Ulm für ein Jahr

Polen und Deutsche. "Was soll es da für Unterschiede geben? Die Leute sehen nicht anders aus, die Häuser sehen nicht anders aus." Das hat Lidia Hutniczak (18) noch am Anfang ihres Jahres in Deutschland gedacht. Am 9. Juli endet ihr Aufenthalt. Heute sagt sie: "Alles ist anders.

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Zusammen auf dem Sofa (von links): Gastvater Borislav Santak, Gastschülerin Lidia Hutniczak, Gastschwester Lara und Gastmutter Claudia Santak haben nicht nur für unseren Fotografen gemeinsam gegessen. Das gemeinsame Abendessen war an der Tagesordnung. Foto: Volkmar Könneke

Polen und Deutsche. "Was soll es da für Unterschiede geben? Die Leute sehen nicht anders aus, die Häuser sehen nicht anders aus." Das hat Lidia Hutniczak (18) noch am Anfang ihres Jahres in Deutschland gedacht. Am 9. Juli endet ihr Aufenthalt. Heute sagt sie: "Alles ist anders."

In Ulm lebt sie bei Familie Santak, bei Borislav und Claudia Santak und deren jüngster Tochter Lara (19) auf dem Eselsberg. Lidia ist die erste Gastschülerin, die die Santaks aufgenommen haben. Das Paar hat drei Kinder. Alle drei waren während ihrer Schulzeit im Ausland. "Das hat bei unseren Kindern gut geklappt, sie waren in fantastischen Gastfamilien. Das wollten wir zurückgeben." Lara, die jüngste Tochter, schiebt nach: "Seitdem meine Geschwister ausgezogen sind, ist es manchmal langweilig bei euch." Das sollte sich ändern, hatte Lara beschlossen. Die Eltern zogen mit.

Der Anfang in Ulm war für Lidia nicht leicht. "Ich konnte die Sprache nicht, sondern nur so Sachen sagen wie: ,Ich gehe schlafen." Ihre polnischen Freunde habe sie vermisst und sich deswegen oft mit ihnen und den Eltern via Skype unterhalten. "Bis wir gesagt haben, dass es so nicht geht. Sie ist schließlich auch hier, um Deutsch zu lernen", sagt Claudia Santak. Lidia erwidert: "Es war so schwer. Sag du doch mal was auf Polnisch." Die Santaks gründeten kurzerhand eine private Lerngruppe für Lidia. Sie haben sich einfach unterhalten "und das hat viel gebracht", erzählt Lidia.

Sie stammt aus einem Dorf, hat aber in Polen in einem Internat in Krakau gelebt. Dort "musste ich die ganze Zeit lernen. Hier laufen Schüler mit blauen oder rosagefärbten Haaren rum. Bei uns trägt man dunkle Schuluniform." Das Leben in Polen sei nicht "so locker" wie in Deutschland. "Bei uns gibt es ein Sprichwort, das heißt: Fische und Kinder haben keine Stimme." Nach dieser Devise ist Lidia aufgewachsen, erzählt sie. Claudia Santak: "Es hat gedauert, bis Lidia überhaupt mit unseren Freunden geredet hat."

Lidia habe bei den Santaks "alle Freiheiten" gehabt. Die Bushaltestelle liegt vor der Tür - der Weg vom Eselsberg runter in die Stadt war also zu jeder Zeit machbar. Doch zunächst interessierte Lidia vor allem, wo man in Ulm sonntags zur Kirche gehen könne. Die Santaks sind nicht religiös, aber Claudia Santak hat eine Bekannte, die ehrenamtlich in einer katholischen Gemeinde auf dem Eselsberg arbeitet. Dorthin habe sie Lidia geschickt. Sie ging nur einmal hin. Und sagte hinterher: "Die sind zu modern. Die knien sich nicht oft genug hin." Also suchte Lidia weiter.  Mit der Georgsgemeinde war sie einverstanden . Zudem singt Lidia gern. Claudia Santak schickte sie zu Ten-Sing, zu "Teenager singen". Lidia weigerte sich zunächst, schließlich ist Ten Sing eine Initiative der evangelischen Kirche. "Das kannte ich nicht. In Polen sind 90 Prozent katholisch." Irgendwann fasste sie sich ein Herz, ging ins Café Jam am Münsterplatz - und war begeistert.

Eine Erfahrung, die Lidia während ihrer Zeit in Ulm gemacht hat: "Das Interesse an Polen ist nicht groß." In der Schule nicht, sie hat die 12. Klasse an der Valckenburgschule besucht. Und auch sonst nirgends. Dafür bekam sie viele Polenwitze erzählt. "Ich kenne jetzt alle."

Europa ist West und Ost, sagt Christine Potnar von der Stiftung Baden-Württemberg mit Sitz in Stuttgart. Ein Auftrag der Stiftung sei es, Kontakte zu europäischen Nachbarn aufzubauen. Potnar: "Es geht darum, Baden-Württemberg zukunftsfähig zu machen." Dafür sollen junge Europäer das Musterländle kennenlernen. Lidias Aufenthalt wurde dafür mit 5000 Euro bezuschusst, 1000 Euro musste die Familie der Schülerin selbst zahlen.

Gelohnt hat es sich für Lidia. Oder, wie Claudia Santak sagt: "Lidia kommt als anderer Mensch nach Hause." Zum zweiten Mal sei sie abends allein ausgegangen, zum ersten Mal habe sie Bier getrunken, mit den Santaks Bogenschießen trainiert, vor allem mit der Gastmutter gemeinsam gekocht. "Ich bin traurig, wenn ich gehe", sagt sie.

Und die Santaks? Würden sie nochmal eine Gastschülerin aufnehmen? "Ja", sagt Claudia Santak. "Wenn jemand so lange mit im Haus lebt, erfährt man auch neues über sich."

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