Teva in Ulm meldet Kündigungen an

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Bei Teva in Ulm läuft schon der dritte Personalabbau.  Foto: 

Im Zuge des anstehenden, deutlichen Personalabbaus bei Arzneimittel-Hersteller Teva am Ratiopharm-Standort Ulm hat das Unternehmen nun einen Antrag auf Massenentlassungen bei der Arbeitsagentur Ulm gestellt. Im Fachjargon ist von „anzeigepflichtigen Entlassungen“ die Rede. Der Chef der Arbeitsagentur Alfred Szorg bestätigte den Vorgang: „Die Anzeige ist bei uns eingegangen.“ Die entsprechende gesetzliche Regelung sieht vor, dass Betriebe mit über 500 Mitarbeitern die Agentur informieren müssen, wenn sie mehr als 30 Mitarbeiter entlassen.

Ganze Abteilungen fallen weg

Der israelische Pharmakonzern Teva hatte bereits im März angekündigt, dass im Zuge eines Sparprogramms  am Standort Ulm/Blaubeuren „Kündigungen im höheren zweistelligen Bereich unumgänglich sein werden“. Dabei gehe es darum, nach dem Erwerb des gleichgelagerten Generika-Produzenten Actavis Überschneidungen zu bereinigen. In einem Aushang im Werk Donautal war von einem „Re-Design“ des Standorts die Rede. Zuvor wurden im Herbst Abteilungen wie die chemische Forschung und pharmazeutische Entwicklung geschlossen. Allein dies kostete 61 Stellen. Vor diesem Abbau, der schon der zweite war, verfügte die Forschung und Entwicklung in Ulm über 260 Mitarbeiter. Insgesamt sind es rund 2500.

Seitens der Agentur sagte Szorg, das Unternehmen wickle den Personalabbau regelkonform und unter Einschaltung des Betriebsrats ab: „Das ist rechtens.“ Bei der Anzeigepflicht nach Kündigungsschutzgesetz gehe es darum, dass die Agentur rechtzeitig über größere Pläne zum Personalabbau informiert wird, so dass die Jobvermittlung anlaufen kann. Die Agentur wolle wissen: „Was kommt auf uns zu?“ Aus Sicht Szorgs ist es ein großer Vorteil, dass es sich bei den gekündigten Mitarbeitern von Teva um beruflich sehr gut ausgebildetes Personal handelt: „Das sind qualifizierte Leute, daran mangelt es in Ulm en masse.“ Die Teva-Beschäftigten fänden in der Region einen exzellenten Arbeitsmarkt vor.

So meldete die auch für Alb-Donau und Biberach zuständige Agentur zuletzt 5420 freie Stellen – ein Rekord. Freilich sind von den Entlassungen auch ältere Mitarbeiter betroffen, die mit Ende 50 auf ihrem speziellen Arbeitsfeld keine nennenswerten Chancen sehen und entsprechend desillusioniert sind. Aus Sicht Szorgs spielt es daher eine wichtige Rolle: Wie mobil sind die Mitarbeiter? Außerdem: Was haben sie bisher verdient? Denn nicht unbedingt gelingt nach der Arbeitslosigkeit ein Wiedereinstieg zu den gleichen Konditionen, so dass man Abstriche in Kauf nehmen muss. Szorg versteht natürlich, dass viele der gekündigten Mitarbeiter regional verwurzelt sind und schränkt daher ein: „Ich will sie nicht deutschlandweit verschicken.“

Zunächst soziale Lösungen

Bei Teva sagte Sprecher Markus Braun, der Personalabbau verlaufe in den vorgegebenen Bahnen. Angesichts der genannten Zahlen war davon auszugehen, dass Teva mehr als 100 Mitarbeiter in Ulm/Blaubeuren abbaut. Dabei stehen in einem Interessenausgleich und Sozialplan zunächst Altersregelungen und freiwilliges Ausscheiden im Vordergrund. Zur Höhe von Abfindungen machte Braun keine Angaben. Weil diese Programme noch laufen, sei jedenfalls „derzeit nicht abschätzbar“, in welchem Umfang Kündigungen dann noch nötig werden.

Teva legt stets Wert darauf, dass der Umbau des Werks Ulm  zu einem Hightech-Standort mit passenden neuen Stellen weiterlaufe. Der Spatenstich für die neue Biotech-Anlage soll im Sommer erfolgen. Das Engagement beim Basketball und in der Arena bleibt auch wegen langfristiger Verträge unverändert.

Kommentar zu Entlassungen: Nun macht Teva ernst

Am erfolgsverwöhnten Wirtschaftsstandort Ulm/Neu-Ulm sorgt die offizielle Ankündigung von Entlassungen im großen Stil durch ein namhaftes Unternehmen wie Teva natürlich für Aufsehen. Die Fakten waren schon im März bekannt geworden, nun macht der Pharmahersteller ernst. Die Stimmung im Ratiopharm-Werk im Donautal ist bei dieser dritten Abbau-Welle mit Job-Verlagerungen ins billigere Ausland verständlicherweise in Mitleidenschaft gezogen.

Für die Betroffenen mag es einerseits tröstlich sein, dass sie in einer prosperierenden Industrieregion leben und mit ihrer hohen Berufsqualifikation rein statistisch gute Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben. Allerdings handelt sich um Spezialisten – vielleicht schon mit höheren Dienstjahren, womöglich mit guten Gehältern –, die sich nicht leicht tun werden. Das räumt auch die Arbeitsagentur ein, bei der Agenturchef Alfred Szorg dennoch mit Blick auf deutlich mehr als 5000 freie Stellen Zuversicht verbreitet.

Für Teva/Ratiopharm kommt es nun wesentlich darauf an, dass in Ulm das mit vielen Vorschusslorbeeren bedachte Biotech-Projekt Genesis mit Investitionen von mehreren hundert Millionen Euro in die Gänge kommt. Der Sponsor der mitten in den Playoffs steckenden Basketballer hat zweifellos einen Vertrauensvorschuss, den er aber nicht verspielen sollte.

Ein Kommentar von Frank König.

Meldepflicht Bei der Arbeitsagentur sind 2017 bisher vier Anzeigen zu Massenentlassungen eingegangen, formell heißt es Anzeigen nach Paragraph 17 Kündigungsschutzgesetz. 2016 waren es in der Region Ulm, Alb-Donau, Biberach immerhin 27 Anzeigen – wobei die Meldepflicht für Firmen ab 20 Mitarbeitern besteht. Zuletzt fiel die Arbeitslosenquote in Ulm mit 2,9 Prozent unter die Drei-Prozent-Marke.

Übernahme Teva hat für Actavis fast 40 Milliarden US-Dollar bezahlt und will bei der Zusammenlegung beider Organisationen jährliche Einsparungen von 1,4 Milliarden Dollar erzielen. Vor allem wegen der Integration von Acativs wurde 2016 ein Umsatzwachstum um 11 Prozent auf 22 Milliarden Dollar erzielt. Bei Teva wurde das zurückliegende Jahr als Übergangsjahr bezeichnet. Unmittelbar danach ging Vorstandschef Erez Vigodman von Bord, der Interimschef ist Yitzhak Peterburg. 57.000 Mitarbeiter, mit Actavis kamen 15.000 dazu.

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Kommentare

13.05.2017 10:31 Uhr

Antwort auf „wo ist eigentlich der Betriebsrat?”

Zweifellos haben sie Recht Herr Brunner.
Nur: Betriebsräte müssen sich erst mal wählen lassen. Fühle ich mich durch diese schlecht vertreten muß ich das eben ändern und jemanden wählen der nen Arsch in der Hose hat. Das kann jeder Arbeitnehmer machen, sofern er das will.

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13.05.2017 05:10 Uhr

wo ist eigentlich der Betriebsrat?

Halten wir fest:
Hier werden auf Grund von Managerversagen blindwütig Kündigungen ausgesprochen und der Betriebsrat macht - nichts. Aber auch garnichts.

Das mag vmtl. daran liegen, dass sie fett und träge geworden sind, nunja, wer will es verdenken - sie selber sind ja nur schwer kündbar.

Und so ein Betriebsratsleben hat ja auch ziemlich viele angenehme Seiten, nicht wahr? Schauen wir nur mal z.B. nach Wolfsburg mit den S€xreisen nach Prag etc...

Ist wahrscheinlich hier in diesem Fall nicht anders....

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12.05.2017 17:53 Uhr

Antwort auf „Antwort auf „Zweifelhafte Fähigkeiten der Ulmer Arbeitsagentur””

Dass zwischen Arbeitslosenversicherung und Rentenversicherung ein so genannter "Verschiebebahnhof" stattfindet, räumen die Träger beider Sozialversicherungen sogar selbst unumwunden ein. Weil für den Einzelnen der irreversible Verlust seiner Gesundheit und weitere materielle Einbußen bis zu seinem dadurch enorm frühen Tod in der Konsequenz zu verbuchen sind, könnte der Preis für den hiesigen Sozialstaat inklusive der Kostenexplosion bei der Krankenversicherung in der Tat höher nicht sein. Ich für meinen Teil war nach der Bewilligung meiner Invalidenrente auf die vom Sozialamt am Willy-Brandt-Platz gewährte Grundsicherung bei Erwerbsminderung gemäß § 41 Abs. 1 Ziff. 2 des Zwölften Sozialgesetzbuches angewiesen. Sobald ich in Altersrente gehe, macht sich dies auch dort bemerkbar. Dass die Solidargemeinschaft stets zu schonen ist, stelle ich dabei nicht in Abrede. Mir erscheint nur mein Beitrag nicht ihm Rahmen dessen zu liegen bzw. meine Möglichkeiten bei weitem zu übersteigen, wenn das Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland gleich eingangs im ersten Artikel von der Unantastbarkeit der Menschenwürde spricht und das keine hohle Phrase sein soll. Die zu entlassenden Teile der Teva-Belegschaft müssen die besagte Unbill letztlich mit Fassung tragen, solange sie noch aufrecht gehen können und angesichts zunehmend unzumutbarer Arbeitsbedingungen nicht schon in vergleichsweise jungen Jahren nicht umhin kommen, einen Antrag auf Leistungen der Pflegeversicherung stellen müssen.

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12.05.2017 12:04 Uhr

Antwort auf „Zweifelhafte Fähigkeiten der Ulmer Arbeitsagentur”

Inwiefern für die Ulmer Region von einer vorherrschenden Ökonomie der Zerstörung die Rede sein kann, die systematisch die Subjektivität der Arbeitskräfte vernichtet, die für Wissensarbeit eine unerlässliche Voraussetzung bildet, müsste im Detail untersucht werden. In jedem Fall steht die bei der Arbeitsagentur in der Oststadt nunmehr angemeldete massenhafte Entlassung von Teva-Betriebsangehörigen unter einem denkbar schlechten Stern, der vor allem einen in Israel ansässigen Konzern dazu veranlassen sollte, innezuhalten. Ist auch nur ein einziger der künftig arbeitslosen Mitarbeiter in seiner Existenz bedroht, wird den im Unternehmen verbliebenen die von ihnen verlangte Arbeitsleistung unmöglich. Wenn man so will, könnte resümierend gesagt werden, dass sich die Konzernleitung gleichsam ins eigene Knie schießt, falls sie keine Anstalten an den Tag legt, die Bedingungen grundlegend zu ändern, indem sie mit solch ohnehin im Zuge eines weltweit sich vollziehenden Wechsels des Rationalisierungsparadimas menschlicher Arbeit längst überkommenen Formen notwendig bricht.

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12.05.2017 10:45 Uhr

Arbeitsagentur ?

> ... bei der Agenturchef Alfred Szorg dennoch mit Blick auf deutlich mehr als 5000 freie Stellen Zuversicht verbreitet.

Kenne eine Fachkraft im Bereich Biowissenschaften die sucht schon seit Jahren einen guten Job, eine andere im Bereich Chemie mit hervorragenden Zeugnissen wär sogar mit einer Umschulung zufrieden... usw. usw.

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12.05.2017 10:41 Uhr

Nieten in Nadelstreifen...

> Weil man erst die eine Firma blind aufkauft,

Vor allem wenn man eine Firma aufkauft und dann vergisst deren Patente mit zuerwerben! Da geht der Schaden dann in Richtung zig Millionen...

Was auch nicht geschrieben wird: Es betrifft einen großen Teil des EDV-Personals da die Deutschen schon mal den Mund aufmachten wenn etwas schief läuft und damit sehr unbequem waren/sind. Im Ostblock oder Indien nickt man lediglich freundlich lächelnd und macht weiter wie bisher...

Im Großen und Ganzen ist der Standort Ulm die Kuh die am meisten Milch gab, und die wird nun (aus-)geschlachtet!

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12.05.2017 09:19 Uhr

Zweifelhafte Fähigkeiten der Ulmer Arbeitsagentur

Allzu große Erwartungen hinsichtlich der Leistungsfähigkeit der Ulmer Agentur für Arbeit sollten die dort demnächst aufschlagenden Teile der Teva-Belegschaft nicht hegen. Aus eigener Erfahrung kann ich davon berichten, dass nicht die höchste nachgewiesene Qualifikation für deren Vermittlungstätigkeit entscheidend ist, sondern bloß die niedrigste. Infolge dessen führte mich die Agentur in ihrer von interessierten Arbeitgebern einsehbaren Datenbank jahrelang als ungelernte Arbeitskraft; obwohl ich mit außerordentlichem Erfolg ein Universitätsstudium abgeschlossen habe und auf gesellschaftlich zentralem Gebiet auf einschlägige Veröffentlichungen zurückblicken kann sowie einen Gesellenbrief in einem Metallberuf als auch einen Gehilfenbrief in einem kaufmännischen Beruf besitze. Darüber hinaus missachtete die Arbeitsagentur das arbeitsmedizinische Gebot, mich nur gelegentlich Publikumsverkehr aussetzen zu dürfen, als sie mich schließlich aufforderte, eine Arbeitsgelegenheit mit Mehraufwandsentschädigung (vulgo: Ein-Euro-Job) anzunehmen. Insofern die Situation dadurch immer unhaltbarer wurde, blieb mir mehr über kurz als lang keine andere Wahl, als eine Rente wegen voller Erwerbsminderung zu beantragen und auf diese geradezu brachiale Weise erzwungenermaßen aus der Arbeitswelt für den Rest meines Lebens auszuscheiden.

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12.05.2017 05:48 Uhr

Da haben sich ein paar Manager

beim immer mehr dazukaufen wohl verschluckt, als sie ihren P€nisneid auslebten. Weil man erst die eine Firma blind aufkauft, dann die andere, obwohl die andere dann kein Portfolio hatte, hier ein paar Millionen, dort ein paar Millionen, man dann ohne Sinn und Verstand im Wettrennen wie bei einer Auktion immer mehr bietet - und husch husch ist man selber ein Übernahmekandidat. Tja, so schnell kanns gehen. Aber die werten Herren Manager fallen ja sehr, sehr weich. Und wenn dann noch ein Betriebsrat in einer Firma ist, der den Namen allen Gerüchten nach nicht verdient - na dann ists ja aus Managersicht um so besser. Dass dabei Mitarbeiter auf der Strecke bleiben, es bei ihnen an die persönliche Existenz geht - na wen interessiert das schon.

Anstatt dass die SWP hier mal genauer nachfragt was passiert, mal den Teppich hebt um zu schauen wie sehr es darunter stinkt... Aber das ist vermutlich auch zu viel verlangt :-)

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