Spannung, die ins Museum lockt

Was macht ein Kunsthistoriker im Ruhestand? Gerald Jasbar konzentriert sich auf Belletristik und Krimis, in denen Kunst eine Rolle spielt.

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Der Kunsthistoriker Gerald Jasbar sammelt Krimis und Belletristik, in denen es um Kunst und Künstler geht.  Foto: 

Fast 25 jahre lang war Gerald Jasbar einer der Köpfe des Ulmer Museums. 2004 ging der heute 73-Jährige in den Ruhestand, widmete sich fortan seinen beiden Passionen: dem Geigenspiel in kammermusikalischen Formationen, vorzugsweise dem Streichquartett, und dem Lesen. Mit einer Besonderheit: Der promovierte Kunsthistoriker sammelt Belletristik und Spannungsromane, in denen es um Kunst geht. Knapp 200 hat Jasbar davon im Regal stehen. Und der ehemalige Museumsmann hat sie nicht nur alle gelesen, er hat sie auch katalogisiert.

Auf das Thema gestoßen hatte den Ulmer Museumsmann Mitte der 80er Jahre ein ganz seriöser Aufsatz des namhaften Kunsthistorikers Willibald Sauerländer in der Fachzeitschrift „Kunstchronik“: „Kunsthistoriker in Romanen“, hieß der Essay. Jasbar war interessiert, las Thomas Bernhards „Alte Meister“ und  Hermann Kinders „Vom Schweinemut der Zeit“, das zu einem seiner Lieblingsbücher werden sollte. Jasbar verschenkte sein Exemplar an einen Freund, nicht ahnend, dass das 1980 erschienene Buch längst vergriffen war. „Ich suchte überall danach, aber es war nicht mehr zu bekommen“, erinnert sich Jasbar an jene Zeiten, in denen es noch keine Internetplattformen für gelesene und antiquarische Bücher gab.

Weihnachten aber lag ein vom Autor signiertes Exemplar auf dem Gabentisch. Des Rätsels Lösung: Jasbars heutige Frau, Christine Faßhauer-Jasbar, hatte den Autor angeschrieben, der damals als Akademischer Rat für Germanistik und Literatursoziologie an der Uni Konstanz arbeitete, und ihm die Sorgen ihres Mannes geschildert.

„Ich habe schon immer gerne gelesen“, erklärt Jasbar. „Belle­tristik, aber auch Krimis. Dabei war mir die Lösung am Schluss nie so wichtig wie der Weg dorthin“, sagt der Kunsthistoriker, der seiner Profession durchaus auch Detektivisches abgewinnt. „Auch Kunsthistoriker müssen recherchieren, forschen und am Schluss ihre Schlüsse ziehen.“ Doch trotz dieser Parallelen gebe es kaum Museumsmenschen, die Jasbars Passion teilen. Die Ausnahme, die Ulmer Restauratorin Evamaria Popp: „Sie hat mir eine ganze Reihe Tipps gegeben.“ Den Rest seiner Sammlung hat sich Jasbar vor allem in den 80er und 90er Jahren regelrecht erlesen – in den gedruckten Verlagsprogrammen. Mittlerweile nutzt er Suchmaschinen im Internet.

Jasbar liest nicht nur gerne die Romane, in denen Kunst, Künstler, ungelöste Rätsel oder schlicht Fälscher und Kunstdiebe eine Rolle spielen, er glaubt auch, dass diese Unterhaltungslektüre die Menschen für Kunst begeistern kann. „Wenn man einen spannenden Roman gelesen hat, in dem ein bestimmtes Werk eine wichtige Rolle spielt, dann hat man doch das Bedürfnis, dieses Bild auch mal im Original zu sehen, im Pariser Louvre, im Amsterdamer Rijksmuseum oder in der National Gallery in London.“

Krimis als Einstieg in die Kunstwelt? Nur, welche Künstler und Werke spielen in welchen Romanen eine Rolle? Mit dieser Aufstellung ist Jasbar derzeit beschäftigt. Eine alphabetische Liste der Autoren samt Anmerkungen zu Qualität und Inhalt ihrer Romane gibt es bereits.

Apropos Qualität: Die ist gerade in Sachen Kunstkrimis und -romane doch sehr unterschiedlich. „Ich finde es wichtig, dass die Fakten stimmen, dass die Handlung etwas mit der Realität zu tun hat, sich das Ganze so oder so ähnlich wirklich hätte zutragen können.“

Wobei die Betonung auf „hätte“ liegt. Denn den katalanischen Künstler Jusep Torres Campalans hat der spanische Autor Max Aub zur Gänze erfunden, das aber mit allerlei Literaturhinweisen, Fußnoten und Werkverzeichnis. Dazuerfinden statt zu fälschen, den Kniff kennt man aus der kriminellen Realität:  Jahrhundertfälscher Wolfgang Beltracchi agierte so, malte neue Bilder, signierte aber seine Werke mit den real existierenden großen Namen und machte sich so strafbar.

Autoren Wer sich für Kunst in Krimis und Romanen interessiert, kann bei Gerald Jasbar per Email eine kommentierte Liste anfordern (gjasbar@web.de), die bislang rund 130 Bücher umfasst.

Künstler Eine Aufstellung, welche Künstler und Kunstwerke in welchen Romanen auftauchen, entsteht derzeit.

Internet Gerald Jasbar würde auch gerne eine Homepage zum Thema einrichten und sucht dafür noch sachkundige Hilfe.

Autor Der Kunsthistoriker ist auch ein Autor. In „Faszination Holzschnitt“ stellt er die schönsten und wertvollsten illustrierten Wiegendrucke aus dem Besitz der Ulmer Stadtbibliothek vor. In der kommenden Ausgabe der Zeitschrift „Ulm und Oberschwaben“ widmet sich Jasbar einer kunsthistorischen Rarität, einer Uhr, auf der Chronos den Tod zeichnet.

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