Theater in der Familie

Bühne frei für die vielen Amateur-Schauspieler, die ab sofort und bis in den Januar hinein vor allem in den Dörfern der Region jede Menge schwäbische Schwänke spielen. Nun haben sie wieder freien Lauf: die jugendlichen Liebhaber, strengen Polizisten und bösen Schwiegermütter.

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Bühne frei für die vielen Amateur-Schauspieler, die ab sofort und bis in den Januar hinein vor allem in den Dörfern der Region jede Menge schwäbische Schwänke spielen. Nun haben sie wieder freien Lauf: die jugendlichen Liebhaber, strengen Polizisten und bösen Schwiegermütter. Fast jeder Ort hat seine Theatergruppe. Und in fast jeder dieser Gruppen gibt es mindestens eine Familie, in der das Laientheater zum Leben gehört. Familie Sontheimer hat erzählt, welche Rolle das Egginger Stubentheater in ihrem Alltag spielt.

Die Personen Rose Sontheimer (49) arbeitet im Lebensmittelhandel in Erbach und spielt seit 25 Jahren vor allem ältere Frauen und mitunter die Mutter ihrer Tochter. Jessica (28) hat früher ein paar Kinderrollen übernommen und ist dann vor 15 Jahren richtig eingestiegen. Im Stück "Die Leiche im Schrank", das heute, Freitag, Premiere hat, schlüpft sie in die Rolle einer Nachbarin. Jessica Sontheimer ist im Kundenservice eines Ulmer Gartengeräteherstellers beschäftigt und wohnt in Senden. Helmut Sontheimer (50), Ehemann und Vater, verdient sein Geld in der Mikroelektronikbranche und wohnt mit seiner Frau Rose in Ersingen, einem Erbacher Ortsteil. Er hat bis zum "Entenkrieg" mitgespielt - so hieß das Stück im Jahr 1995. Dann stieg er aus, "wegen der Schichtarbeit".

Der Zeitaufwand Rose Sontheimer hat es ihrem Chef und ihren Kolleginnen zu verdanken, dass sie in der Theaterproben-Hochsaison frei bekommt, "denn wir haben im Geschäft samstags bis 22 Uhr geöffnet". Der Theaterzeitplan sieht so aus, dass im Mai die erste Leseprobe stattfindet. Danach wird einmal die Woche geprobt, ab den Sommerferien zweimal wöchentlich und in den letzten zwei Wochen vor der Premiere fast jeden Abend. Für Jessica bedeutet dies, dass samstags das Ausgehen mit der Clique gut organisiert wird. "Manche Freunde schauen mir bei der Probe zu, und dann gehen wir anschließend weg", erzählt sie. Helmut Sontheimer hatte zu seiner damaligen Theaterzeit ohnehin nur kleinere Rollen übernommen, bei denen erst im dritten oder vierten Akt sein Typ verlangt wurde. "Somit konnte ich später zur Probe erscheinen."

Der Haushalt Weil Helmut Sontheimer nun nicht mehr mitspielt, aber seine Frau auch voll berufstätig ist und dazu jedes Jahr auf der Bühne steht, übernimmt er seither einiges an Hausarbeit. "Trotzdem bleibt in der heißen Phase vor der Premiere die Küche kalt", sagt Rose Sontheimer. Bei Jessica kocht zumindest der Freund etwas Schnelles - Spaghetti oder Wienerle.

Der Urlaub Längere Urlaube sind bei Laienschauspielern tabu. Nach den Sommerferien ist ohnehin Urlaubssperre. Jessica war höchstens mal ein paar Tage verreist. Dafür lernt sie dann am Arbeitsplatz "in der Kaffeepause" ihren Rollentext.

Der Familienzusammenhalt Obwohl Jessica daheim längst ausgezogen ist, "sehen wir uns durch die Proben regelmäßig", sagt Jessica. Und Rose Sontheimer ergänzt: "Wir planen vor den Proben unsere Familienfeiern oder ratschen noch schnell über Aktuelles." Zu den Vorführungen kommen dann wiederum Onkel und Tanten, Nichten, Neffen und Schwägerinnen. Die wichtigste Rolle in einer Theaterfamilie spielt jedoch die Großmutter. Sie hilft beim Kostümnähen, steuert zur Not fürs Bühnenbild einen alten Schrank bei und sponsert Gebackenes für den Kuchenverkauf jeweils nach den sieben Vorstellungen.

Die Spannungen Diskussionen in der Familie gibt es höchstens zwischen Mutter und Tochter beim Rollenspiel daheim. Die erfahrene Amateur-Schauspielerin empfiehlt andere Betonungen und Gesten. Die Tochter aber hält sich strikt "an die Regie" der wahren Theaterregisseurin. Helmut Sontheimer hält sich raus. Er lacht nur, wenn seine Frau im Zimmer auf und abgeht, denn so kann sie ihren Text am besten lernen. Den Text abfragen darf er nicht mehr seit seinem Ausstieg, "sonst kenn ich das Stück ja schon".

Das Privatleben Der Partner muss mitziehen bei diesem intensiven Hobby, da sind sich alle drei Sontheimers einig. Und man müsse wegstecken können, dass Bekannte und Freunde, die zu gemeinsamen Unternehmungen einladen wollen, sagen: "Ihr habt ja nie Zeit." Umso schöner sei es dann aber, wenn selbst ehemalige Arbeitskollegen, die man seither nicht mehr gesehen hat, extra zur Vorstellung kommen. Denn danach mischen sich die Schauspieler des Egginger Stubentheaters noch eine Weile unters Publikum.

Die Pause Kurz vor der Premiere entstehe bei allem Stress durchaus manchmal der Wunsch, "dass hoffentlich bald alles rum ist", sagt Jessica, die Anfang der Woche noch mit einer Erkältung zu kämpfen hatte. Ihre Mutter hat sogar schon öfter gesagt, sie wolle in der nächsten Saison gar nicht mehr mitspielen. Wenn dann aber der Frühling naht und das neue Textbuch ins Haus flattert, seien die meisten doch wieder dabei. Rose Sontheimer: "Irgendwie braucht man den Kick, denn Theaterstress ist ein positiver Stress." Dazu sagt ihr Haus- und Ehemann nickend: "Spiel Du ruhig wieder." Sollten über den langen Winter Entzugserscheinungen auftreten, schaut sich die Familie die DVDs mit den bisherigen Theaterstücken an. Das von 2008 hieß: "Eine verrückte Familie".

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