Tagung an der Uni Ulm über Kriegsversehrte

Wie wurden früher verwundete Soldaten behandelt? Wie wurden Kriegsversehrte in den Alltag integriert? Eine Tagung an der Uni legt den Fokus auf das 20. Jahrhundert, aber: Das Thema ist aktueller denn je.

|
Vorherige Inhalte
  • Schau-Schwimmen der Kriegsinvaliden, Plötzensee, Sommer 1916 (oben), ein unterschenkelamputierter Soldat im Rollstuhl (links unten) und eine Karte aus dem Ersten Weltkrieg mit dem unglaublichen Vierzeiler: "Ich preise die schwere Wunde, Und preise die heiße Schlacht, Sie haben mir diese Stunde, die Stunde mit Dir, gebracht." Fotos: Sammlung Peter Steinkamp 1/3
    Schau-Schwimmen der Kriegsinvaliden, Plötzensee, Sommer 1916 (oben), ein unterschenkelamputierter Soldat im Rollstuhl (links unten) und eine Karte aus dem Ersten Weltkrieg mit dem unglaublichen Vierzeiler: "Ich preise die schwere Wunde, Und preise die heiße Schlacht, Sie haben mir diese Stunde, die Stunde mit Dir, gebracht." Fotos: Sammlung Peter Steinkamp
  • 2/3
  • 3/3
Nächste Inhalte

Was man unter posttraumatischen Belastungsstörungen zu verstehen hat, wussten bis vor wenigen Jahren nur Psychiater und Psychologen. Mittlerweile gehören PTBS, wie die Krankheit abgekürzt heißt, fast schon zum Allgemeinwissen, nachdem immer mehr deutsche Soldaten mit psychischen Erkrankungen von den Auslandseinsätzen zurückkehren. Spielfilme werden zu dieser Problematik gedreht, Podiumsdiskussionen finden statt - Kriegstraumata sind der Öffentlichkeit bewusst geworden.

Vor fast 100 Jahren sprachen die Mediziner von den "Zitterern", Soldaten, die am ganzen Körper zitterten, Gang- oder Schluckstörungen hatten und nicht mehr ansprechbar waren. "Sie wurden häufig mit harten Methoden behandelt, mit Elektroschocks beispielsweise", sagt Dr. Peter Steinkamp. Die Annahme, die fälschlicherweise dahintersteckte: Permanente Erschütterungen durch Bombeneinschläge hätten die Gehirne der Soldaten geschädigt, so der promovierte Historiker vom Institut für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin an der Uni Ulm. Dass die psychische Überlastung zu der Erkrankung führt, diese Erkenntnis habe sich erst später durchgesetzt. "Die Soldaten saßen wochenlang im Schützengraben und waren in ständiger Anspannung. Sie wussten nie, wann und mit welcher Heftigkeit der Feind angreift", sagt der 44-jährige Wissenschaftler. Eine wirksame Therapie gab es nicht, die Zitterer waren pflegebedürftig und wurden oft in abgelegenen Sanatorien untergebracht - wie übrigens auch schwer Kopfverletzte. "Die wollte man nicht auf die Straße lassen, wegen der Kinder."

"Nachkrieg und Medizin in Deutschland im 20. Jahrhundert" - so lautet der Titel der Tagung, die heute in der Villa Eberhardt stattfindet. Ein Kuschel-Thema ist das freilich nicht, wie schon die Berichte über die Zitterer zeigen. Fotos, die Steinkamp über die Jahre gesammelt hat, tun ein Übriges. Fotos aus Lazaretten, von Medizinern, die Schlächtern ähneln und die "am Fließband amputierten", wie der Historiker berichtet. Ob Gliedmaßen noch hätten gerettet werden können, darüber habe man sich damals bei den Verwundeten des Ersten Weltkriegs keine Gedanken gemacht. "Jeder Arzt hat da gesägt, wo er es für richtig hielt." Im Zweiten Weltkrieg wurde den Ärzten vorgeschrieben, wo sie zu amputieren hatten, sagt Steinkamp. Der Hintergrund: So konnte die Anzahl der Prothesen begrenzt werden.

Kriegskrüppel - so wurden die Soldaten mit dauerhaften physischen oder psychischen Schäden noch während des Ersten Weltkriegs genannt; der diskriminierende Begriff sollte später dem des "Kriegsinvaliden" weichen. Doch, egal ob diese oder jene Bezeichnung, sagt Steinkamp: Finanziell waren sie sehr schlecht bestellt. Ärzte und Behörden kanzelten die Kriegsbeschädigten oft als "Rentenneurotiker" ab - nach dem Motto: Der übertreibt ja extra, um nicht mehr arbeiten zu müssen. Bestimmte politische Kreise gaben ihnen dazuhin die Schuld an der Kriegsniederlage.

Und die Situation nach dem Zweiten Weltkrieg? Sie war für die Kriegsversehrten eindeutig besser, wenngleich sich die Beamten in den Versorgungsämtern oft genug noch sperrten. Dank der starken Lobby-Arbeit des Verbands der Kriegsbeschädigten habe sich ab Mitte der 50er-Jahre viel getan, sagt der Historiker. "Es gab Umschulungsmaßnahmen für diejenigen, die ihren alten Beruf nicht mehr ausüben konnten. Der Klassiker: Kriegsversehrte wurden oft als Pförtner eingestellt."

Zur Tagung und zur Person
Abonnieren Sie das kostenlose Morning-Briefing aus der Chefredaktion
Damit starten Sie top informiert in den Tag. Außerdem im Newsletter: Die Wettervorhersage und die aktuelle Verkehrslage in der Region.
» zur Registrierung

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Wegen Aufnahmeritualen entlassene Soldaten legen Berufung ein

Im Juli hatten Verwaltungsrichter die Entlassung von vier Soldaten der Pfullendorfer Kaserne für rechtens erklärt. Dagegen gehen die Soldaten jetzt in Berufung. weiter lesen