Sparprogramm bei Evobus sorgt für Spannungen

Bei Evobus laufen Verhandlungen über eine Neuordnung der Produktion am Setra-Standort Neu-Ulm. Das sorgt für Unruhe in der Belegschaft.

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  • Bis zuletzt schien noch die Sonne über Setra, vor allem 2016 war ein Rekordjahr. Nun ziehen aber Wolken über dem Standort Neu-Ulm auf. 1/2
    Bis zuletzt schien noch die Sonne über Setra, vor allem 2016 war ein Rekordjahr. Nun ziehen aber Wolken über dem Standort Neu-Ulm auf. Foto: 
  • Europas modernste Lackieranlage für Omnibusse feierte eine runde Zahl. Der 60 000. Bus lief gestern übers Band und hat gleich Farbe abbekommen.,Setra 2/2
    Europas modernste Lackieranlage für Omnibusse feierte eine runde Zahl. Der 60 000. Bus lief gestern übers Band und hat gleich Farbe abbekommen.,Setra Foto: 
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Im Zuge einer Neuaufstellung der Produktion bei Evobus, vieler Schließungstage im zweiten Halbjahr und außerdem Verhandlungen über eine Standortsicherung gibt es anscheinend erhebliche Spannungen im Werk in Neu-Ulm. Bei dem Omnibuswerk im Starkfeld handelt es sich um den größten Industriebetrieb der Region: mit rund 3900 Mitarbeitern. Im Zuge der Verhandlungen um Effizienzprogramme mit dem Management um Daimler-Buschef Hartmut Schick hatte es zuletzt auch mehrere Betriebsversammlungen gegeben, bei denen über die aktuelle Lage berichtet wurde. Die jüngste Verhandlungsrunde um eine so genannte Zielbild-Vereinbarung war unlängst spät in der Nacht gescheitert.

Was löst die Unruhe bei Evobus aus? Das Management stellt die Produktion auf nur noch eine einzige Fertigungslinie um, wie sie mit entsprechenden Taktungen auch in der Autoindustrie üblich ist. Bisher waren es zwei Linien, die aus Sicht Betroffener am Band mehr Flexibilität brachten und den Fertigungsverbund mit dem Daimler-Werk für Stadtbusse in Mannheim erlaubten: Wenn Mannheim, wie nun im Herbst, eher zu viele Aufträge und entsprechende Überstunden hat, konnten Citaro-Stadtbusse auch in Neu-Ulm gebaut wurden. Ohne diese Hilfe aus Mannheim fallen am Standort Neu-Ulm zwischen Juli und Dezember 46 Schließungstage an, wie Betriebsratsvorsitzender Friedrich Beck auf Anfrage bestätigte.

Es gibt darüber hinaus Befürchtungen in der Belegschaft, dass sich das Volumen der Schließungstage wegen sinkender Stückzahlen vergrößert und auf mehr als 60 steigt. An der grundsätzlichen Konstellation wird sich allerdings nichts mehr ändern: Neu-Ulm soll nach der neuen Daimler-Strategie zukünftig nur noch Reiseomnibusse der Marken Setra und Mercedes produzieren.

Für zusätzliche Verwerfungen sorgt, dass 300 Leiharbeiter, die für den Wechsel im Produktionssystem engagiert waren und sich vielleicht Hoffnungen auf einen dauerhaften Job gemacht hatten, das Werk nun sukzessive verlassen müssen. Danach werden die Stamm-Mitarbeiter in der Produktion neu zusammengewürfelt, man kann sich auch freiwillig auf neue Gruppen bewerben, berichtete Beck. Freilich werden dabei auch  Entgeltgruppen gemischt, was in den Teams nicht überall gut ankommen dürfte, Motto: Wenn Du 500 Euro mehr verdienst als ich, kannst Du auch mehr arbeiten. Ein Beschäftigter bei Evobus vermutet: „Das gibt noch Mord und Totschlag.“ Es stellt sich auch die Frage, ob die Qualität der Busse nicht früher oder später leidet. Bei Daimler will man dem Vernehmen nach in dieser neuen Effizienzrunde einen Spareffekt von 20 Prozent erzielen. Dazu muss man allerdings wissen: Buschef Schick ist ein gebranntes Kind. Er musste in einem konjunkturellen Abschwung 2012 horrende Verluste hinnehmen und schaffte die Wende damals mit seinem Sparprogramm „Globe“. Im ersten Quartal 2017 erzielte die Bussparte, für die Konzernchef Dieter Zetsche eine ambitionierte Umsatzrendite von sechs Prozent ausgegeben hat, sogar 7,2 Prozent und liegt damit fast schon auf Pkw-Niveau.

Sowohl Schick als auch Betriebsrat und IG Metall sehen die Lage im Werk Neu-Ulm nicht so dramatisch. Schick zeigt gleichwohl Verständnis für die Ängste in der Belegschaft: „Mir ist bewusst, dass so ein Veränderungsprozess wie die Umsetzung des Zukunftsbilds auch Sorgen in der Belegschaft auslöst. Dafür habe ich großes Verständnis.“ Ein weiteres von Daimler freigegebenes Zitat: „Dass es bei so einem großen Veränderungsprozess auch mal ruckelt, das gehört dazu.“

„Das ist ein No-Go“

Schick weist wie auch der Betriebsrat darauf hin, dass es bei Setra in Neu-Ulm 2016 ein Rekordjahr mit sehr hohen Stückzahlen gab. „Da kann nicht alles schlecht sein“, sagte Beck, der nächstes Jahr mit 61 per Alters­teilzeit in den Ruhestand geht.

Die Zukunftspläne für Setra sehen nach seiner Darstellung eine dauerhafte Auslastung der bisherigen Stammbelegschaft bei einer 35-Stunden-Woche und einer jährlichen Produktion von etwa 2200 Fahrzeugen vor: „Es gibt keine einzige Entlassung.“

Dabei kommt es durchaus zu Feinjustierungen. So wurde der Takt am Band von 36 auf 45 Minuten erhöht. Der Betriebsrat lehnt inzwischen auch kategorisch ab, dass Mitarbeiter für jährlich vier Weiterbildungstage freinehmen, sich dafür also 28 Stunden abziehen lassen. Beck: „Das ist ein No-Go, da verhandeln wir nicht weiter.“ Man will im Zuge der Verhandlungen auch die Leiharbeiter-Quote beschränken und vor allem einen längerfristigen Kündigungsschutz erreichen, der ansonsten 2018 ausläuft. „Das ist der Deal“, sagte dazu Michael Braun von der IG Metall Ulm. Die Gewerkschaft fordere von ihrer Seite aus sogar Veränderungsprozesse und Investitionen, wie sie bei Setra im Zuge der Umstellung der Produktion erfolgen.

Beide wollen keine Häufung von Qualitätsproblemen erkennen. Es sei vielmehr so, dass in der neuen Fertigung mit einer einzigen Montagelinie die Probleme unmittelbar zu Tage treten, weil die Fahrzeuge nicht aus dem Takt genommen werden können: „Das schlägt dann schneller auf.“

Auch das Daimler-Buswerk in der Türkei stellt aus Sicht Becks keine Gefahr für Neu-Ulm dar, obwohl dorthin gerade 150 Niederflurbusse aus dem Neu-Ulmer Kontingent abgewandert sind. Das liege im offiziellen Rahmen. Vor allem dieser Fahrzeugtyp hatte maßgeblich zur Auslastung bei Setra beigetragen. Beck weist darauf hin, dass im türkischen Werk wegen der schlechten Lage sogar ein Personalabbau ansteht.

Kommentar zu Sparprogramm bei Evobus: Diesmal ist es schwieriger

Verhandlungen über betriebliche Sparkonzepte gehören seit der Übernahme von Setra durch Daimler eigentlich zur Normalität. Dabei konnten durchaus immer wieder vernünftige Lösungen erzielt werden, wie damals der Erhalt der Fertigung von Omnibusstühlen.

Diesmal scheint es etwas härter zur Sache zu gehen, zumal der Evobus-Standort Neu-Ulm einige Errungenschaften verliert, die noch aus der Zeit von Harald Landmann, dem Vorgänger des heutigen Buschefs Hartmut Schick, stammen. Dazu gehört der Produktionsverbund mit dem Werk für Stadtbusse in Mannheim, der früher oftmals einen Ausgleich der Kapazitäten erlaubte. Nun wird das Werk im Starkfeld als Standort für Reisebusse isoliert und verliert nach den neuen Überlegungen den Status als zentrale Lackiererei.

Die Art und Weise, wie die Fabrik umgekrempelt wird, löst bei einigen Beschäftigen offenbar ziemlich viel Frust aus, der sich nicht nur gegen Manager, sondern demnach zu nachgiebige Betriebsräte richtet. Wenn dies tatsächlich einer allgemeinen Stimmungslage entsprechen sollte, haben die Führungkräfte auf Arbeitgeber- und auf Arbeitnehmerseite einiges zu kitten.

Ein Kommentar von Frank König.

Setra Daimler hatte Setra 1995 nach der Kässbohrer-Krise übernommen. 2016 war mit 3000 in Neu-Ulm hergestellten Setra-Reise- und Überlandbussen ein Rekordjahr, auch finanziell. Daimler produziert demnach als einziger Bushersteller noch im Inland. Neu-Ulm  war bisher auch zentraler Lackier-Standort für Reise- und Stadtbusse.

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Kommentare

02.06.2017 14:24 Uhr

Antwort auf „Antwort auf „Notwendiger Bruch mit der Heteronomie lebendiger Arbeit””

Dass momentan die Suttgarter Staatsanwaltschaft exemplarisch gegen bislang unbekannte Mitarbeiter der Daimler AG ermittelt, ist in der Konsequenz der besagten Umtriebe nicht dem Zufall geschuldet. Zwar verkürzen manche Zeitgenossen die ganze Tragweite der Aufklärung auf das Problem verpesteter Luft in den Metropolregionen. Lässt man sich aber von dem insbesondere von Bündnis 90/Die Grünen hochtourig betriebenen Lobbyismus als auch von dem von der baden-württembergischen Landesregierung jüngst angekündigten Fahrverbot nicht ins Bockshorn jagen, gerät eben jenes Fehlverhalten allein um des eigenen Vorteils willen in den Blick, das nicht zuletzt die Unversehrtheit von weiten Teilen der Belegschaft im Neu-Ulmer Werk der EvoBus GmbH so überaus gefährdet. Daran lässt sich sehr anschaulich ablesen, wie enorm weltabgewandt die Debatte in der Öffentlichkeit geführt wird. Sollte auch nur ein einziger EvoBus-Beschäftigter zu Schaden kommen, hätte allen voran Ministerpräsident Kretschmann keinen Begriff dafür, der erklären könnte, weshalb dem Arbeitnehmer schreiendes Unrecht widerfahren ist. Daraus kann wohlbegründet geschlossen werden, dass die ideologische Verblendung derzeit Ausmaße annimmt, bei der selbst die Spitzen des Staates nicht davor zurückschrecken, gleichsam über Leichen zu gehen, wenn es parteipolitisch opportun erscheint.

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02.06.2017 12:59 Uhr

Antwort auf „Notwendiger Bruch mit der Heteronomie lebendiger Arbeit”

Die dortige Belegschaft sollte sich deshalb keinen Illusionen hingeben. Der vom Betriebsrat gemeinsam mit der Industriegewerkschaft Metall angestrebte Schutz vor betriebsbedingten Kündigungen über das Jahr 2018 hinaus verstärkt die Wirkung der Produktivitätspeitsche rasch bis an die Grenzen des Zumutbaren. Befürchten laut dem Bericht der SÜDWEST PRESSE inzwischen welche künftig Mord und Totschlag unter den Betriebsangehörigen, ist das keine maßlose Übertreibung, sondern könnte wegen den auf diese Weise äußerst angespannten Kräften eine durchaus realistische Vorahnung dessen sein, was sich in absehbarer Zeit in den Werkhallen im Neu-Ulmer Starkfeld entlädt. Eine ständige Aufgabe bei gleich welchen Maßnahmen der Restrukturierung industrieller Arbeit ist daher ein ebenso permanentes Identifizieren von Ansatzpunkten für den Bruch mit ohnehin längst überkommenen Rationalisierungsformen. Verschreiben sich auch nur kleine Teile der Belegschaft arbeitspolitisch einem Konservativismus, ist nicht nur die unverzichtbare Erneuerung insgesamt blockiert. Vielmehr lässt der von dieser Gruppe einiger weniger an diesem neuralgischen Punkt versperrte Diskurs die Auseinandersetzung unter Garantie für alle ins Unerträgliche hinein eskalieren und die überwiegende Mehrheit der Belegschaft taugt dann bloß noch als Objekt für die sadistischen Projektionen Betriebsfremder. Ohne ein präventives Eingreifen vonseiten des Staates als dem ausschließlichen Inhaber des Gewaltmonopols ist eine wirtschaftlich erfolgreiche und dem Gemeinwohl dienende Umsetzung letztlich nicht denkbar.

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02.06.2017 09:32 Uhr

Notwendiger Bruch mit der Heteronomie lebendiger Arbeit

Sich als Unternehmen das Ziel zu setzen, 20% der Kosten einzusparen, bedeutet in Wirklichkeit, die Produktivität in dieser Größenordnung erhöhen zu müssen. Dass es in dieser Frage nicht den einen One-Best-Way gibt, zeigt bereits das Beispiel der Volkswagen AG, die schon in den frühen 1990er Jahren generell per Haustarifvertrag die wöchentliche Arbeitszeit bei gleichem Arbeitsvolumen verkürzte, damit die Produktivität in allen ihren westdeutschen Werken um 20% ansteigt. Der Wolfsburger Konzern konnte im Zuge dieser Maßnahme zugleich einen rechnerischen Personalüberhang von damals 30.000 Mitarbeitern auffangen. Die Bussparte der Daimler AG mit ihrem EvoBus-Werk in Neu-Ulm erwägt offenbar eine Variante, die von den dortigen Belegschaftsangehörigen im Detail als nicht machbar eingeschätzt wird. Das ändert jedoch nichts daran, dass auch in diesem Fall ein kalkulatorischer Überhang an Personalkapazitäten besteht. Bei einer Belegschaftsstärke von gegenwärtig rund 3.900 sind demnach 780 überzählig. Welche Form der dadurch notwendigen Restrukturierung industrieller Arbeit angesichts dessen gewählt wird, ist somit nicht beliebig. Unter allen Umständen ist eine Lösung zwischen Geschäftsleitung, Betriebsrat und Gewerkschaft zu suchen und zu schließlich finden, die zwingend darauf verzichtet, die von Natur aus gegebene Eigenlogik des Sozialen zu zerstören und an ihre Stelle etwas zu setzen, deren Gesetzgeber und Machthaber Dritte sind. Ansonsten würde sich lediglich in modernisiertem Gewand die Heteronomie lebendiger Arbeit reproduzieren und sämtliche Anstrengungen wären umsonst gewesen.

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