Ulmer Klinikarzt erhält Uni-Auszeichnung für soziales Engagement

Belal Awad von der Uni Ulm hat den Preis des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) erhalten - für seine Engagement für sein Heimatland Syrien und für die Studenten, die von dort nach Ulm kommen und denen er hier hilft.

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Belal Awad reagierte schnell, als er realisierte, dass seine syrischen Kommilitonen wegen des Bürgerkriegs nicht nur finanzielle Probleme bekamen, ihr Medizinstudium an der Uni Ulm durchzuziehen.  Foto: 

Wenn er an sein Heimatland denkt, dann hat Belal Awad fast jegliche Hoffnung aufgegeben - so brutal das auch klingen mag. "Syrien wird über Generationen hinweg nicht mehr auf die Beine kommen. Die Lage ist katastrophal, das Land vollkommen am Boden." Wobei: Die wirtschaftlichen Probleme sind schon schlimm genug, noch schlimmer aber ist der Hass, der unter den verschiedenen religiösen Gruppierungen herrscht. Jeder kämpft gegen jeden. Aleviten gegen Schiiten, Christen gegen Sunniten. Ein Land kann wieder aufgebaut werden, sagt der 29-Jährige, der demnächst sein Medizinstudium an der Universität Ulm beendet und als Assistenzarzt am Klinikum eine Stelle antritt. "Hass und Rache aber sind nicht von heute auf morgen vergessen. Und der Hass ist unglaublich."

Diesen Hass hat er auch hier erlebt, in Ulm, an der Uni, vor mehr als zwei Jahren, als er sich als Gegner des Assad-Regimes bekannte. Ein Kommilitone, dessen Vater Polizeichef in einer syrischen Stadt und damit einer der Schergen Baschar al-Assads war, ging Awad lautstark in der Bibliothek an und drohte ihm sogar. Was den Medizinstudenten in der Folge aber nicht abhalten sollte, weiterhin seine politische Meinung kund zu tun. Und sich um seine Landsleute zu kümmern - zehn an der Zahl, allesamt junge Männer, die wie er zum Studium nach Ulm gekommen waren. Die einen im 3., die anderen im 5. oder im 7. Semester. Awad war zu diesem Zeitpunkt schon ein "alter Hase", er wusste, worauf es im Studium ankam, er sprach perfekt Deutsch, arbeitete bereits an seiner Doktorarbeit. Die Studenten aus Syrien einte aber eines: die Sorge um Eltern und Geschwister.

Wie kann man sich hier in Ulm aufs Lernen konzentrieren, wenn das syrische Regime ganze Städte ausradiert? "Die Situation war unglaublich schwierig", sagt Awad. Auch finanziell. Die Unterstützung der Eltern blieb aus, weil in Syrien die Wirtschaft darniederlag, die Studenten mussten mehr arbeiten - darunter litten wiederum die Prüfungsvorbereitungen und die Noten. Ein Kreislauf, an dessen Ende, wenn es ganz dumm geläufen wäre, die Exmatrikulation und dann die Ausweisung geständen hätte. Einer war schon durchgefallen, ein anderer hatte sich erst gar nicht zur Klausur angemeldet, "nicht etwa, weil sie zu dumm sind. Sie hatten in Syrien sehr gute Noten. Aber der Druck auf uns allen war immens", erkannte Awad. Er musste etwas tun, er spürte ja selber, was dieser Krieg in Syrien mit ihm machte. Mit den Eltern zu telefonieren, war schwierig, und wenn es mal gelang, dann waren im Hintergrund Detonationen zu hören. Und die Nachrichten niederschmetternd. Verwandte, Freunde und Nachbarn tot, Daraa, seine Heimatstadt im Süden Syriens an der Grenze zu Jordanien, in Schutt und Asche.

Die Dissertation legte Awad erstmal auf Eis, mit dem Einverständnis seines Doktorvaters. Was ihm vorschwebte, war ein Runder Tisch - mit dem Ziel, die Situation der syrischen Studenten zu verbessern: Awad lud alle ein, das International Office der Uni und die Ausländerbehörde der Stadt Ulm, dazu das Studentenwerk, die Studiendekane und die Studentengemeinden. Und sie alle hatten offene Ohren für die Probleme, sie versprachen nicht nur zu helfen. Sie halfen wirklich. Hier wurde ein Auge zugedrückt, manchmal auch zwei; dort wurden Fristen für Prüfungen verlängert, Nachklausuren freihändig angesetzt, Mieten beim Studentenwerk konnten in erträglichen Raten zurückgezahlt werden. Die syrischen Studenten durften Nachtdienste am Klinikum schieben, wenn immer sie Geld brauchten. "Die Ausländerbehörde kam uns auch entgegen. Es hat ausnahmslos alles geklappt", resumiert Awad, der Lerngruppen gebildet hat und selber seinen Kommilitonen Nachhilfe gab. Und er versuchte sie aufzubauen, denn: "Heulen nützt nichts. Ihr müsst nach vorne schauen. Es geht um euren Traum, Medizin zu studieren."

Dass er für sein Engagement jetzt den Preis des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) erhalten hat, damit hat er nicht gerechnet. "Ich wusste gar nicht, dass es diesen Preis gibt", sagt der 29-Jährige, der sich nichtsdestotrotz richtig freut über diese Anerkennung. Noch mehr aber hat er sich darüber gefreut, dass sein Engagement sich ausgezahlt hat: seine Landsleute haben alle Prüfungen bestanden. Durch die Bank. "Das war schön zu sehen", sagt Awad, der die mit dem Preis verbundenen 1000 Euro gerne nimmt - zumal sein Konto immer auf Kante genäht ist. Heute mehr noch als früher, weil er auch seiner Familie ab und zu Geld schickt.

Und die gegenwärtige Situation in Syrien? Was dort im Namen Allahs geschehe, habe mit Religion nichts, aber auch gar nichts zu tun. "Welcher Islam ist das denn? Wie krank ist das?", fragt Belal Awad, der selber Sunnit ist. Menschen die Köpfe abzuschlagen, das sei vollkommen irre. Den Westen will er da nicht aus der Verantwortung nehmen, "es wurde zu lange zugeschaut. Die Terrormilizen von Isis sind wie ein Krebsgeschwür. Sie sind eine Gefahr für die ganze Welt." Die einzig mögliche Lösung: Die Rebellen und das Regime müssten zusammenkämpfen, "beide haben zwar Blut an den Händen, aber logisch gesehen gibt es keine Alternative."

Zurück in sein Heimatland will Belal Awad auf keinen Fall; das Risiko, die Rückkehr mit dem Leben zu bezahlen, ist ihm zu groß. Als Assistenzarzt am Universitätsklinikum - die Stelle tritt er Anfang kommenden Jahres an - verdient Awad aber genug, um seine Eltern nach Ulm einzuladen. Vor dreieinhalb Jahren hat er sie zum letzten Mal gesehen, und zu feiern gibt es ja einiges. Den Abschluss des Studiums, seine Promotion und natürlich den Preis für sein Engagement. "Davon wissen meine Eltern noch gar nichts."

Zu helfen, ist ihm aber weiterhin ein großes Anliegen; so hat er sich dem Elchinger Freundeskreis Asyl angeschlossen. "Das ist, was ich tun kann."

Ein weiterer Preisträger: Dmitry Shurygin von der Hochschule Neu-Ulm

Biografie "Wenn man sich mit Menschen aus anderen Ländern unterhält und eine Zeit lang in einem anderen Land lebt, sieht man die eigene Kultur anders, aber auch andere Länder objektiver", sagt Dmitry Shurygin, Absolvent der Hochschule Neu-Ulm (HNU). Shurygin ist seit 2011 in Deutschland und absolvierte an der HNU den Masterstudiengang "Advanced Management". In seiner russischen Heimat unterstützte er ein Kinderzentrum des Kaliningrader Krankenhauses. Dort organisierte er Bastel-, Mal- oder Vorleseveranstaltungen für die Kinder, um sie aufzumuntern und abzulenken. Während seines Masterstudiums an der HNU gestaltete er das Kulturprogramm mit und organisierte zahlreiche Exkursionen. Der 31-Jährige schloss sein Maschinenbaustudium mit Schwerpunkt Recycling an der Technischen Universität in Kaliningrad ab. Ein einjähriges Austauschstipendium der Deutschen Bundesstiftung Umwelt am Institut Recycling der Ostfalia Hochschule für angewandte Wissenschaften und ein Stipendium der Friedrich-Naumann-Stiftung für Freiheit ermöglichten ihm erste Aufenthalte in Deutschland. Der Mathematiker arbeitet jetzt in Tübingen.

 

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Kommentare

05.11.2014 09:45 Uhr

absurd

Wenn man diesen Artikel liest, denkt man dass er über Mutter Teresa berichtete. Das ist immer das Problem an den deutschen Medien immer wieder einseitig. Der Typ hatte viele Probleme mit den nicht Sunniten an der Uni gemacht, sein Guru in Syrien war der Erste, der zum Dschihad gegen die nicht Sunniten aufgerufen hat.
Ein paar enge Freunde von ihm waren in Syrien um gegen "Ungläubige" zu kämpfen und dafür bekommt er einen Preis. Was kommt als nächstes, verteilt ihr Preise an ISIS mitglieder. Nur ein Wort :absurd

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05.11.2014 09:32 Uhr

Einfach Schade

Wenn man diesen Artikel liest, denkt man dass er über Mutter Teresa berichtete. Das ist immer das Problem an den deutschen Medien immer wieder einseitig. Der Typ hatte viele Probleme mit den nicht Sunniten an der Uni gemacht, sein Guru in Syrien war der Erste, der zum Dschihad in Dara'a gegen die nicht Sunniten aufgerufen hat.
Ein paar enge Freunde von ihm waren in Syrien um gegen "Ungläubige" zu kämpfen und dafür bekommt er einen Preis. Was kommt als nächstes, verteilt ihr Preise an ISIS mitglieder. Nur ein Wort :absurd

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