Über Ulm: Ballonfahrt von Söflingen bis Nerenstetten

Direkt übers Münster fliegen, das ist der Plan. Aber eine Luftströmung treibt den Ballon nach Nordosten ab. Trotzdem ist eine Ballonfahrt ein tolles Erlebnis mit spannenden Ein- und Ausblicken. Mit Video und Bildern von der Ballonfahrt

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Ballonfahren ist eine gemütliche Sache – aber erst nach dem Start. Vorher müssen die Passagiere fest mit anpacken. Karl Schwer sagt genau, was zu tun ist: Den Korb aus dem Hänger wuchten und den Aufbau mit dem Brenner daraufsetzen; anschließend den Riesenbeutel mit der gefalteten Ballonhülle auf die Wiese schleppen und die ersten paar Quadratmeter herausziehen und am Korb befestigen. Das Aufblasen übernimmt ein Drucklüfter. Am Boden entfaltet sich die Hülle langsam zu ihren gigantischen Dimensionen: 33 Meter Höhe, 20 Meter Durchmesser, 4200 Kubikmeter Volumen.
 


Als Schwer den Brenner mit dem Propangas zündet, dauert es nicht lange und der Ballon richtet sich auf. Sofort heißt es: Einsteigen in den Korb – und schon geht es nach oben. Mit drei Metern pro Sekunde steigt der Ballon rasch. Im Handumdrehen liegt der Startplatz, eine Wiese östlich der TSG, tief unter dem Korb. Der Rote Berg, Söflingen und Kuhberg weiten sich im Draufblick. Schnell ist auch die Höhe der Kuhberg-Antenne passiert und das 360-Grad-Panorama steht: nach Süden übers Donautal, Wiblingen und das Oberland; im Westen erhebt sich markant der Bussen; im Norden der Eselsberg, dahinter die Weite der Schwäbischen Alb; im Westen liegt die Ulmer Innenstadt, dahinter geht es entlang der glitzernden Donau ins Bayerische, wo auch die Kühltürme von Gundremmingen deutlich zu sehen sind.

„Es ist jedes mal wieder schön“, sagt Karl Schwer und genießt den Blick in die Weite. Seit 1990 fährt der Erbacher Ballon. Seine vier Mitfahrer müssen sich erst mal daran gewöhnen, dass die Orientierung zweidimensional geworden ist, weil aus der Höhe alles flach aussieht; selbst die steilsten Straßen, an denen sich der Radler abplagt, sehen von oben völlig harmlos aus.

Ruhig gleitet der Ballon dahin. Es weht kein Wind, weil sich das Gefährt mit der Luftströmung bewegt. Ganz still ist es nicht, weil Schwer immer wieder den Brenner betätigt, um die Höhe zu steuern. Das Fauchen ist nicht zu überhören – und deutlich zu spüren: Die Flamme produziert ordentlich Hitze, meldet die Kopfhaut an der Schädeldecke.

Warum heißt es eigentlich Ballonfahren und nicht -fliegen? Karl Schwer erzählt von den Anfängen im Jahr 1783 mit den Brüdern Montgolfier. „Damals hieß es: Fliegen kann nur, was Flügel hat. Und so wie ein Schiff ohne Räder durchs Wasser fährt, fährt der Ballon halt durch die Luft.“

Eigentlich ist geplant, direkt ostwärts übers Münster zu schweben. Der Ballon treibt darauf zu – doch auf Höhe des Güterbahnhofs setzt plötzlich eine Windströmung in Richtung Nordost ein. Da ärgert sich der 66-Jährige mit dem blond-grauen Bürstenhaarschnitt kurzzeitig. „Es hatte so gut angefangen!“ Doch der passionierte Luftsportler, der auch Siegelflieger ist, ist machtlos: Ein Ballon lässt sich nicht steuern.

Also wird nichts mit dem Blick direkt von oben auf den höchsten Kirchturm der Welt, statt dessen geht es über die Wilhelmsburg. Dennoch ist gut zu sehen, wie sich das Münster und andere Gebäude deutlich aus dem Häusermeer heben: Georgs- und Pauluskirche, Metzgerturm, CCU und die Glaspyramide der Stadtbibliothek.

Weiter geht die Fahrt über Jungingen und Hörvelsingen, auf der Strecke ist viel Wald. Der sieht von oben eindrücklich aus: Nadelbäume sind spitz, Laubbäume dagegen ausladend puschelig. Im Grün lassen sich sogar einige Rehe ausmachen.

Etwa 40 Fahrten macht der frühere Autohändler und heutige Rentner im Jahr. Im Sommer ist das nur in den drei Stunden nach Sonnenaufgang und in den drei vor Sonnenuntergang möglich. Dazwischen würde die Thermik dem Ballon und seinem Fahrer das Leben schwer machen. Etwa 600 Flugstunden hält eine Ballonhülle aus, dann ist sie von der UV-Strahlung, der Hitze des Brenners und der mechanischen Belastung verschlissen und muss ersetzt werden.

Karl Schwer variiert die Flughöhe: Mal hoch ist er so niedrig, dass der Korb fast die Baumwipfel streift. In geringer Höhe über einen Ort zu fliegen, hat etwas Voyeuristisches: Ungeahnte Einblicke in Gärten und auf Balkone tun sich auf, man sieht Spielzeug auf dem Rasen liegen, kann fast die Socken auf der Wäscheleine zählen und hört die Gespräche der Menschen am Boden erstaunlich deutlich. Oft wenden sich die Köpfe nach oben, sobald die Leute die Luftfahrer bemerken, sie winken. „Ballone haben einen großen Sympathiefaktor“, die Erfahrung macht Karl Schwer häufig.

Über der A7 lässt Schwer den Ballon nochmal auf 1100 Meter Höhe klettern. Da wird die Autobahn zur Spielzeugstraße mit Matchbox-Autos. Fast putzig wirken Kreisverkehre in der Draufsicht. Zur Ballonfahrer-Ehre gehört es, nicht über Pferdehöfe zu schweben und nicht dort, wo Vögel brüten: „Wir wollen die Tiere nicht erschrecken.“

Nach fast zwei Stunden Flugzeit werden die Schatten zusehens länger. Die 100 Kilo Propangas sind fast aufgebraucht. Karl Schwer sucht bei Nerenstetten eine Wiese zum Landen aus, auf der er kurz darauf den Korb behutsam aufsetzt. Jetzt zeigt sich der Sympathiefaktor: Zwei Dutzend Kinder und Erwachsene kommen, um das Spektakel aus der Nähe zu beobachten. Schwer lässt die begeisterten Kinder in den Korb klettern, die Eltern machen Fotos, und so gibt es viele Freiwillige, die beim Einpacken der entleerten Ballonhülle und beim Verstauen des Korbs im Anhänger helfen.

Eine Ballonfahrt mit Karl Schwer kostet 180 Euro. Weitere Infos: www.ballonteam-schwer.de
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