Tannenhof: Solidarität mit Flüchtlingen

Der Betriebsrat des Behindertenheims Tannenhof nimmt Stellung zum umstrittenen Flüchtlingsheim. Dazu heißt es unter anderem: Immobilienpreise dürfen nicht höher gewertet werden als Menschen.

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Wahrscheinlich hatte Jürgen Schwemmreiter, Betriebratsvorsitzender des Behindertenheimes Tannenhof, ein Déjà-Vu-Erlebnis, als er jüngst in der Infoveranstaltung zum geplanten Flüchtlingsheim Eschwiesen saß. Vor rund 500 interessierten Bürgern informierte OB Ivo Gönner über den Bau und stellte klar, dass kein Weg am Standort vorbei führe.

Im Vorfeld hatten rund 200 Anwohner der Eschwiesen eine Liste von Argumenten gegen das Heim unterschrieben. Unter anderem befürchten sie Vergewaltigung, Drogenkriminalität, ansteckende Krankheiten sowie den Werteverfall ihrer Immobilien. Sie hätten einfach Angst, beschrieb es eine Anwohnerin in der Versammlung.

Mit ähnlichen Vorbehalten hatte auch das Behindertenheim Tannenhof vor rund 35 Jahren zu kämpfen, erinnerte sich Schwemmreiter und beschloss zusammen mit seinen Betriebsratskollegen eine öffentliche Stellungnahme zum Flüchtlingsheim zu verfassen: "Als Einrichtung der Behindertenhilfe sind und waren auch wir häufig den selben Argumenten gegenübergestanden, die auch heute bezüglich der Aufnahme von Menschen in Not ins Feld geführt werden. Nicht zuletzt aus diesem Grunde halten wir es für unsere solidarische Pflicht, Menschen, die Hilfe benötigen diese auch zukommen zu lassen", heißt es in der Erklärung.

Selbstverständlich sei es problematisch, Menschen aus anderen Kulturen in Gesamteinrichtungen, - teilweise isoliert vom sonstigen gesellschaftlichen Leben - unterzubringen. "Es darf jedoch nicht sein, dass Argumente über Immobilienpreise höher gewertet werden als Menschenrechte", erklärt der Betriebsrat des Behindertenheims.

Dieses Argument habe sie am meisten schockiert, sagt Helga Nägele, ebenfalls Betriebsrätin im Tannenhof, auf Anfrage "Das kann's ja wohl nicht sein." Ältere Kollegen hätten sich an die Anfangszeiten des Behindertenheimes erinnert gefühlt. Obwohl es an sich ein "tolles Projekt" war, "ist es ja mitten in die Wildnis gebaut worden, da war sonst nichts". Und das hatte damals auch seinen Grund, meint sie. Die Berührungsängste seitens der Bevölkerung seien teilweise groß gewesen.

Inzwischen hat sich das geändert. Die Behinderten gehören zum Leben der Wiblinger, es gibt Treffs, sie wohnen teilweise in eigenen Wohnungen, gehen mit zum Sport und vieles mehr. Einerseits, weil man sich aneinander gewöhnt habe. Anderseits, weil man sich ein gutes Verhältnis erarbeitet habe. "Da für haben wir als Mitarbeiter gesorgt, indem wir unsere Freunde auf Ausflüge zum Beispiel mitgenommen haben", sagt Helga Nägele. Und weil es offene Menschen gab und gibt.

Auch bei den Flüchtlingen sei das ein möglicher Weg: "Eine neue Willkommenskultur macht Integration überhaupt erst möglich." Dies habe nichts mit einem postromantischen Multikulti-Verständnis zu tun, "sondern ist der Tatsache geschuldet dass unsere Verfassung dereinst aus der geschichtlichen Katstrophe entstand und es diese auch zu verteidigen gilt", heißt es weiter in der Stellungnahme. Eine moderne Gesellschaft müsse danach streben, Menschen in Not zu helfen.

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