Studieren trotz schwerer Behinderung: Vier Helfer für Hanna

Hanna Zuckermandel würde gerne Medieninformatik an der Ulmer Uni studieren. Wegen einer Muskelerkrankung kann sie das allerdings nicht ohne Hilfe. Und die lässt sich schwerer finden als erwartet.

|
Vorherige Inhalte
  • Hanna Zuckermandel mit ihrer besten Freundin Stefanie Siedelmann. Die 19-Jährige sitzt aufgrund einer Muskelerkrankung im Rollstuhl. Seit diesem Monat studiert sie Medieninformatik. Selbstverständlich war das nicht. 1/2
    Hanna Zuckermandel mit ihrer besten Freundin Stefanie Siedelmann. Die 19-Jährige sitzt aufgrund einer Muskelerkrankung im Rollstuhl. Seit diesem Monat studiert sie Medieninformatik. Selbstverständlich war das nicht. Foto: 
  • 2/2
Nächste Inhalte

Hanna Zuckermandel möchte ein neues Leben beginnen. Die 19-Jährige ist von Ansbach nach Ulm gezogen, um hier Medieninformatik zu studieren, in einer eigenen Wohnung zu leben und neu durchzustarten. Soweit nichts Ungewöhnliches. "An der Uni muss man sich erst mal zurechtfinden, dann eine Wohnung und neue Freunde suchen", sagt sie und zieht an ihrem Strohhalm. "Das ist für einen normalen Studenten ja schon schwierig genug." Für einen normalen Studenten. Wenn die 19-Jährige das sagt, dann meint sie Studenten ohne Behinderung, Studenten, die nicht im Rollstuhl sitzen und ihren Milchkaffee nicht durch einen Strohhalm trinken müssen. Anders als Studienanfänger ohne Behinderung musste Hanna ein Hindernis nach dem anderen überwinden, einige stehen noch immer vor ihr. So schwierig schien ihr Studienanfang, dass sie ein Hilfegesuch an die schwarzen Bretter der Uni hing und an die Radio- und Zeitungsredaktionen der Region verschickte.

"Ich brauche DICH, um meinen Traum zu verwirklichen: Studieren trotz Behinderung", stand da drauf. Denn Hanna muss rund um die Uhr gepflegt werden. Für die Vorkurse im September haben ihr Vater und ihre beste Freundin Stefanie Siedelmann diese Aufgabe übernommen. Doch Stefanie hat im Oktober selbst ein Studium in Erlangen begonnen und Hannas Vater musste zurück nach Ansbach. Bis dahin sollte es stehen, Hannas neues Leben.

Hanna leidet unter einer spinalen Muskelatrophie. Vereinfacht gesagt, führt diese Krankheit dazu, dass die Signale, die vom Rückenmark an die Muskulatur gesendet werden, nicht richtig ankommen. Infolge dessen bildet sie sich zurück. Dieser genetisch bedingte Muskelschwund verläuft fortschreitend - bis zum sechsten Lebensjahr konnte Hanna noch laufen, bis zum zehnten nur noch eigenständig stehen. Heute ist die Krankheit so weit fortgeschritten, dass Hanna sich ausschließlich mit einem motorisierten Rollstuhl fortbewegen kann. Damit sie beim Sitzen nicht einknickt, wurde ihr ein Stahlgerüst in den Rücken implantiert. Viele Dinge, die für Studenten selbstverständlich sind, kann Hanna mit dieser Krankheit nicht. Einen Kugelschreiber führen zum Beispiel, oder alleine in der Mensa essen. "Wenn mir der Stift runterfällt, kann ich nicht weiter arbeiten", sagt die 19-Jährige. Für die alltäglichsten Dinge braucht sie Unterstützung. Und das macht den Studieneinstieg für Hanna besonders schwierig.

In Ansbach haben sie ihre Eltern gepflegt. Sie sind morgens früher aufgestanden und haben nachts in ihrer Nähe geschlafen. Doch das wollte Hanna nicht mehr, belastend sei das auf Dauer gewesen, für beide Seiten. "Ich wollte weit genug weg von daheim, damit mir Pflegegeld genehmigt wird, und ich nicht weiter von meinen Eltern gepflegt werden muss", sagt sie. Erst ab einer gewissen Entfernung würden Eltern von der Pflege entbunden. Ulm sei weit genug von Ansbach entfernt und habe eine Uni, an der alle Gebäude dicht beieinander sind. Leben kann sie in einer behindertengerechten Wohnung im Studentenwohnheim.

Damit das klappt mit dem eigenständigen Leben, benötigt Hanna ein Team von vier Vollzeitassistenten, die ihren Haushalt führen, sie ständig begleiten und ihren Schlaf überwachen. 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche. Ein solches Team wird in der Regel von karitativen Organisationen vermittelt. Hanna hat sich nach dem Abi an den Arbeiter Samariter Bund (ASB) gewendet.

"In so einem Fall müssen wir sehr passgenau suchen. Die Assistenten dürfen nicht viel älter sein, zu der Klientin passen und über grundlegende Qualifikationen verfügen." Ralf Kinzler vom ASB Ulm vermittelt Assistenten an Menschen mit Behinderungen. Sie sollen ihren Klienten Hilfe zur Selbsthilfe geben, sie im Alltag unterstützen und die Aufgaben übernehmen, die sie alleine nicht ausführen können. In Hannas Fall sind das sehr viele. Assistenten für eine Vollzeitpflege mit diesem Aufgabenspektrum individuell auszuwählen ist aufwendig und kostspielig. "Inklusion ist immer unglaublich schwierig, wenn es ums Geld geht", sagt Kinzler. Bei angeborenen Behinderungen werden die Kosten für die ambulante Pflege vom Sozialamt und der Pflegeversicherung getragen. Bevor die aber Geld bewilligen, müssen Anträge geschrieben und Gutachten erstellt werden. Schließlich kann eine Vollzeitpflege mehr als 10 000 Euro im Monat kosten. Drei bis vier Aktenordner füllen die Unterlagen mancher Klienten. "Wir haben Fälle, wo Leute drei Jahre gebraucht haben, um ihre Assistenz bewilligt zu bekommen", sagt Christiane Fink, Leiterin des ASB-Pflegeheims. "Dabei geht es doch nicht um den schnöden Mammon, es geht um die Frage: Wie kann dieser Mensch eigenständig leben?", sagt Kinzler.

In drei Monaten, das war Hannas Wunsch, sollte der ASB ein Team zusammenstellen, das ihr ein eigenständiges Leben ermöglicht. In der kurzen Zeit war das nicht zu machen. Hanna wurde selbst aktiv, setzte Stellenanzeigen ins Internet, druckte Flyer und schrieb E-Mails.

Eine dieser E-Mails landete bei Dirk Gabriel. Er ist die offizielle Vertrauensperson für Schwerbehinderte an der Universität Ulm und sagt: "Grundsätzlich wollen wir allen Menschen ermöglichen, hier zu studieren. Das ist nicht immer ganz einfach." Das Thema sei in Ulm lange stiefmütterlich behandelt worden. Der Universitätsbau etwa stammt aus einer Zeit, in der behindertengerechtes Bauen noch keine Rolle spielte. Erst Jahrzehnte später sei der 60-Jahre-Bau barrierefrei umgestaltet worden. Ähnlich verhielt es sich auch mit der Behindertenpolitik im Haus. "Nachdem sich die Gesellschaft lange mit dem Thema Inklusion schwertat, wurde es auch hier auf die lange Bank geschoben", sagt Gabriel. Heute gibt es eine Vertrauensperson und "ein sehr aktives Sozialreferat", auf dem Internetauftritt der Studienberatung führt ein Hinweis zu Informationen zum "Studieren mit Handicap". Klickt man auf dem Link, erscheinen die Kontaktdaten einer Ansprechpartnerin und der Hinweis, dass sich die Seite noch im Aufbau befinde. Trotzdem: "Wir haben beobachtet, dass an der Uni Ulm eine Inklusion wirklich stattfindet", sagt Gabriel.

Diese Beobachtung kann Hanna bestätigen. Einen Monat vor Studienbeginn hat sie an einer Kneipentour für Erstsemestrige teilgenommen - die Studienvertretung hat dafür Lokale recherchiert, die barrierefrei zugänglich sind. Hanna findet schnell Anschluss, fühlt sich wohl, obwohl die Hindernisse bleiben. Das nötige Team von vier Vollzeitkräften hat sie auch zu Semesterbeginn nicht zusammen. Zwei konnte der ASB in Neu-Ulm vermitteln, zwei bleiben noch aus. Stefanie und Hannas Vater sind zurück in Bayern. Man teile sich das halt irgendwie auf bis man vollzählig ist, sagt eine der Assistentinnen. Ob sich der Spießrutenlauf denn gelohnt habe? "Auf jeden Fall", sagt Hanna. Es macht ihr Spaß, das Leben der "normalen" Studenten.

Abonnieren Sie das kostenlose Morning-Briefing aus der Chefredaktion
Damit starten Sie top informiert in den Tag. Außerdem im Newsletter: Die Wettervorhersage und die aktuelle Verkehrslage in der Region.
» zur Registrierung

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Teva streicht weltweit 14.000 Stellen

Die Ratiopharm-Mutter Teva will weltweit 14.000 Stellen streichen. In Deutschland hat der Konzern 2900 Mitarbeiter, die meisten arbeiten in Ulm. weiter lesen