Test: Adenauerbrücke hält noch

Die Adenauerbrücke steht nicht mehr so gut da. Für Belastungstests wurden in der Nacht auf Dienstag jetzt schwere Last- und Kranwagen aufgefahren. So erhalten die Experten ein genaues Bild über ihren Zustand. Mit einem Kommentar von Jakob Resch: Höhen und Tiefen

|

„Wir können gut schlafen.“ Das ist das vorläufige Fazit, das Gerhard Fraidel nach einer ebenso aufwendigen wie eingehenden Untersuchung der Adenauerbrücke über die Donau zieht. „Es sind noch ein paar Millionen Fahrten möglich.“ Bis sie denn neu gebaut wird. Geschlafen hat Fraidel, bei der Stadt Ulm zuständig für Verkehrsinfrastruktur und die Ingenieurbauwerke, in der Nacht auf Dienstag freilich weniger. Denn die Belastungstests für die Brücke liefen mitten in der Nacht, um den Verkehr nicht über Gebühr zu beeinträchtigen. Für die Fahrten der fünf schweren Testfahrzeuge musste sie jeweils kurz komplett gesperrt werden.

Die Adenauerbrücke von 1954 ist in einem „nicht ausreichenden Bauwerkszustand“, wie das im Fachjargon heißt. Vor allem der stark angestiegene Schwerlastverkehr macht ihr zu schaffen, dafür ist sie eigentlich gar nicht ausgelegt. Deswegen hat die Stadt kürzlich eine stationäre Monitoring-Anlage eingerichtet, um Veränderungen an der Brücke zu beobachten. „Diese Messergebnisse müssen wir richtig interpretieren“, sagt Fraidel. Und dafür ist jetzt schweres Gerät aufgefahren worden, um genau zu zeigen: „Wie ist der Spannstahl belastet?“ Das gab’s so noch nicht in der Gegend.

Zwei Lastwagen waren im Einsatz und drei Kranwagen samt dem Schwergewicht eines Sechsachsers mit 72 Tonnen Gewicht. Dafür war über der Donau die Kranfirma Liebherr aus Ehingen mit im Boot, die mit Blick auf ihre Schwertransporte über Ulmer Stadtgebiet, die sie penibel genehmigen lassen muss, ein ureigenes Interesse an den Untersuchungen hat. Fraidel zum alltäglichen Procedere mit der Firma: „Wir haben Lösungen gefunden.“

Die schweren Brummer fuhren die Brücke in der Nacht fünfmal ab, Fahrspur für Fahrspur, mit 50 Sachen, der Koloss zum Vergleich auch mal in Schrittgeschwindigkeit: Wie viel Last sorgt an welcher Stelle für welche Schwankung? Dabei spielen nicht nur Gewicht und Geschwindigkeit eine Rolle, sondern auch die Federung. Ein schlecht gefederter Zehntonner, „der über die Brücke hüpft“ (Fraidel), kann mehr anrichten als ein spezialgefederter Kranwagen, der wie ein Pkw fast gar keinen Ausschlag gibt.

Jetzt werden Diagramme und riesige Zahlenkolonnen ausgewertet. Die Experten können so berechnen, wie groß die Belastung bisher war und wie viel die Brücke noch aushält. Für den Verkehrsplaner Fraidel heißt das praktisch: „Was müssen wir tun, um den Verkehr mit möglichst wenig Einschränkungen aufrechtzuerhalten?“ Eine bauliche Verstärkung wird ausgeschlossen. Dagegen wären jetzt genaue Vorgaben möglich, Schwerlastverkehr auf bestimmte Spuren zu beschränken oder Abstände zwischen Lastwagen auf der Brücke festzusetzen.

Letztlich geht es darum, wie lange es die einst auf 80 Jahre Lebensdauer ausgelegte Brücke noch macht. Zehn Jahre soll sie maximal noch stehen. Für Herbst ist jetzt eine Planungsvereinbarung zwischen Bund, Land und Stadt für den Neubau anvisiert. Fraidel kann sich vorstellen, dass Baubeginn dann schon in fünf Jahren ist. Könnte wieder für schlaflose Nächte sorgen.

Ein Kommentar von Jakob Resch: Höhen und Tiefen

Topographie und Lage bestimmen eine Stadt mehr, als man gemeinhin denkt. Was Ulm angeht, so ist der Standort zwischen Stuttgart und München nicht schlecht. Und dann ist man auch noch schnell in den Bergen, wobei die Stadt am Auslauf der Alb selbst von kleinen Bergen umgeben ist. Alles sehr schön.

Alb, Donau, Blau und Bahn sorgen aber auch dafür, dass Ulm eine Menge Brückenbauwerke hat. Und über die rollen eine Menge Autos, weil die Stadt mit ihrer Lage eben auch Drehkreuz und Verkehrsknotenpunkt zwischen Nord und Süd und West und Ost ist. Dabei hat sich der Verkehr massiv geändert, vor allem mit Zunahme des Schwerlastverkehrs. Alles weniger schön. Und außerdem hat man damit ein riesiges Problem.

Auf 60 Millionen Euro werden die Sanierungskosten allein für die Ulmer Brücken geschätzt, die es dringend nötig haben. An den Neubau der Adenauerbrücke in ein paar Jahren mag man dabei gar nicht denken angesichts der bisherigen B 10-Baustellen. Dabei geht es jetzt schon hoch her. Die Kienlesbergbrücke für die Straßenbahn wird gebaut, der Steg am Alten Fritz abgerissen, die Erhard-Brücke saniert, die Häuslesbrücke im Fischerviertel gesichert – alles mit Behinderungen für die Leute.

Der prekäre Schwerlastverkehr aber bringt in der Brückenfrage letztlich auch politische Implikationen mit sich: Die Querspange bei Erbach zum Beispiel kann die Stadt entlasten. Und die Lkw-Maut bekommt noch mal eine andere Dimension.

Abonnieren Sie das kostenlose Morning-Briefing aus der Chefredaktion
Damit starten Sie top informiert in den Tag. Außerdem im Newsletter: Die Wettervorhersage und die aktuelle Verkehrslage in der Region.
» zur Registrierung

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Prozess gegen Tolu in Istanbul: Vater hofft auf Freilassung

Mehr als sieben Monate nach ihrer Festnahme wird der Prozess gegen die deutsche Journalistin und Übersetzerin Mesale Tolu in der Türkei fortgesetzt. weiter lesen