Ulmer Maler Hermann Geyer feiert 80. Geburtstag

Hermann Geyer stellt zu seinem 80. Geburtstag im Künstlerhaus Ulm neue Aquarelle und Stempeldrucke aus. Das künstlerische Leben des Ulmer Malers ist nachhaltig durch seinen Vater Wilhelm geprägt.

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Hermann Geyer in seinem Atelier im Elternhaus auf dem Eselsberg. An der Tür hängt der Hut des Vaters, der nach wie vor sein großes Vorbild ist.  Foto: 

",Bist du der Junge von dem Alten? Das werde ich auch heute noch gefragt", sagt Hermann Geyer lachend. Der Ulmer Maler ist der Sohn von Wilhelm Geyer, der ebenfalls Kunstmaler war. Heute wird dieser "Junge" 80 Jahre alt.

Just am Geburtstag eröffnet im Künstlerhaus ihm zu Ehren eine Ausstellung mit Aquarellen neueren Datums. Auch eine Serie mit Knecht-Gottes- Liedern aus der Jesaja- Prophetie wird dort bis 14. September gezeigt. "Sprache, Musik und Bild kommen hier zusammen", erklärt Hermann Geyer. Die zehn Stempeldrucke übersetzten das Gesagte in Bewegung.

Dass Vater und Sohn Geyer oft in einem Atemzug genannt werden, kommt nicht von ungefähr. "Er war mein Meister und dazu bekenne ich mich", sagt der fast 80-Jährige und schmunzelt. "Fast so wie im Mittelalter", ergänzt er. Auch im Elternhaus, dem Atelierhaus von Hermann Geyer auf dem Eselsberg, ist der Vater allgegenwärtig. So steht etwa am Briefkasten nur ein Name: W. Geyer. Das erste Gemälde, auf das der Besucher im Flur stößt, stammt ebenfalls von Hermann Geyers Vater Wilhelm. Es sei eine besondere Beziehung gewesen, meint der Sohn und holt aus dem Schubladenschrank des Vaters seine eigenen Kinderzeichnungen hervor.

"Da saß ich am Kindertischle in der Wohnung in der Syrlinstraße", erzählt Hermann Geyer zur Entstehung dieser Zeichnung aus dem Jahr 1942. Vater Geyer liegt auf dem Bild ausgestreckt auf dem Sofa und hält Mittagsschlaf. Der Regulator über dem Sofa zeigt 15 Uhr, über dem Sofa hängt ein Geyer-Bild. Vater Geyer hat auch im Schlaf seine markante Brille auf der Nase. Neben ihm sitzt in einem Sessel Liesel Scholl. "Die hat bei uns ein Haushaltsjahr gemacht", erinnert sich Hermann Geyer.

Die Geschwister Scholl - von denen zwei, Hans und Sophie, durch ihre Mitgliedschaft in der Nazi-Widerstandsgruppe Die Weiße Rose später weit über Ulm hinaus bekannt werden sollten - gingen im Hause Geyer ein und aus. "Scholls wohnten während der Kriegszeit am Münsterplatz, dort wo heute das Gebäude der Deutschen Bank steht", berichtet der Künstler. Geyers wohnten nicht weit vom Karlsplatz. Man habe sich oft getroffen.

Eine andere Kinderzeichnung von Hermann zeigt am Esstisch sitzend - dem malenden Kind zugewandt - Inge, Sophie und Liesel Scholl mit durchaus erkennbarer Physiognomie. Der Vater steht rechts im Bild. Vorn am Tisch hat der kleine Hermann Hans Scholl und seine eigene Mutter Clara platziert. Die ist sehr klein geraten, da sie sonst die Scholl-Kinder verdeckt hätte. "Viel Platz für psychologische Deutungen", sagt der Jubilar schmunzelnd. Hermann Geyer merkte schon als Kind, dass seine Familie anders war als nationalsozialistische Mitläufer. Die Jungs unter den sechs Geyer-Geschwistern gingen im Advent um sechs Uhr zum Rorate zum Ministrieren. Statt des Appells besuchte man sonntags die Messe. Der Achtjährige erlebte den Krieg als ein Abenteuer, bei dem es krachte und brannte. "Mein Vater ist mit der Axt aufs Dach und hat glühende Balken aus dem Dachstuhl rausgeschlagen", erinnert er sich. "Er hat auch Kurt Frieds Haus gelöscht." Die Freundschaft zum Halbjuden Fried machte Wilhelm Geyer verdächtig. Die Familien hatten voneinander die Hausschlüssel.

Auch die Geschwister Scholl hatten Zugang zum Keller der Geyers und druckten dort die Flugblätter, die die Widerstandskämpfer im Februar 1943 das Leben kosten sollten. Wilhelm Geyer musste aus diesem Grund 100 Tage ins Gefängnis. "Er war ein kämpferischer und tapferer Mann", sagt sein Sohn. Er schickte seinem Vater Malbriefe ins Gefängnis und der Vater antwortete: "Ich bin sehr stolz auf Hermann".

Jener absolvierte später ein Lithografie- und Glasmalereivolontariat bei Steindruckermeister Josef Blessing und in der Glaswerkstatt Derix. 1954 nahm er das Malerei- und Grafik-Studium bei Professor Richard Seewald an der Münchner Akademie der Bildenden Künste auf. Da der Vater nach dem Krieg mit Glasfensteraufträgen überlastet war, ging er ihm schon während des Studiums zur Hand und wirkte an vielen Geyer-Fenstern mit, die unter anderem in Aachen, Xanten, dem Kölner Dom und in Mönchengladbach eingebaut sind. 1959 richtete er in Ulm sein eigenes Atelier ein.

1961 heiratete er seine Frau Gertrud. Das Paar bekam vier Kinder. Mit Glasfenstern für Kirchen bestritt er den Lebensunterhalt der Familie. Auftragsarbeiten mochte Geyer aus einem ganz bestimmten Grund: "Weil einen der Auftraggeber herausfordert, Position zu beziehen". Ein 17 Meter hohes und 5 Meter breites Fenster im hochgotischen Westchor der Oppenheimer Katharinenkirche war sein größtes Projekt, andere seiner Werke sind in Italien, der Schweiz und Irland zu sehen. Heute arbeitet Hermann Geyer im Atelier des Vaters, umgeben von elterlichen Möbeln und vielen Erinnerungsstücken. Der Hut von Wilhelm Geyer hängt noch am Garderobenhaken - und zeugt von der bedeutenden Präsenz des 1968 verstorbenen Vorbilds. "Der Junge vom Alten" sieht sich nach wie vor in der Nachfolge seines Vaters.

Neue und alte Bilder

Ausstellung "Neue und alte Bilder - Hermann Geyer zum 80sten" heißt die Ausstellung, die heute, Dienstag, 19 Uhr, im Künstlerhaus des BBK im Ochsenhäuser Hof, Grüner Hof 5, eröffnet wird. Zur Einführung spricht Dr. Stefan Borchardt. Geöffnet ist die Schau von Donnerstag, 28. August, bis 14. September jeweils donnerstags und freitags von 14 bis 18 Uhr sowie samstags und sonntags von 11 bis 16 Uhr.

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