Ulmer Ideengeber der Ein-Mann-Seilbahn reisen zur Eröffnung in Regenwald

Von der Idee bis zur Vollendung hat es 24 Jahre gedauert - und es floss Blut. Jetzt wird die Ein-Mann-Seilbahn in Französisch-Guyana eröffnet. Damit erforschen Ökologen die Baumkronen des Regenwaldes.

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Der Regenwald von Französisch Guyana kann nun erforscht werden, ohne das wertvolle Ökosystem zu zerstören: Wissenschaftler bewegen sich per Liftsessel über den Baumkronen und tauchen dann senkrecht ins satte Grün.  Foto: 

Nirgends gibt es solch eine Vielfalt von Bäumen, Blattpflanzen, Insekten und Kleintieren wie im tropischen Regenwald. Seit Jahrzehnten erforschen Ökologen der Universität Ulm unter anderem in Französisch Guyana in Südamerika die Baumkronen. Bislang mussten sie sich damit behelfen, dass sie mit Pfeil und Bogen ein Seil über einen starken Ast schossen und sich dann an den beiden Seilenden hinaufzogen, "was aber nicht ganz ungefährlich war", sagt Gerhard Gottsberger.

Der frühere Leiter des Instituts für Systematische Botanik und Ökologie hatte deshalb vor 24 Jahren gemeinsam mit seinen Mitarbeitern die Idee, im Regenwald von Französisch-Guyana eine Seilbahn zu bauen. In das Projekt involviert waren Kollegen von anderen deutschen Universitäten sowie holländische und französische Wissenschaftler. Bis das Seilbahnsystem endlich stand, gab es jedoch finanzielle, technische, logistische und politische Probleme - und zwei Morde. Am 20. September ist Eröffnung.

Die Konstruktion: Zwei Masten, je nach Geländeneigung 45 bis 52 Meter hoch, sind über den Baumkronen des Regenwaldes durch ein Stahlseil miteinander verbunden. Von diesem ist ein weiteres verschiebbares Tragseil zum dritten Masten gespannt. Und an diesem nach rechts und links beweglichen Seil hängt der Mensch in einer Art Liftsessel. Per elektronischer Steuerung lässt sich der Sessel vor und zurück sowie nach oben und unten bewegen. "Ein Forscher kann mit Hilfe dieser dreidimensionalen Konstruktion im Regenwald ein Areal von etwa 15.000 Quadratmetern untersuchen", sagt Gottsberger.

Mindestens fünf Millionen Organismen, wenn nicht gar zehn, seien der Menschheit noch gar nicht bekannt. "Wir wissen bisher nur von 1,8 Millionen Organismen." Außerdem habe der Regenwald eine immer größere Bedeutung für das Weltklima, weil er aus der Luft große Mengen an Kohlendioxid bindet, im Gegenzug Sauerstoff erzeugt und für Niederschläge sorgt.

Am 17. September fliegt der 73-jährige Professor im Ruhestand mit seiner Frau Ilse Silberbauer-Gottsberger und früheren Ulmer Mitarbeitern auf eigene Kosten nach Französisch-Guyana zur offiziellen Eröffnung von "Copas". So heißt der inzwischen drei Millionen Euro teure Prototyp aus Ulm. Gottsberger hatte kaum mehr daran geglaubt, dass die Seilbahn doch noch fertig wird, "aber ich habe es die ganzen Jahre gehofft".

Warum zog sich das Projekt so lange hin? 1996 gab es erst einmal 1,25 Millionen Mark von der Körber-Stiftung, die europäische Wissenschaftler unterstützt. Ein Jahr später entschied man sich - statt beispielsweise für Ecuador - für den Standort Französisch-Guyana. Zum einen, weil dort der Regenwald und sein gesamtes Ökosystem seit 300 Jahren als unberührt gelten. Zum anderen, weil dieses Übersee-Département zu Frankreich und damit zur EU gehört "und politisch ruhig und sicher ist", erklärt Gottsberger.

Im April 2000 wurde das Liftsystem probeweise im Botanischen Garten der Universität Ulm aufgebaut. Jedoch war damals noch eine Gondel für zwei bis drei Menschen vorgesehen. Da bei diesem Gewicht aber die Masten zu stark belastet würden, sollte ein Ballon für den Auftrieb der Gondel sorgen.

2001 wurden die insgesamt 70 Tonnen schweren Einzelteile aufs Schiff verladen. Sie sollten im Hafen von Cayenne an die Franzosen übergeben werden. Aber: Das Schiff "verirrte" sich zunächst auf eine karibische Insel. Von Cayenne aus wurde die Ladung schließlich per Lastwagen und weiter mit Booten und Hubschraubern in den Regenwald transportiert.

Der Aufbau hatte 2002 kaum begonnen, da schien das Vorhaben an gestiegenen Kosten, internen Problemen im französischen Forschungsrat und zuletzt an der Gondel zu scheitern. "Die enormen Temperaturen über den Baumkronen ließen den Ballon ständig auf- und absteigen", erzählt Gottsberger. Also must erst ein Ein-Mann-Liftsessel entwickelt werden - ohne Ballon.

Das größte Hindernis für die Entstehung von Copas war jedoch im Jahr 2003 ein Goldrausch in Französisch Guyana. "In den Flüssen wurde mit Hilfe von Quecksilber Gold geschürft", erzählt der Ulmer Ökologe. Viel schlimmer: Rabiate Goldgräber fühlten sich gestört und erschossen kurzerhand zwei französische Mitarbeiter im Lager. Alle Forscher flüchteten und kehrten erst wieder zurück, nachdem die Fremdenlegion die Goldgräber aus dem Gebiet vertrieben hatte. Ab 2006 wurde langsam weitergebaut am Seilbahnsystem. Vor acht Wochen war der erste Testlauf - mit einem französischen Minister am Seil.

Gottsberger ist sichtlich stolz, dass die Ulmer Idee doch noch auf französischem Boden umgesetzt wurde. "Das letzte, was man in Frankreich von Ulm gehört hat, ist doch wohl, dass Napoleon hier mal gesiegt hat."

Bis zu 400 Bäume erreichbar

Copas Das ist die Abkürzung von Canopy Operation Permanent Access System, Canopy ist der englische Begriff für Baumkronendach. Das von drei Masten begrenzte Dreieck umschließt eine Fläche von rund 6000 Quadratmetern. Somit können im dichten Regenwald bis zu 400 Bäume erreicht werden - dazu auf verschiedenen Ebenen. Die Masten sind sehr dünn, um das Ökosystem nur minimal zu stören.

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