Stammzellen: Wie Ulmer Ärzte Robert das Leben retteten

Als er 15 Monate alt war retteten ihm Ulmer Uni-Ärzte mit einer Stammzellentransplantation das Leben. Heute ist Robert 24, gesund, und sagt: "Ohne Fortschritt der Medizin wäre ich nicht mehr am Leben."

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Robert war erst ein paar Tage alt, als die Eltern rote Pünktchen auf seiner Haut entdeckten - und höchst alarmiert waren. Später dann hatte der Säugling permanent Durchfall, eine Infektion löste die andere ab. Die Zahl der Blutplättchen war viel zu gering, wie eine Untersuchung ergab. Die Diagnose war niederschmetternd: Robert litt am Wiskott-Aldrich-Syndrom, einer Erbkrankheit, die das Immunsystem sowie die Blutgerinnung massiv beeinträchtigt und äußerst selten auftritt. Ihre Häufigkeit liegt bei Neugeborenen bei 1:100.000 bis 1:250.000. Roberts Lebenserwartung? Genaue Prognosen lässt die Krankheit nicht zu, sie verläuft bei jedem Betroffenen anders. Zehn Jahre, vielleicht etwas mehr, vielleicht etwas weniger, gaben ihm die Mediziner damals.

Heute, mehr als zwei Jahrzehnte später, führt Robert ein Leben wie jeder andere in diesem Alter. Dass er damals, als Säugling, diese schwere, ja lebensbedrohliche Erkrankung hatte, daran denkt er oft, geblieben sind ihm ein paar kleine Narben. Und er muss Schilddrüsenmedikamente einnehmen, "aber das müssen ja wohl mehr Menschen". Er arbeitet im Rettungsdienst - und hofft auf einen Studienplatz im Fach Medizin. Dass er wieder gesund wurde, verdankt er eben jener Medizin, "ohne deren Fortschritt wäre ich nicht mehr am Leben."

Sein Vater, damals Assistenzarzt an der Kinderklinik in Hannover, wusste von den Kollegen an der Uni Ulm. Ulm gilt seit mittlerweile vier Jahrzehnten als eines der größten und kompetentesten Zentren, was Stammzelltransplantation angeht. "Mir war klar, dass wir nach Ulm gehen mussten. Die Vertrauensbasis war sofort da", erzählt Roberts Vater. Lange zwei Monate lang suchten die Ulmer Mediziner nach passenden Stammzellen - und fanden sie schließlich: bei einer Spenderin in England. Heute geht das viel schneller, auch dank internationaler digitaler Datenbanken, sagt Prof. Hubert Schrezenmeier, Ärztlicher Direktor des Instituts für Klinische Transfusionsmedizin und Immungenetik Ulm. "Innerhalb von 14 Tagen haben wir den passenden Spender identifiziert." Die Passgenauigkeit der Gewebeeigenschaften ist deshalb von Bedeutung, weil die Abwehrzellen des Spenders ansonsten das Immunsystem des Patienten angreifen, "schwerwiegende Komplikationen können die Folge sein", sagt Prof. Klaus-Michael Debatin, Ärztlicher Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin sowie Leitender Ärztlicher Direktor des Uni-Klinikums.

Im Alter von 15 Monaten erhielt Robert schließlich die Stammzellen der Spenderin aus Großbritannien. Zu ihr hat er mittlerweile Kontakt, "wir haben ein herzliches Verhältnis", sagt Robert. Diverse Voruntersuchungen und Vorbehandlungen waren der Transplantation vorausgegangen, die keine Transplantation im eigentlichen Wortsinn ist. Denn das aufgereinigte und angereicherte Knochenmark des Spenders läuft aus einem Kunststoffbeutel - wie eine Blutkonserve - über den Katheder in die Blutbahn des Patienten. Um das Anwachsen des Knochenmarks zu verbessern, muss im Knochen des Empfängers Platz geschaffen werden, erklärt Debatin. Das heißt: Mit Medikamenten, über Chemotherapie oder Bestrahlung werden Zellen im Empfänger zerstört, die das Transplantat eventuell abstoßen. Außerdem müssen Reste der Grunderkrankung, beispielsweise Leukämiezellen, beseitigt werden. Fünf Wochen lang lag der kleine Robert damals auf Station 7, zeitweise im so genannten Ulmer Zelt, speziell entwickelt, um immungeschwächte Kleinkinder vor lebensbedrohenden Ansteckungen zu schützen. Was seine Eltern , die damals im Elternhaus untergebracht waren, durchgemacht haben, lässt sich an einer kleinen Bemerkung festmachen: "Im Nachhinein sieht man vieles durch eine rosa Brille", sagt Roberts Vater, um mit Blick auf das neu gewonnene Leben seines Sohnes zu ergänzen: "Wir hatten Glück und sind sehr dankbar für alles."

Im Jahr 1990, als Robert behandelt wurde, war diese Therapie hoch innovativ. Die Ulmer Kinder- und Jugendklinik zählt in Deutschland mit rund 30 bis 40 Transplantationen zu den drei großen Zentren, dazu kommen um die 80 Transplantationen bei Erwachsenen in der Inneren Medizin, sagt Prof. Ansgar Schulz, Leiter der Immunologie, Rheumatologie und Stammzelltransplantation. Schulz selber gilt als Experte, was Osteopetrose, die Marmorknochenkrankheit, angeht, die nur über eine Stammzelltransplantation behandelbar ist.

Der medizinische Fortschritt geht rasant weiter, mittlerweile ist die Gentherapie ein vielversprechender Ansatz. Dabei wird ein neues Gen in die Zellen "eingeschleust", erklärt Debatin. Vielleicht kann Robert ja, wenn er sein Studium beendet hat, in die Forschung einsteigen - das Verständnis für Erkrankungen dieser Art hat der 24-Jährige.

Fachsymposium

Tagung Rund 100 Experten werden sich morgen und übermorgen, Samstag und Sonntag, zum Thema "Gentherapie contra Stammzelltransplantation" im Ulmer Stadthaus austauschen - und die Vor- und Nachteile durchaus kontrovers diskutieren, wie Prof. Klaus-Michael Debatin, Ärztlicher Direktor der Ulmer Kinderklinik und Leitender Ärztlicher Direktor des Uni-Klinikums Ulm sagt. Welche Behandlung ist für welchen Patienten am besten? Welche Therapie kann die Medizin anbieten, wenn die Zeit drängt, weil die Wahrscheinlichkeit, einen geeigneten Spender zu finden, bei 1:10.000.000 liegt? Hintergrund des Fachsymposiums, das einem Whos who von Wissenschaftlern und Klinikern dieses Fachgebiets gleichkommt: Die Stammzelltransplantation wird seit nunmehr 40 Jahren an der Ulmer Kinder- und Jugendklinik angewendet. Das Symposium wird von den vier Ulmer Medizinern und Forschern Klaus Michael Debatin, Ansgar Schulz, Catharina Schütz und Klaus Schwarz organisiert.

Geschichte Die Behandlung von Bluterkrankungen hat eine lange Tradition am Uni-Klinikum Ulm, sie ist eng mit dem Namen Ludwig Heilmeyer verbunden. Der Gründungsrektor der Uni Ulm galt als einer der bedeutendsten Hämatologen Deutschlands. Pionierarbeit auf diesem Gebiet leistete auch Theodor M. Fliedner, Gründungsprofessor und Alt-Rektor der Uni Ulm. Fliedner forschte über Blutstammzellen und ihre Verwendung für die Knochenmarkstransplantation sowie über die Wirkungen radioaktiver Belastung.

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