Ulmer Traditionscafé Ströbele macht zu

Am 30. Juni ist das Ulmer Traditionscafé Ströbele letztmals geöffnet. Konditormeister Adelbert Engler hört aus gesundheitlichen Gründen auf. Die Volksbank Ulm-Biberach verhandelt bereits mit einem Nachfolger.

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Sie lachen nur für den Fotografen, denn die Ströbele-Zeit ist zunächst vorbei für Kellnerin Vassiliki Hügel (links), die Konditorinnen Theresa Blessing und Katrin Gebur, Kellner Klaus Zink und deren Chefin Carola Engler (vorne).  Foto: 

Zum  50-jährigen Bestehen des Café Ströbele im Jahr 2008 wurde extra eine Preiselbeer-Jubiläumstorte gebacken . Am 30. Juni geht der Ofen in der Backstube erst einmal aus. Konditormeister Adelbert Engler (54), der seit Jahren rheumatische Beschwerden hat, und seine Frau Carola (49) hören nach 15 Jahren auf. Den Mietvertrag in dem Volksbank-Gebäude in der Hirschstraße 4 haben Englers zum 31. August gekündigt.

Was hat der Vermieter nun vor mit dem Ulmer Traditionscafé in 1a-Lage? "Und mit einer 1a-Miete", ergänzt Carola Engler. Denn monatlich musste sie für den Laden im Erdgeschoss mit einem Straßencafé (80 Sitzplätze) und den Gastraum im ersten Stock (150 Sitzplätze) eine Miete auf dem Preisniveau eines Kleinwagens zahlen.

Die Volksbank Ulm-Biberach ist derzeit schon in Verhandlung mit zwei Interessenten, hieß es dort am Montag auf Anfrage. Die Bank will das Café mit eigener Konditorei erneut in der bisherigen Form vermieten, und zwar über ihre Immobilientochter. Eine Umwandlung in einen Laden sei bisher nicht geplant. Jedoch bleibt offen, ob ein neuer Betreiber die teils sehr langjährigen Ströbele-Mitarbeiter übernimmt.

Carola Engler gibt zu, dass ihr und ihrem Mann dieser Schritt sehr schwer gefallen sei. "Aber die Gesundheit geht nun mal vor." Derzeit gehören zum Team von Konditormeister Engler 15 Mitarbeiter: Das sind seine Frau, Verkäuferinnen im Laden, Bedienungen im Café, Konditorinnen in der Backstube und Mitarbeiter in der Küche für die kleinen warmen Mittagsgerichte. Ein Lehrling wird derzeit nicht ausgebildet. Aber in den vergangenen 15 Jahren gingen bei Konditormeister Engler stets Konditoren in die Lehre. Sie erhielten Einblicke in alle Bereiche der Feinbäckerei wie Torten, Teegebäck und 30 Sorten Pralinen.

Einer von ihnen, Mitte 30, würde das Café Ströbele gerne weiterführen mit den alten Rezepten, aber mit neuen Ideen und unter neuem Namen. Wie Carola Engler erfahren haben will, stellt die Frau des bereits verstorbenen ehemaligen Pächters, Rudolf Ströbele, die Namensrechte ohnehin nicht mehr zur Verfügung.

Englers größter Wunsch wäre es, dass der junge Konditor gemeinsam mit seiner Frau als zukünftiger Mieter den Zuschlag erhält. Wenngleich Carola Engler zu bedenken gibt, dass der Gastraum erneut renoviert werden müsste. Der letzte Umbau liegt zehn Jahre zurück.

Damals, 2004, seien die Gäste aus Neugier noch ins renovierte Café Ströbele gekommen, das in Nachbarschaft zum Café Tröglen am Münsterplatz liegt. Mit den Jahren hätten solch alteingesessene Cafés aber zunehmend Konkurrenz bekommen von Bistro-Cafés, in denen man schnell seinen Latte schlürft und schon wieder weitereilt, oder wo man das heiße Getränk im Pappbecher mit auf den Weg nimmt.

"Heute hat kaum noch einer Zeit, gemütlich einen Kaffee zu trinken und ein gutes Stück Torte zu genießen", beklagt Carola Engler. Und die Wochenmarkt-Kunden von außerhalb, die sich nach dem Einkauf im Ströbele trafen, würden auch weniger. "Weil bald jedes Dorf seinen eigenen Wochenmarkt hat." Der Mittwoch und der Samstag seien längst nicht mehr die zwei zuverlässigen Tage in der Woche, die Gäste bringen. "Mal ist die Stadt voll, dann ist wieder tote Hose", hat Carola Engler beobachtet.

Am Montag um 16.30 Uhr waren im Ströbele zumindest fast alle Fensterplätze besetzt - mit Blick auf Pfauengasse und Hirschstraße. Karlheinz Bayerl ist seit gut 30 Jahren Stammgast dort. Der 70-Jährige findet es "furchtbar", dass das Ströbele zumacht. Er hofft sehr, dass sich ein Nachfolger findet. "Jede andere Kneipe könnte zumachen in Ulm, das wäre mir egal", sagt er.

Mittwochs ab 14.30 Uhr würden noch echte Kaffeekränzchen abgehalten, berichtet Kellner Klaus Zink. Aber die alten Stammgäste seien weggestorben, im mittleren Alter komme nichts nach - "und das Jungvolk bleibt auf der Hirschstraße an den Imbissbuden hängen".

"Es gibt kaum noch richtig alte Kaffeehäuser wie unser Ströbele", bedauert seine Kollegin Vassiliki Hügel. Sie bedient seit 14 Jahren im Café und liebt ihre schwarz-weiße stilechte Kellnerinnen-Kleidung. "Ich bin sehr traurig, dass bald alles vorbei ist", sagt die 54-Jährige.

Kollegin Inge Stolzenberg ist schon weit übers Rentenalter hinaus, hat aber nach 39 Jahren im Service des Ulmer Traditionscafés immer noch Spaß an der Arbeit. Obwohl sie alle Höhen und Tiefen des Ströbele miterlebt hat.

Carola Engler zur personellen Situation: "Wir müssen uns alle erst einmal arbeitslos melden." Die Konditoren seien gut, sie würden sicher schnell eine neue Stelle finden. Sie selbst ist gelernte Sekretärin, will aber erst einmal eine Pause einlegen. Dass das Ströbele einen Nachfolger sucht, stehe bereits in der Handwerkerbörse im Internet. "Aber, was sich da meldet, das kann man vergessen", meint die erfahrene Geschäftsfrau kritisch.

Am 30. Juni ist also erst einmal Schluss: "Aber bis dahin gibt es noch alles", betont Carola Engler. Frühstück, kleine Mittagsgerichte und Torten vom Meister mit selbst gebackenen Böden.

Kommentar Ströbele: Der Gast hat es in der Hand

Die Hoch und Tiefs des Café Ströbele
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