Ulmer Steuerbetrüger gefährden gesellschaftlichen Zusammenhalt

1607 Steuerbetrüger haben sich im Einzugsgebiet des Ulmer Finanzamtes in den vergangenen drei Jahren selbst angezeigt. Wohl kaum aus der Einsicht, dass das soziale Gleichgewicht in der Region auch deshalb besteht, weil sich jeder für das Gemeinwesen nach seiner Stärke beteiligt. Ein Leitartikel von Hans-Uli Thierer

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Mancher Sachverhalt erklärt sich schlichter als man denkt. Wer das Geheimnis ergründet, warum es dem Land und seinem Durchschnittsmenschen so gut geht wie nur wenigen Ländern und dem Durchschnittsmenschen anderswo, der muss nicht groß hineingeheimnissen. Er stößt auf das hierzulande verbreitete Phänomen des Mittelstands.

Die Wirtschaftsstruktur im Südwesten ist - als ein Motor des Wohlstands - mittelständisch geprägt. Als Ulm in den 80er Jahren in eine schwere industrielle Krise taumelte, war es neben dem Aufbau der Wissenschaftsstadt der Ausbau dieser mittelständischen Strukturen, die übern Berg halfen.

Regional charakteristisch ist aber auch, dass die Gesellschaft auf dem Fundament eines breiten bürgerlichen Mittelstandes fußt. Wer den sozialen Frieden bewahren möchte, ist also gut beraten, die Mittelschicht zu stärken.

Das dritte Element, das Stabilität verleiht, findet sich in unserer Staatsräson, die unter anderem darauf gründet, dass jeder nach seiner Stärke und seinem Vermögen Steuern zahlt. Mit Steuern wird das Gemeinwesen finanziert, das von der neuen Bahnstrecke bis zur sanierungsfälligen Schul-Turnhalle reicht. Wohlgemerkt reden wir hier nicht von den Wohltaten reicher Leute in rotarischen Clubs oder ihren Spenden für soziale und karitative Zwecke. Wir reden von Steuern und staatlichen Mitteln, deren ausgleichender Zweck darin besteht, Arme nicht immer ärmer werden zu lassen.

Damit reden wir gleichzeitig von jenen 1607 Steuersündern, die sich im Einzugsgebiet des Finanzamts Ulm in den vergangenen drei Jahren zu einer Selbstanzeige entschlossen haben. Ob ihnen bewusst ist, was Bundes- und Landesstatistiker ebenso feststellen wie große Sozialverbände, also etwa VdK, Caritas, Diakonie? Sie beklagen, dass die Effekte der Umverteilung immer schlechter greifen - auch, weil der Spitzensteuersatz von einst deutlich über 50 auf deutlich unter 50 Prozent gesunken ist. Deutschland ist im Vergleich zu anderen westlichen Ländern ein Niedrigsteuerland für Wohlhabende.

Die Vermögenden - und das sind besagte 1607 Steuersünder allemal - werden wieder mehr abtreten müssen, um das für die soziale Befindlichkeit maßgebliche Volksgefühl der Gerechtigkeit im Lot zu halten; und um zu verhindern, dass sich Debatten über Neid und Maßlosigkeiten zuspitzen oder radikalisieren. Mit Gleichmacherei hat dies nichts zu tun. Wer sie übertreibt, beseitigt Anreize zur Leistung. Wer aber maßlose Ungleichheit befördert, raubt der Gesellschaft ihren unverzichtbaren Sinn fürs Gemeinwohl, für die prinzipielle Solidarität der Schichten untereinander.

Ob ein Motiv der Selbstanzeigen dieser 1607 Flüchtlinge in Steuerparadiese die späte Einsicht war, dass dieses Land im Allgemeinen und der hiesige reiche Landstrich im Besonderen auch deswegen prosperiert, weil er sozial ausgewogen ist, weil starke Schultern schwächere stützen? Eher wohl waren die Angst vor Steuerfahndung und Strafverfolgung das weniger edle Motiv.

Die Mittelschicht spürt, ob einer an den Pranger gehört. Dafür ist nicht nur die Schwere eines Vergehens maßgeblich. Ebenso entscheidend ist, ob jemand sich durch Haltung Ansehen erworben hat. Uli Hoeneß, gebürtiger Ulmer und Steuersünder, als Münchner aber keiner der besagten 1607, weiß ein Lied davon zu singen, was es heißt, Kredit verspielt zu haben

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Kommentare

06.01.2014 14:42 Uhr

Blindheitswerk

Wieder einmal ein dummes Gesaber, lassen Sie doch diesen Mist in Ihrer Tasche und wenn Sie schon schreiben dann so das es auch Normalos verstehen ansonsten lassen Sie es einfach sein und schreiben ein Buch über Hochprozentige Dummheit.

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06.01.2014 13:28 Uhr

Finanzamt als "Blindenhilfswerk"

Bis zum heutigen Tag keine Lehren aus der Anfang der 1980er Jahre industriell sich überaus rasch gleichsam wie ein Lauffeuer in der hiesigen Region ausbreitenden Krise gezogen zu haben, kann nicht mit dem Einwand gerechtfertigt werden, dass dafür bislang zu wenig Zeit zur Verfügung gestanden hätte. Angesichts des sozialen Tatbestands einer enormen Vielfalt von Ansatzpunkten für den jederzeitigen Bruch mit solchem kaum mehr sagbaren Fehlverhalten, kann das geradezu eiserne Festhalten an ohnehin deshalb überkommenen Praktiken lediglich noch mit unheilbarer "Blindheit" in den Fragen menschlicher Beziehungen erklärt werden.

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05.01.2014 20:25 Uhr

Antwort auf „Steuersünder”

und morgen wählen wir wieder die gleichen, es wird sich also nichts ändern. aber die explussion wird sicher kommen, sie ist nicht mehr fern.

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05.01.2014 16:13 Uhr

Steuersünder

Bei allem Verständnis für die Steuerhinterzieherproblematik und den Geldmangel des Staates:
Es gibt inzwischen keine Privatsphäre mehr ,der Staat will alles wissen,mischt sich in alles ein ,kontrolliert und gängelt, dass man nur noch fortlaufen möchte.
Manche Menschen haben nach Kriegen,Währungsreformen,Enteignungen(DDR) und dergleichen einfach (und zurecht) kein Vertrauen mehr in diesen Staat,der sich je nach Wunsch und Bedarf nimmt was er möchte,dazu Versprechen bricht("Die Rente ist sicher"),Verträge einseitig kündigt, und unser aller Steuergeld in Staaten verschiebt, die schlicht pleite und unrettbar sind.Derletzt hat der IWF öffentlich angedacht (und das ist wirklich so passiert),auf alle Sparguthaben der EU-Bürger 10% Flattax zu erheben,um die Schuldenproblematik in den Griff zu bekommen.Das ist eigentlich unfassbar,den Aufschrei unseres Herrn Thierer habe ich da leider nicht mitbekommen.Wundert es sie da Herr Thierer,dass da mancher Bürger eben NICHT möchte,dass der Staat genau weiß wieviel Geld und Gold oder sonstwas er hat,und seine Ersparnisse eben unterm Sofa versteckt.Wird ein solcher Bürger "ERWISCHT" mit seinem Geld,ist er per se schon ein Gauner und Steuerhinterzieher,wobei keinfalls klar ist, ob es sich überhaupt um unversteuertes (Schwarz)Geld handelt,sondern vielleicht nur um seine Notgroschen fürs Alter, die sich die gierige Krake Staat einverleiben möchte.
Mancher will einfach nicht, dass alles über ihn öffentlich und kontrollierbar ist,auch wenn das in Zeiten von Facebook unmodern erscheint.Wer will ,kann ja die Vorhänge seines Schlafzimmers zurückziehen und ohne Privatsphäre leben,aber nicht alle Menschen wollen das.
Das gute alte Bankgeheimnis hatte gute Gründe und seine Berechtigung,heute kann jeder Sesselfurzer mit 2 Mausclicks alles über jeden Menschen in Erfahrung bringen.Ich möchte das nicht !
Die Journallie tut ihren Teil,indem sie unkritisch und undifferenziert auf allem rumhackt, was irgendwie nach möglicher Steuerhinterziehung aussieht, ohne zu hinterfragen, wie es im speziellen Einzelfall aussieht.C.Gurlitt fuhr im Zug mit 9000€ in bar von Zürich nach München,völlig legal ,er hat sich keines Vergehens schuldig gemacht.Trotzdem steht in der Zeitung,Gurlitt wäre mit 9000€ in bar "ERWISCHT" worden!Was gibt es da zu erwischen meine Herren Journalisten???Die Staatsanwaltschaft macht Gurlitt zum Vorwurf ,er kenne sich wohl genau mit den Gesetzen aus ,weil er kanpp unter den deklaierungspflichtigen 10 000€ blieb.Liebe Journalisten: Was ist verboten daran, mit legalen 9000€ im Zug zu fahren, und sich der gesetzlchen Regelungen darüber bewußt zu sein?Es ist eine bodenlose Sauerei was hier passiert,wir sind mitten im Orwellzeitalter,und anstatt sich über die NSA aufzuregen,kehren wir doch erstmal vor unser eigenen Türe im eigenen Land.
Selbst ein Hoeneß sollte nicht schon vor dem Prozeß verurteilt werden,dass dieser Fall überhaupt öffentlich wurde ist die eigentliche Sauerei.

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