Ulmer haben Lexikon geschrieben: Bänkisch – Deutsch

Verständlichkeit als Berufung: Zwei Ulmer verdienen ihr Geld mit dem Übersetzen unverständlicher Texte in gut lesbares Deutsch. Sie haben sich überdies als Autoren einen Namen gemacht.

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Wer versteht schon die Sprache eines Bankberaters? Die Ulmer Dr. Anikar Haseloff (rechts) und Oliver Haug.  Foto: 

Ein Behördenbescheid mit Schachtelsätzen, die zu allem Überfluss auch noch mit zusammengesetzten Begriffen gespickt sind – und altmodischen, herablassenden Floskeln. Eine Produktinformation, die vor nichtssagenden Anglizismen nur so strotzt. Behördendeutsch steht generell im Ruf unverständlich zu sein. Und auch Bänkisch hat es in sich: Oft versteht der Kunde im Gespräch mit seinem Bankberater nur Bahnhof, bisweilen weiß der Bankberater selbst nicht um den Sinn des Gesagten.

Der Ulmer Dr. Anikar Haseloff (38) hat Verständlichkeit zu seinem Beruf gemacht. Er ist Kommunikationswissenschaftler und gründete zusammen mit seinem Studienfreund Oliver Haug (39) vor acht Jahren das erste deutsche Institut für Verständlichkeit, mittlerweile stehen dort sechs Mitarbeiter in Lohn und Brot. Das Unternehmen, das unter dem Namen H & H Communication Lab firmiert, hat seinen Sitz in einer alten Villa am Hindenburgring. Es übersetzt Kundenbriefe, Bescheide, Produktinformationen und Webseiten für Behörden, Stadtverwaltungen, Banken, Versicherungen, Krankenkassen und Energieversorger – natürlich nur, wenn die von sich aus etwas ändern möchten.

Haseloff wird der Arbeit nicht überdrüssig, auch wenn sich die Sprachärgernisse, mit denen er tagtäglich konfrontiert ist, wiederholen. Er ist Idealist und freut sich, wenn ein von ihm in verständliches Deutsch übersetzter Text hernach besser ist. Zumal schlussendlich Bürger und Kunden – somit ganz normale Menschen – profitieren. Beim Behördendeutsch gebe es noch viel zu tun, meint er. Wenn Steuerformulare und Hartz IV-Anträge verständlicher wären, würde dies das Leben vereinfachen.

Als hauptberufliche Übersetzer von Bankensprache boten sich Haseloff und Haug als Autoren des neuesten Langenscheidt-Wörterbuchs „Bank – Deutsch/Deutsch – Bank“ an. Sie stehen in der humoristischen Wörterbuchreihe Seite an Seite mit dem Mediziner, Künstler und Moderator Eckhardt von Hirschhausen (Arzt – Deutsch) und der Fernsehfigur Bernd Stromberg (Chef – Deutsch). Das Büchlein der Ulmer Übersetzer folgt der Linie des Verlags, es galt Kompromisse zu machen und vor allem: witzig zu sein. „Das sollte kein trockenes Wörterbuch werden“, sagt Haseloff, „es ist ein ironischer Blick auf die Welt der Banken mit Hinweisen auf die Besonderheit der Sprachwelt.“

Die bei Bankern beliebten Anglizismen nennen die Ulmer Kommunikationsexperten Banklizismen. Eines ihrer Beispiele geht so: Redet ein Berater von Performance, so handelt es sich nicht etwa um eine Theatervorstellung. Er meint eine Aufführung der anderen Art, nämlich die Wertentwicklung der Geldanlage. „Spricht der Banker von überdurchschnittlicher Performance, dürfte Ihr Geld noch bei der Bank sein“, heißt es in dem Wörterbuch und weiter: „Ist die Performance unterdurchschnittlich, sollten Sie sich spätestens jetzt ernsthafte Sorgen machen.“

Abgesehen davon muss das Gesagte nicht das Gemeinte sein, diesem Umstand werden eineinhalb Seiten gewidmet. Ein Auszug: Wenn ein Banker den Kunden begrüßt mit den Worten „Schön, Sie zu sehen“, meint er womöglich „Gut, dass Sie da sind. Ich muss nämlich noch ein paar Versicherungen verkaufen – sonst tobt mein Vorstand“. Nun ist Geld ein sensibles Thema, Ironie verbietet sich in mancher Hinsicht. So bleibt etwa die Finanzkrise, die immensen Schaden anrichtete, ausgespart.

Am Rande bemerkt: Die Idee zu einem Wörterbuch Bänkisch – Deutsch hatten nicht etwa Haseloff und Haug. Die Idee stammte vielmehr von einer Bank aus dem Kreise ihrer Kunden. Sie wollte das Nachschlagewerk an Mitarbeiter und Kunden verschenken. Doch es kamen Bedenken auf, ein solches Wörterbuch könnte dem eigenen Image schaden. Haseloff: „Sie hätte ja zugegeben, dass man sie nicht versteht.“

In einer anderen Branche hat sich das Institut für Verständlichkeit quasi selbst überflüssig gemacht: Kryptische Beipackzettel für Medikamente gehören der Vergangenheit an. Eine Gesetzesänderung auf EU-Ebene, nach der sie verständlich sein müssen, hatte 2006 den Anlass für die Firmengründung der Ulmer Kommunikationsexperten geschaffen und den Umsatz der ersten Jahre gebracht. Inzwischen geben die Behörden der Pharmaindustrie Standards vor – in die Anmerkungen und Verbesserungsvorschläge aus dem Ulmer Institut eingeflossen sind.

Das Geschäft mit der Verständlichkeit hat nichtsdestotrotz Konjunktur, was mit dem Umstand zusammenhängt, dass sich die Angebote vieler Unternehmen – insbesondere auf dem Finanzsektor – nicht großartig voneinander unterscheiden. Haseloff: „Der Wettbewerb der Zukunft, wird nicht über Produkte entschieden, sondern über Kommunikation und Service.“

Das Langenscheidt-Wörterbuch „Bank–Deutsch/Deutsch–Bank“enthält auf 128 Seiten Ironisches und und Wissenswertes über Banken und deren Sprache. 9,99 Euro.

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