Timo Handschuh dirigiert Wagner und Beethoven im CCU

"Happy Birthday, Richard Wagner!", plakatiert das Theater Ulm. Das große Geburtstagskonzert der Philharmoniker im Congress Centrum war gestern Abend tatsächlich ein Geschenk - fürs Publikum.

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Viel Applaus für das große Wagner-und-Beethoven-Konzert der Philharmoniker gestern Abend im CCU. Heute, Mittwoch, 20 Uhr, dirigiert Timo Handschuh das Programm dort noch einmal, und die Sopranistin Martina Langenbucher singt erneut "Isoldes Liebestod". Foto: Lars Schwerdtfeger

Richard Wagner und Ulm? Keine Spuren hinterließ der vor 200 Jahren geborene Komponist in der Stadt - nicht mal eine Fußnote nimmt Ulm in seiner Biografie ein.

Und doch: Wer das Wagner-Archiv der Digitalen Bibliothek durchforstet, immerhin 50 000 Bildschirmseiten, erhält zwei Treffer! Wobei Wagner selbst nur ein einziges Mal "Ulm" erwähnt, und zwar in einem Brief vom 18. Juni 1851 an Theodor Uhlig in Dresden. Der von der Polizei gesuchte Revoluzzer Wagner war 1849 von dort ins Exil in die Schweiz geflüchtet, nach Zürich, wo er bis 1858 blieb und große Teile der Tetralogie "Der Ring des Nibelungen" sowie "Tristan und Isolde" komponierte. Theodor Uhlig wiederum (1822-1853) war Geiger der Dresdner Hofoper und ein Freund und Helfer des Kapellmeisters Wagner.

In diesem Brief also freut sich Wagner, der gerade am Textbuch zu "Der junge Siegfried" dichtet, aus "vollem herzen" auf Uhlig. Er gibt ihm Tipps, wie er nach Zürich kommen könne: "Ich meine also Du reisest mit der bairischen eisenbahn hierher: Du kommst da am schnellsten. Reise über Ulm nach Friedrichshafen am Bodensee: von da fährst Du mit dem dampfschiff nach Romanshorn herüber, und dort werde ich Dich erwarten, wenn mir nicht gottweißwas der quere kommt."

Das hört sich, streckenplanerisch, vernünftig an. Der den Luxus schätzende Wagner war ein Bahnreisender der ersten Stunde und kannte sich offenbar aus: Die Südbahn von Ulm nach Friedrichshafen war 1850 gerade erst eröffnet worden. Und so darf man davon ausgehen, dass auch Wagner gelegentlich durch Ulm gefahren ist - und sich vielleicht mal am Bahnhof die Füße vertreten hat.

So bleibt Wagners Musik. Und die hört sich in Ulm gut an. Generalmusikdirektor Timo Handschuh dirigierte am Dienstag im ausverkauften CCU das 2. Philharmonische Konzert der Saison unter dem Motto "Happy Birthday, Richard Wagner!" Der musikalische Weg des Programms führte - über die Ulmer Philharmoniker - tatsächlich direkt in die Schweiz: das "Siegfried-Idyll" zunächst, jener sinfonischen Geburtstagsgruß Wagners an seine 33-jährige Cosima, am Heiligen Abend 1870 in der Villa Tribschen am Rande von Luzern uraufgeführt. Eine lyrisch fließende, ruhige, naturfrohe Musik, gespeist mit Motiven aus dem Festspiel-"Siegfried"; ein heiterer E-Dur-Traum. In satter Streicherbesetzung und mit feinem Bläsersatz spielten die Philharmoniker zwar nicht gerade rein zauberisch und schwebend, aber doch elegisch durchdrungen.

Wagner ist eben nicht nur der heroische Heilsbringer. Aber ein tief romantischer Dramatiker: Eine überwältigende Seelenlandschaft entfaltet schon das Vorspiel zu "Tristan und Isolde" - nach dem Idyll also die Sehnsucht, die Weltentrücktheit, glühende Liebesverzweiflung. Handschuh führte mit den Philharmonikern diese Musik geradezu als sinfonische Dichtung auf. Dann, übergangslos und viereinhalb Stunden Oper überbrückend (nein, nicht ersparend!) der Liebestod der Isolde. Wagner selbst sprach ja von Verklärung: "Mild und leise" beginnt dieser Schlussgesang, das Ertrinken einer Liebenden in "höchster Lust". Die Sopranistin Martina Langenbucher zeigte dramatisches Opernformat, ging aber dann etwas unter im brodelnden, mitreißenden Orchestersog. Großer Applaus.

Dann der ganz irdische Wahnsinn: Beethovens kraftvolle, vor Energie strotzende 7. Sinfonie. Für Richard Wagner war dieses Werk eine "Apotheose des Tanzes", wie er in seiner Schrift "Das Kunstwerk der Zukunft" schrieb. Timo Handschuh sieht das offenbar auch so, wenngleich in der knochenharten, packenden Variante: eine im 4. Satz fesselnde Aufführung. Dynamisch, brutal klassisch, klanglich kantig, nicht perfekt. Aber das war wohl nicht das Ziel. Noch einmal "höchste Lust", und zwar bei Beethoven: am Spiel, das in seinem Irrsinnstempo dem Leben die Fratze zeigt. Der Trauermarsch, das Allegretto, hatte zuvor schon erschüttert. Reines Musikdrama - Wagner wusste, was er an Beethoven hatte.

Ein umjubeltes Konzert. Wer es am Dienstag versäumte, oder wer es noch einmal erleben will: Am heutigen Mittwoch spielen die Philharmoniker das Programm im CCU erneut.

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