Spät berufen: Der Schauspieler Walter Frei

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Fast 80 Jahre alt und noch auf der Bühne zugange. Morgen spielt Walter Frei erstmals in „Leg mich zu Füßen Eurer Majestät, Guten Morgen“ den Leibkammerdiener von Kaiser Franz Joseph I. in der Theaterei Herrlingen.   Foto: 

Noch bin ich keine 80!“, ruft er und erhebt warnend die Hand. Na ja, die paar Tage  machen auch keinen Unterschied, denn am Montag ist es dann soweit: Walter Frei hat Geburtstag, seinen 80. Doch der ehemalige Lehrer ist als Schauspieler noch lange nicht im Ruhestand. Morgen, Samstag, hat „Leg mich zu Füßen Eurer Majestät, Guten Morgen“ in der Theaterei Herrlingen Premiere. Ein Solostück. Walter Frei spielt darin Eugen Ketterl, den Leibkammerdiener von Kaiser Franz Joseph I. Der hatte dem Kaiser 22 Jahre lang  bis zu dessen Tod 1916 gedient, seine Erfahrungen in seinem Buch „Der alte Kaiser. Wie nur Einer ihn sah“ niedergeschrieben – auf 176 Seiten. Daraus haben Regisseur Wolfgang Schukraft und Walter Frei das fast zweistündige Stück gemacht.

Franz Josephs Leibdiener ist nur eine von dutzenden Rollen, die Frei verkörpert hat. Klar, mit 80! Nur: Frei steht erst seit 26 Jahren auf der Bühne – seit 1990. Dabei war das Theater schon immer die Leidenschaft des späteren Deutschlehrers. Nach dem Abitur studierte er Theaterwissenschaften in Wien, nahm Schauspielunterricht und nutzte jede Gelegenheit, um ins Theater zu gehen. „Ich war ein Jahr lang in Wien und 390 Mal im Theater“, erzählt Frei. „Denn am Samstag gab es zwei Vorstellungen“. Und die sah der junge Frei alle von den Stehplätzen  aus – zu einem Schilling. Danach ging es ein Semester nach Hamburg, dann zurück nach Tübingen: Walter Frei wurde Lehrer.

Warum? „Mein Schauspiellehrer hat damals zu mir gesagt: ,Aus dir wird nie ein jugendlicher Liebhaber’“, erzählt Frei. „Ich wollte das auch nie. Vielleicht war die unterbewusste Angst davor sogar einer der Gründe, warum ich als junger Mensch so schnell aufs Lehramt umgeschwenkt bin“, sagt Frei. „Ein jugendlicher Liebhaber muss von sich überzeugt sein, selbstbewusst und siegessicher sein, das war ich aber nie. Ich bin eher ein schüchterner und zurückhaltender Mensch, schon damals wollte ich viel lieber Charakterrollen spielen.“ „Ich war gerne Lehrer,“ erzählt Frei. „Ich habe halt meine schauspielerischen Ambitionen im Klassenzimmer ausgelebt.“ Denn groß sei der Unterschied zwischen Unterricht und Bühne nicht: „Eine gute Schulstunde braucht auch einen guten Text, eine Dramaturgie und einen guten Darsteller.“ Das konnte Frei auch den Berufsanfängern vermitteln. 1978 wurde er ans Lehrerseminar nach Weingarten berufen.

Durch Zufall kam er zur Bühne

Und wie kam er doch zur Bühne? „Das war eher Zufall. Ich hatte ein Gastspiel der Theaterei in Ehingen gesehen. Danach kam ich mit Wolfgang Schukraft ins Gespräch.“ Und? „Ein paar Wochen später fragte er, ob ich nicht Regie führen wolle.“ Einfach so? „Nein, zuvor hatte sich Schukraft bei einem Freund  über mich erkundigt.“ „Der Frei, der schwätzt so g’scheit daher, versteht der was vom Theater?“, soll Schukraft gefragt haben. Das Stück, das Frei für Schukraft in Szene setzen sollte, war Büchners „Leonce und Lena“. Und wie es bei kleinen Theatern eben so ist: Natürlich fehlte ein Darsteller für die Rolle des Königs. Die übernahm der Regisseur selbst. Der Beginn einer 26-jährigen Erfolgsgeschichte, in der Frei gut 40 Rollen spielte.

Doch nicht nur als Darsteller konnte sich Frei in der Theaterei verwirklichen, sondern auch als Literaturliebhaber und -vermittler. Seine literarische Reihe ist seit Jahren ein Dauerbrenner.

Und jetzt mit (fast!) 80? „Der Kopf ist noch topfit“, sagt Frei, der sich für den Leibkammerdiener ja erst 110 Minuten Solotext draufschaffen musste. „Nur mit den Beinen habe ich Probleme, das wird schon ganz schön wacklig“, sagt er und scherzt: „Ich bevorzuge deshalb jetzt eher sitzende Rollen.“ Aber ein körperbetonter Darsteller sei er ja sowieso nie gewesen. „Ich war immer mehr ein Mann des Wortes.“ Und: „Ich glaube, das, was mir auf einer Theaterbühne am entferntesten liegt, ist der Part eines Ballett-Tänzers.“

Info „Leg mich zu Füßen Eurer Majestät, Guten Morgen“ mit Walter Frei hat morgen Samstag, 20 Uhr, Premiere in der Theaterei Herrlingen und wird dort auch am Sonntag, 17 Uhr, gezeigt.

1 Der Herr Karl in Helmut Qualtingers gleichnamigem Stück.

2 Sebastian Sailers Singspiel „Die Schwäbische Schöpfung“, die Walter Frei mehr als 300 Mal gespielt hat. „Das hat unglaublich viel Spaß gemacht: Ich bin in alle Rollen geschlüpft, habe gesungen und gespielt.“

3 Der Dorfrichter Adam in Kleists „Der zerbrochne Krug“. „Das war ein tolles Geschenk, das mir Wolfgang Schukraft zum 78. Geburtstag gemacht hat. Damit hatte ich nie gerechnet, weil dieses Stück für unsere kleine Bühne viel zu groß ist.“

4Der Karl in Thomas Bernhards „Der Schein trügt“. „Das ist erst mal ein 45-minütiges Solo und insgesamt eine Suada totale. Und eine Herausforderung: Denn dieser Text muss perfekt sitzen, muss auf den Punkt stimmen. Bernhard hat Ganze durchkomponiert wie ein Musikstück.“

5 Yvan in Yasmina Rezas Welterfolg „Kunst“.

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