Tag eins für Schavan

Seit zwei Jahrzehnten steht Annette Schavan im politischen Rampenlicht. Doch auch sie erlebt noch Premieren. Am Dienstag: ihr erster öffentlicher Auftritt nach dem Rücktritt als Bundesministerin. Ein Medienereignis.

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Das Mediengewitter geht weiter: Annette Schavan am Dienstag beim ersten öffentlichen Auftritt nach dem Rücktritt.  Foto: 
Obwohl die Antworten auf der Hand liegen – und dann auch so ausfallen werden: Die vielen Journalisten, schreibende, sprechende, fotografierende, filmende, die sich an diesem kalten Februartag in der beißenden Feuchte des Industriegebiets Donautal auf Annette Schavan (CDU) stürzen, stellen diese unvermeidlichen Fragen. Auszüge:

Wie fühlen Sie sich?
ANNETTE SCHAVAN: Es geht mir gut genug, um heute in Ulm diesen wichtigen Termin wahrzunehmen und danach an der Fasnet in Ehingen teilzunehmen. Abends reise ich zurück nach Berlin.

Ist Ihnen nach Fasching zu Mute?
SCHAVAN: Ich bin Rheinländerin. Man entzieht sich der fünften Jahreszeit nicht, auch dann nicht, wenn die Zeiten schwieriger sind.

Hatten Sie nie die Absicht, die Termine in dieser Woche abzusagen?
SCHAVAN: Warum sollte ich Termine absagen?

Werden Sie künftig stärker im Wahlkreis aktiv sein?
SCHAVAN: Ich war und bin hier immer zuerst als Abgeordnete des Wahlkreises unterwegs. Gewiss werde ich dazu künftig noch mehr Zeit haben.

Und so weiter.

Drei Tage ist es her, dass Annette Schavan als Bundesbildungsministerin zurückgetreten ist. Formal geht der Amtswechsel von ihr zu Johanna Wanka in Berlin erst am Donnerstag über die Bühne. Deswegen sprechen Teva-Chef Dr. Sven Dethlefs und der Vorsitzende der TSG Söflingen, Walter Feucht, sie noch immer als „sehr geehrte Frau Ministerin Professor Dr. Schavan “ an. Tatsächlich ist dieser unwirtliche Faschingsdienstag also der dritte Morgen nach ihrer Ankündigung, aus dem Ministeramt zu scheiden. Zugleich ist es aber ein Premierentag für Schavan: Der erste, an dem sie wieder öffentlich auftritt, nachdem sie sich übers Wochenende zu ihrer Mutter zurückgezogen hatte.

Deshalb an diesem Morgen in der Kältekammer Donautal der Medienauflauf. Er erinnert in seiner Vehemenz an das Aufgebot an Journalisten vor zweieinhalb Wochen in Eggingen. Dort hat die CDU Annette Schavan trotz des Risikos, dass ihr die Uni Düsseldorf den Doktortitel aberkennen würde, demonstrativ mit fast 96 Prozent zur Bundestagskandidatin gekürt.

Jetzt also ein Anlass, der die ARDs und RTLs ohne die gestürzte Ministerin wohl kaum interessieren würde. Das Unternehmen Teva, unter dessen Dach sich der Ulmer Generika-Hersteller Ratiopharm befindet, eröffnet unter Trägerschaft der TSG Söflingen eine Turnhalle, die das Angebot des Teva-Betriebskindergartens abrundet. Die Nachrichtenagentur dpa versendet schon morgens bundesweit eine Nachricht, was bei Teva-Pressesprecherin Ulrike Krieger-Ballhausen Entzücken hervorruft – auch wenn in der Nachricht nicht etwa das sozialpolitische Engagement gerühmt wird, das nach der Ära Merckle und befördert durch Walter Feucht nun Teva unter seinem smarten Deutschlandchef Dethlefs fortsetzt. Nein: Über Ticker läuft, dass Schavan wie geplant an der Eröffnung teilnimmt. Eine Nicht-Nachricht. Eigentlich.

Punktlandung. Minutengenau um elf trifft Schavan ein auf dem Firmengelände im Donautal. Sie steigt aus der Limousine mit dem Kennzeichen UL-AS 5511, das Kenner rasch als ein eher bescheidenes Modell der C-Klasse identifizieren und dessen Farbe so grau ist wie der Tag trübe. Nach der Begrüßung durch Dethlefs beendet Schavan mit einem resoluten „Einen schönen Tag dann“ die von den Journalisten improvisierte Kurz-Pressekonferenz. Zur Sporthallen-Eröffnung findet Schavan Worte, aus denen die Routine von 18 Ministerjahren – zehn als Kultusministerin im Land, acht im Bund – spricht: Was Politik und Zivilgesellschaft leisten müssten, damit Frauen Familie und Beruf unter einen Hut bekommen; vor welche Herausforderungen die alternde Gesellschaft Politik und Wirtschaft stelle; welche Leistungen die Bundesregierung durch ein Milliardenprogramm für Kindertagesstätten vollbracht habe.

Derweilen schweigt des Sängers Höflichkeit. Kein Redner, der den Rücktritt anspricht. Nur Walter Feucht kalauert: „Wenn’s in Berlin kalt wird, kommen Sie zu uns. Bei uns ist es warm. Bei der TSG Söflingen sogar heiß wie in der Sauna.“

Danach erobern die Kinder der Ratiopharm-Belegschaft die Turnhalle. Und die Fotografen kriegen sich nicht mehr ein: so viele nette Bilder mit so vielen netten Kindern – und Annette Schavan.

Ehe sie nach einer Stunde aufbricht zur Fasnet nach Ehingen, nochmals Fragen, die des öffentlich-rechtlichen Fernsehens:

Wie geht es Ihnen jetzt?
SCHAVAN: Ich bin mit meiner Entscheidung im Reinen.

Und wie geht es jetzt weiter?
SCHAVAN: Es ist eine Zeit des Übergangs, ich freue mich auf meine politische Arbeit in der Region. Ich freue mich auf den normalen Wahlkampf: Das fühlt sich gut an. Das Mandat ist das Fundament.

Und so weiter.

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Themenschwerpunkt

Annette Schavan und ihr Doktortitel

Die Plagiatsvorwürfe, die Aberkennung des Doktortitels, der Rücktritt als Bundesbildungsministerin und die gescheiterte Klage: Alles zum Fall um Annette Schavans Doktortitel.

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