Ulm Statt Hollywood: Die Orte des Bösen

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  • Eine der vielen Ulmer Passagen, die sich bestens eignen, um den Pulsschlag zu beschleunigen: Der Eingang zum Rosengarten auf der Stadtmauer.  1/2
    Eine der vielen Ulmer Passagen, die sich bestens eignen, um den Pulsschlag zu beschleunigen: Der Eingang zum Rosengarten auf der Stadtmauer. Foto: 
  • Ein möglicher Tatort: die Unterführung der Steinernen Brücke. 2/2
    Ein möglicher Tatort: die Unterführung der Steinernen Brücke. Foto: 
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Das Böse ist immer und überall. Und weil das so ist, kann ein Krimi auch überall spielen, in verrottenden Industriebrachen wie in Villenvierteln. Das Genre kann die Schattenseiten ebenso zeigen, wie es die Fassaden vermeintlicher Wohlanständigkeit zerbröseln lassen kann.

Natürlich hilft es, wenn die Kamera die Bedrohung, die Spannung auch einfangen kann, zum Bild werden lässt. Sprich die Location stimmig ist, die richtige Mischung aus Realität und Fantasie, neben ausreichend Licht auch Schatten bietet, manches im Unklaren lässt. Da ist Ulm von November bis März als Drehort unschlagbar – ganz Ulm. Denn was verschleiert die Wahrheit besser als der Ulmer Nebel? Der torpediert auch keinen Drehplan. Auf ihn kann man sich verlassen.

Wenn dann noch das glitschige Kopfsteinpflaster durch die Unterführung der Steinernen Brücke führt, die auf der einen Seite von der Blau eingeengt wird, dem Passanten verbirgt, ob sich auf der anderen Seite jemand an die Wand drückt, dann steigt realiter der Pulsschlag, auf der Leinwand aber zumindest die Spannung. Wem das nicht reicht: Nur ein paar Schritte weiter an der Wand des Gerberhauses wartet ein nicht mal ein Meter breiter Durchgang. So schmal, dass man das Gefühl hat, dass man sich da drin bestenfalls mit Konfektionsgröße M umdrehen kann. Doch was nützt das, wenn an beiden Enden dunkle Gestalten dräuen? Überhaupt das Fischerviertel: So beschaulich seine Blauarme bei Sonnenschein wirken – wurden auf Höhe der Metzig nicht einst die Schlachtabfälle in ihrem Wasser entsorgt?

Durchgänge, Tore, Passagen. Sie sind Symbole für entscheidende Szenen, die die Handlung fortführen oder ins Leere laufen lassen, für winkende Erkenntnis wie für lauernde Gefahr, für Ecken, in denen die Beute gestellt wird und ihren letzten mutigen Kampf ficht. Besonders wenn es kein Entkommen gibt, weil das Tor der einzige Ausweg ist, die Mauern sonst unüberwindbar sind. Unüberwindbare Mauern? Da bietet Ulm richtig viel Bundesfestung, nicht nur mit der Wilhelmsburg, in deren endlosen Gängen und Kasematten schon qua Masse jede Menge Ungewisses lauert.

Auch die Stadtmauer hat zahlreiche Durchlässe mit verrottenden Kellern, die es zu passieren gilt, bevor man sich auf der anderen Seite etwa in den Gefilden des Rosengartens bei der Adlerbastei wiederfindet. Und vor den Duft der Rosen aus aller Herren Länder hat die Stadtarchitektur erst mal den Modergeruch aus der Unterwelt gesetzt. Auch in Neu-Ulm wartet mit der längsten Festungsmauer Deutschlands eine nahezu unendliche Verfolgungsgeschichte vor nass schimmernden Ziegeln – auf knirschendem Kies der Glacis-Wege. Blumenbeete und Rabatten mutieren zu Stolperfallen, die Römer-Villa verspricht nur vage Rettung. Man ahnt: Auch dort gibt es weitläufige Keller. Und das idyllische Memminger Tor zwischen Wall- und Villenstraße mutiert schnell zur Endstation, zum Abgrund unter der vermeintlichen bürgerlichen Wohlanständigkeit. Dank heutiger Technik und Drohnen  ein Kameraschwenk in einer Einstellung – ohne Schnitt. Grandios. Futter für Cineasten.

Zurück über die Donau: Dort ist auch der Hort der Guten, der Ermittler, der Detektive, eigentlich eine perfekte Filmkulisse, eine Trutzburg, direkt am Münster: der Neue Bau. Wobei Arno Lederers preisgekrönter Sparkassen-Neubau dem Polizei-Hauptquartier in Sachen offensichtlichem Verteidigungswillen glatt den Rang abläuft. Solche Banken brauchen keinen Polizeischutz. Wuchtige Grundmauern, die sich wie Elefantenbeine in den Boden stemmen, hinter den voll verspiegelten Fenstern scheinen gedungene Profis auf den Arglosen zu warten. Und man ahnt: Solche Burgen haben tiefe, kalte und feuchte Verließe. Die Blau ist ja nicht weit und auch nicht die Passage der Steinernen Brücke.

Bleibt eigentlich nur noch das mächtige Münster, dessen sakraler Innenraum für profane Gewalt­abbildungen tabu sein sollte, aber da gibt es ja die Winkel im Schatten der mächtigen Schiffe und Türme, die benachbarte Münsterbauhütte mit ihren Fialenstümpfen, den halbfertigen Verzierungen und Wasserspeiern, die da ihrer weiteren Verwendung harren.

Doch eigentlich verbietet sich der Münsterplatz als Schauplatz. Dort wurde am 4. November 1990 der 28-jährige Rafael Blumenstock ermordet. Das Verbrechen wurde nie aufgeklärt.

Drehorte Ulm ist voller toller Locations, dennoch werden nur selten große Filme in unserer Stadt gedreht. Wir wollen in unserer Sommerserie „Ulm statt Hollywood“ – mit einem Augenzwinkern –  zeigen, dass man hier tatsächlich für jedes Genre die passenden Drehorte findet. Heute widmen wir uns dem Krimi.

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