Tanz um Leben und Tod

Federico García Lorca lieferte mit einem seiner längsten Gedichte die inhaltlichen Zutaten für das Flamenco-Theaterstück "A las cincos de la tarde". Das ist im Ulmer Zelt von 350 Besuchern gefeiert worden.

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  • Eine getanzte Corrida als Metapher auf die Stunde des Todes: Miguel Angel trifft als Torero auf Marina Claudio, die hier den Stier verkörpert. Foto: Udo Eberl 1/2
    Eine getanzte Corrida als Metapher auf die Stunde des Todes: Miguel Angel trifft als Torero auf Marina Claudio, die hier den Stier verkörpert. Foto: Udo Eberl
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Vor zwei Jahren erlebte "A las cincos de la tarde" - Spanisch für: "Um fünf Uhr nachmittags" - beim 1. Stuttgarter Flamencofestival eine gefeierte Premiere. Nun war das Stück des Ensembles Catarina Mora Flamenca im Ulmer Zelt Teil einer kleinen Tanzreihe, die in derselben Woche im Roxy mit "Operation: Parcival" und im Stadthaus mit "Müllzappen" (siehe Bericht unten) bereits Akzente setzen konnte.

Dieser Abend im Ulmer Zelt zeigte, dass Tanz einen ausgezeichneten Nährboden in der Region hat. Hatte der Vorverkauf die Veranstalter eher noch zittern lassen, konnten sie mit knapp 350 Besuchern an diesem Fußballabend mehr als zufrieden sein. Dabei bestand das Publikum keineswegs nur aus Frauen.

Mit der zur fünften Stunde geschlagenen Glocke wurden die Zuschauer ins Halbdunkel, in ein emotionales Spiel der Extreme gezogen. Die Stunde der Corrida, der Kampf um Leben und Tod ist übertragbar auf das Dasein. Vom Dichter Federico García Lorca, aus dessen Gedicht "Klage um Ignacio Sanchez Mejias" dieses getanzte Bruchstück stammt, wird sie als Metapher für den stetigen inneren Kampf, aber auch die Stunde des Todes in all ihrer Intensivität verstanden.

Tänzerin Marina Claudio schlüpfte ausdrucksstark, auch mimisch, in die Rolle des Stiers. Dieser bewegte sich zunächst tastend, wie neu zum Leben erweckt, aus der völligen Dunkelheit in das gleißende Licht der Arena, geblendet, suchend, von der Aggression der Unsicherheit getrieben. Mit dem Auftritt des Torero, Miguel Angel als "Man in Black", entlud sich das Knistern zur Hochspannung. Angetrieben vom Klatschen und Stampfen des Ensembles ein Infight, ein Drehen und Wenden in das sich auch die Tänzerin Maribel Espino mit starker Fußarbeit und Grandezza hineinziehen ließ.

"Hornstoß und Tod" heißt der Teil des Gedichts, der das umstrittene und üblicherweise ungleiche Ritual beschreibt - mit starken Bildern in aller Grausamkeit gezeigt. Das Tier in den Seilen oder war es doch wie bei García Lorca bereits der Torero selbst?

Verdichtet wurde das Geschehen durch die zwei ausgezeichneten Sänger Pedro Sanz und Momi de Cadiz. Vielleicht waren sie das eigentliche Extra des Abends. Sie lebten den Cante Jondo, der dem gesungenen Schmerz so nah ist, authentisch und mit vollen Zügen, begleitet von den Gitarristen Antonio Espanadero und Jorge Rodriguez, die zwischenzeitlich auch für den harmonischen Fluss sorgten.

Bisweilen schien Lorcas lyrischer Leitfaden zur Nebensache zu werden. Letztendlich geht es im Flamencotheater meist um getanzte Emotionalität, Körper in Spannung, um starke Bilder. Die gab es. Als Maribel Espino mit einer weißen Stola zur weißen Taube wurde und mit diesem gespannten Leichentuch fast abzuheben schien. Oder als Marina Claudio im roten Kleid eine imaginäre Blutspur gestaltete. Ja, "die Wunden brannten wie Sonnen am Nachmittage um fünf Uhr".

Dann war da Angels großer, ein wenig zu aufgeblähter Auftritt. Mit perkussivem Fersengefühl stampfte er die Leidenschaft des Augenblicks in hyperpräsenter Macho-Manier heraus, zelebrierte zudem den Leiseschritt, gab den hyperschnellen Takt des Lebens. Noch ein kurzes, fast schon hingehuschtes gemeinsames Finale, dann lauter Beifall und die Flamenco-Fiesta als Zugabe. Ein kurzweiliger Abend mit der Empfehlung: Lesen Sie Lorca.

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