Ulmer Institut: Blutzucker-Teststreifen von Aldi fehlerhaft

Ulmer Forscher des Instituts für Diabetes Technologie haben festgestellt: Ein von Aldi verkauftes Blutzuckermesssystem taugt nichts. Der Hersteller versuchte, eine Veröffentlichung der Studie zu verhindern.

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Guido Freckmann (links), Geschäftsführer des Instituts für Diabetes-Technologie, im Labor.  Foto: 

Das kommt davon, wenn man versucht, die Wahrheit zu unterbinden: Auf dem Kongress der Deutschen Diabetes Gesellschaft Mitte Mai in Berlin mit 6000 Teilnehmern war das Poster des Ulmer Instituts für Diabetes-Technologie (IDT) das am meisten abfotografierte, erinnert sich IDT-Geschäftsführer Dr. Guido Freckmann. Was die Kongressteilnehmer so neugierig machte? Unter der Überschrift „Messgenauigkeit eines im Supermarkt erworbenen Blutzuckermesssystems“ fiel vor allem eines ins Auge: Auf dem Poster waren zahlreiche Stellen herausgeschnitten, damit der Leser nicht erfährt, welche Firma dahintersteckt.

Pikant: Das IDT hatte das Poster auf richterliche Anweisung schwärzen müssen. Die Herstellerfirma des Blutzuckermesssystems, die Medisana AG mit Sitz in Neuss, hatte eine einstweilige Verfügung erwirkt. Denn die Testergebnisse der Ulmer Forscher waren vernichtend ausgefallen. Unter Androhung einer Geldstrafe von 250 000 Euro wurden Freckmann und sein Team gezwungen, Produkt- und Firmennamen zu verschweigen. So viel zur Frage, wer sich dank schlagkräftiger Anwälte durchsetzt, wenn sich Wissenschaft und Wirtschaft als Kontrahenten gegenüberstehen.

Was geschehen war? Im März hatte das auf klinische Studien zur Prüfung von Medizinprodukten spezialisierte IDT (siehe Infokasten) Teststreifen für ein Blutzuckermesssystem von Medisana unter die Lupe genommen, das beim Discounter Aldi Süd angeboten wurde. Mit solchen Teststreifen können Diabetiker – es gibt vier Millionen in Deutschland – auf die Schnelle ihren Blutzuckerspiegel messen. Dazu wird mit einem kleinen Piekser ein Tropfen Fingerblut entnommen und auf einen Teststreifen aufgebracht, der in ein Messgerät gesteckt wird. Nach fünf Sekunden hat man das Ergebnis. Früher waren solche Teststreifen ausschließlich in Apotheken und im Fachhandel erhältlich, sagt Freckmann. Mittlerweile gibt es zahllose Anbieter, darunter auch Aldi, der das Gerät samt 100 Teststreifen im Frühjahr für 49,99 Euro anbot.

Das Ulmer Institut hatte eine Charge an 100 Probanden getestet, Resultat: Die Messwerte zeigten vielfach höhere Blutzuckerspiegel an, als die Patienten tatsächlich hatten, sagt Freckmann. Damit ist nicht zu scherzen. Denn verfälschte Ergebnisse können in der Realität dazu führen, dass ein Diabetiker sich Insulin spritzt, obwohl er es zu diesem Zeitpunkt nicht müsste. Oder dass er sich fälschlicherweise in Sicherheit wähnt. Eine Unterzuckerung kann zur Bewusstlosigkeit führen.

Überrascht war Freckmann, dass sich Medisana, vom IDT mit den Ergebnissen konfrontiert, quer stellte. „Wir hatten erwartet, dass sie das Produkt zurückziehen.“ Doch stattdessen warf die Firma den Ulmern vor, der Test sei nicht wissenschaftlich gewesen. Durch die Testung nur einer Charge könne keine verlässliche Aussage getroffen werden.

Freckmann legte gegen die einstweilige Verfügung Widerspruch ein. Und bekam jetzt vor dem Berliner Landgericht – es war zuständig, weil der Diabetikerkongress in Berlin stattfand – Recht. Das Urteil, dessen schriftliche Begründung noch aussteht: Im Sinne der Patientensicherheit darf das Ulmer Institut den Firmannamen öffentlich machen.

Medisana nahm gestern auf Anfrage der SÜDWEST PRESSE zu dem Fall keine Stellung. Gegenüber der Deutschen Apothekerzeitung äußerte sich ein Sprecher am Mittwoch allerdings so: „Interessierte Kreise“ hätten den „unzutreffenden Eindruck“ erweckt, dass Medisana und Aldi Süd Menschenleben gefährdeten. Weitere Tests stünden aus. Dennoch habe man im Sinne der Patientensicherheit die Teststreifen „vorübergehend“ aus dem Handel genommen.

Eine Aldi-Sprecherin teilte auf Anfrage unserer Zeitung mit: „Aktuell sind die Teststreifen nicht mehr in unseren Filialen erhältlich. Ob und wann wir Blutzuckermessgeräte erneut anbieten werden, ist zur Zeit noch nicht entschieden. Selbstverständlich steht die Gesundheit unserer Kunden an erster Stelle.“

An-Institut der Uni

Prüfauftrag Das Institut für Diabetes-Technologie (IDT) wurde 1986 vom Ulmer Endokrinologen Prof. Ernst Friedrich Pfeiffer gegründet, der als Vater der „Ulmer Zuckeruhr“ internationale Bekanntheit erlangte. Als Forschungs- und Entwicklungsgesellschaft an der Uni Ulm prüft das IDT Medizinprodukte im Auftrag verschiedener Hersteller, aber auch auf eigene Initiative. Ein Schwerpunkt ist dabei die Leistungsbewertungsprüfung von Blutzuckermesssystemen. Das IDT ist ein An-Institut der Uni Ulm und wird zu 100 Prozent von der Ernst Friedrich Pfeiffer-Dotation getragen. Geschäftsführer und ärztlicher Leiter des IDT ist Dr. Guido Freckmann, wissenschaftliche Leiterin Prof. Cornelia Haug.

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