Ulmer Münster bekommt neue Sitzkissen

Am Donnerstag wurden die neuen Bankkissen fürs Ulmer Münster geliefert. Hintereinander gelegt sind es 575 Meter, die mehr Sitzkomfort bieten.

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  • Reihe für Reihe wurden die Bänken im Münster mit den neuen Sitzkissen belegt. Auf senfgelb folgt ein kräftiger Rotton. 1/2
    Reihe für Reihe wurden die Bänken im Münster mit den neuen Sitzkissen belegt. Auf senfgelb folgt ein kräftiger Rotton. Foto: 
  • Die 16 rund 70 Jahre alten Liedtafeln werden gerade restauriert.  2/2
    Die 16 rund 70 Jahre alten Liedtafeln werden gerade restauriert. Foto: 
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Es ist ein Wow-Effekt. Ein großflächiger dazu. Seit Donnerstag hat das Münster seine neuen Sitzkissen – und die sind in sattem Dunkelrot. Mutig!, möchte man sagen. „Der Farbvorschlag kam gleich von zwei Seiten, von Münsterbaumeister Michael Hilbert und von Prälatin Gabriele Wulz. Wir als Kirchengemeinderat haben uns von der Ästhetik überzeugen lassen“, sagt Münsterpfarrer Stefan Krauter. Erstens weil die Farbe im Münster nichts Fremdes ist: Beispielsweise ist die Bemalung der Wand hinter Kanzel und Schalldeckel rot. Zweitens „weil es einen deutlich festlicheren Eindruck gibt als bislang mit den senf­gelb-beigen Bankauflagen“, zählt Krauter auf. Drittens – was im Münster nicht unerheblich ist – „macht es psychologisch wärmer, wenn man sich auf etwas setzt, das nicht die Farbe eines Steins hat“.

Vor knapp einem Jahr hat das Münster seine neue Beleuchtungsanlage bekommen. Die brachte weitere Steine ins Rollen: „Auf einmal hat man genau gesehen, wie dreckig, durchgesessen und verschlissen unsere alten Polster sind“, berichtet Krauter. Deren genaues Alter ließ sich trotz genauer Recherche nicht klären, aber „es sind sicher 60 Jahre“. Bei den ersten Überlegungen im Kirchengemeinderat über eine Neuanschaffung wurde deutlich, dass das Projekt enorme Dimensionen hat. „Das liegt schlicht an der Größe des Münsters: Wenn man unsere Banksitzkissen aneinander legt, kommt man auf 575 laufende Meter.“ Außerdem hatte der Brandschutz ein Wort mitzureden: Der neue Bezug muss brandhemmend sein.

Die neuen Kissen sind außer Rot mit vier Zentimetern Schaumstoff komfortabel hoch und sie haben eine Beschichtung, die schmutzabweisend und „bis zu einem gewissen Grad abwaschbar ist“, so Krauter. Außerdem soll sich der Bezug nicht verziehen.

Auf die Frage nach den Kosten sagt Krauter: „Es ist ein deutlich fünfstelliger Betrag und damit eine Menge Holz für unsere Münster-Gemeinde.“ Einen eigenen Spendenaufruf wie für die neue, eine Million Euro teure Licht- und Tonanlage im Jahr 2015 wird es nicht geben, „aber wenn die Leute sagen, die neuen Sitzkissen gefallen ihnen, dann bin ich nicht undankbar, wenn jemand dafür spenden möchte“.

Und weil man schon dabei war, über zeitgemäße Verbesserungen nachzudenken, nahm der Kirchengemeinderat auch die Liedtafeln in den Blick, auf denen im Gottesdienst die Lieder und Psalmen angekündigt werden. Laut Krauter hat es eine kurze Diskussion über Flachbildschirme gegeben, „aber dann war uns klar, dass Liedtafeln zum Stecken ein Teil evangelischer Identität sind“. Es wurden einige Modelle des üblichen Kirchenbedarfs zur Ansicht bestellt, „aber die wirkten an unseren mächtigen Pfeilern verloren und waren schon aus geringer Entfernung nicht mehr lesbar“, erinnert sich der geschäftsführende Pfarrer.

Nach diesen ernüchternden Erfahrungen schaute sich Mesner Ernst-Eberhard Roller, der gelernter Schreiner ist, die vorhandenen rund 70 Jahre alten 16 Tafeln näher an und stellte dabei fest, dass sie „von hoher handwerklicher Qualität sind und sich derjenige, der sie gemacht hat, sich extrem viel dabei gedacht hat“, berichtet Stefan Krauter.

Das Holz sind Tischlerplatten, die sich nicht verziehen. Am Rand gibt es Verzierungen, deren rote Farbe allerdings verblichen ist. Die über 2500 Täfelchen für die Zahlen sind aus Zinkblech – „alles andere rostet im Münster“. Und sie sind beidseitig beschriftet, so dass sie Platz sparend in die passend geschreinerten kleinen Kästchen unterhalb der Tafeln gesteckt werden können. Befestigt werden sie an Messingknöpfen, „das geht rasend schnell wie an der Theatergarderobe“. Systeme zum Schieben brauchen viel mehr Zeit.

Restaurieren statt tauschen

Deshalb hat sich der Kirchengemeinderat dazu entschieden, die alten Liedtafeln restaurieren zu lassen statt neue anzuschaffen. Ein Schreiner ist gerade dabei, er verlängert sie außerdem behutsam und später nicht sichtbar um eine Zeile. Der Rand wird auf die neue Farbe der Sitzkissen abgestimmt. An den Zinktäfelchen arbeitet ein Maler.

Stefan Krauter hofft, dass die Restaurierung im Laufe des Oktobers abgeschlossen wird. „Ziel ist es, dass zum Reformationsgottesdienst am 31. Oktober alles komplett und schön ist.“ Die Gemeinde also auf den neuen roten Kissen sitzen und die Lieder wieder von den Tafeln ablesen kann.

Geschichte Das Münster wurde als katholische Marienkirche gebaut, die Grundsteinlegung 1377 war weit vor der Reformation, die 1517 mit dem Anschlag von Luthers 95 kirchenkritischen Thesen begann, und letztlich zur Kirchenspaltung führte. In katholischen Zeiten war das Münster voller Altäre, aber ohne Bänke. Die Theologie Martin Luthers konzentrierte Gottesdienste auf das Wort statt auf rituelle Handlungen und auf die Sprache Deutsch statt Latein. So kamen Bänke in die Kirchen, damit die Gottesdienstbesucher den Bibeltexten und Predigten lauschen konnten. Die Holzbänke, die heute im Münster stehen, wurden Anfang der 1950er Jahre gefertigt und eingebaut.

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