Klosterhof. Amann und Helmut Schneider, der verantwortliche Steinmetz von der Firma Weber aus Erbach, sind dabei in steter Absprache mit dem Denkmalamt und der Materialprüfungsanstalt in Stuttgart. Denn die in den Jahren 1902 bis 1904 unter Leitung von Max Meckel erbaute neugotische Kirche steht unter Denkmalschutz, also muss das Gotteshaus innen und außen möglichst im Ursprungszustand erhalten bleiben.

Original ist zum Beispiel die inzwischen grün oxidierte kupferne Turmhaube. Die ungewöhnlich steile und 86 Meter hohe Form mit einer hohen und vier flankierenden niedrigen Zacken ist nicht gemauert. "Die Basis ist eine Stahlkonstruktion mit hölzernen Balken, die mit einer Holzverschalung verkleidet ist", erklärt Raimund Amann. Darauf sitzt außen die Kupferhaut. Obwohl sitzen nicht das richtige Wort ist: So genannte Haften sind kleine Metallwinkel, die von außen in die Verschalung getrieben werden, und um sie wird beim Falzen das Blech festgedrückt. An der Westseite, gegen die der Wind häufig bläst, haben die Verantwortlichen mit Lockerungen gerechnet. "Aber viel größer sind die Schäden an der Ostseite: Schuld daran ist der Sog des Windes", berichtet Amann.

Dort, wo sich die Kupferhaube großflächig gelockert hat, sind jetzt Spengler dabei, vorsichtig die Falze zu öffnen, neue Haften zu setzen und dann die Falze wieder zu schließen. Das mehr als 100 Jahre alte Kupferblech macht das mit. "Es darf aber nicht zu kalt sein, sonst besteht die Gefahr, dass es bricht", erklärt der Bauleiter.

Auch die Steinmetzen versuchen, möglichst viel vom Originalmaterial zu erhalten. Helmut Schneider und seine Kollegen klopfen alle Steine ab, reinigen sie, füllen Risse, bessern Fugen aus und dichten Rillen ab. Laut der Schadenskartierung sind an 200 Stellen Materialergänzungen nötig, 30 schadhafte Steine werden ganz ausgetauscht.

"Viele Schäden, die wir heute reparieren, sind erst durch die Sanierung 1983 entstanden", sagt Schneider. So war es vor 30 Jahren beispielsweise "der neueste Schrei, Sandstein mit einer feinen Silikonschicht zu überziehen, um ihn gegen eindringendes Wasser zu schützen. Aber das Material fing schon nach zwei Jahren an abzublättern."

Zu großen Schäden hat auch der damalige Einbau von Schallläden an den sieben Fenstern der Glockenstube geführt. Die Läden sollten dafür sorgen, dass der Glockenklang nach oben geht. Allerdings wurden die sieben Meter hohen Holzläden direkt an den schmalen Streben festgemacht, die das Maßwerk stützen - so heißen die Verzierungen oben in den neugotischen Spitzbögen. Die Folge: Der Winddruck an den Läden verursachte Risse in den Streben aus gegossenem Kunststein, Wasser drang ein, der stützende Stahl im Inneren korrodierte, und ganze Stücke platzten ab, so dass akute Einsturzgefahr bestand.

"Wir müssen erst mal das Maßwerk abstützen, das pro Fenster 2,1 Tonnen wiegt, ehe wir die Streben ersetzen können", berichtet Schneider. Das stützende Gerüst sei jedes Mal ein Unikat. Laut Bauleiter Raimund Amann werde die Schallläden nach der Sanierung anders aufgehängt.

Bis mindestens Ende 2013 werden die Arbeiten an der Georgskirche noch dauern, die Kostenschätzung beläuft sich auf 1,75 Millionen Euro. Und das Ergebnis soll "mindestens für 30 Jahre halten", hoffen Amann und Schneider.

Abonnieren Sie das kostenlose Morning-Briefing aus der Chefredaktion
Damit starten Sie top informiert in den Tag. Außerdem im Newsletter: Die Wettervorhersage und die aktuelle Verkehrslage in der Region.
» zur Registrierung

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Betrunkener Autofahrer rammt Polizeiwagen - Drei Verletzte

Ein betrunkener Autofahrer hat in Eberhardzell (Landkreis Biberach) einen Polizeiwagen derart gerammt, dass ein Polizist im Auto schwer verletzt wurde. weiter lesen

Unfall mit Streifenwagen-