Sorgen wegen Stuttgart 21: Wird Ulm abgehängt?

Wegen der nun bekannt gewordenen Verlängerung der Bauzeit beim Bahnprojekt Stuttgart 21 um drei Jahre befürchten vor allem die Grünen, dass der Ulmer Hauptbahnhof an Frequenz verliert.

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Blick auf die Baustelle eines S-Bahn Tunnels zwischen dem Hauptbahnhof und Bad Cannstatt, der im Rahmen des Bahnprojekts Stuttgart 21 errichtet wird.  Foto: 

Die Verzögerung bis 2024 und gleichzeitige Verteuerung des Bahnprojekts S 21 (wir berichteten) hat in Ulm enttäuschte Reaktionen ausgelöst. Vor allem die Grünen sehen die Gefahr, dass Ulm zumindest „teilweise abgehängt“ wird, wenn die Bahn ihren Fernverkehr dann eventuell vorrangig über Strecken wie Basel-Frankfurt und München-Erfurt  leitet. Bei der IHK Ulm  nannte ein überraschter Hauptgeschäftsführer Otto Sälzle die Verzögerung um mehrere Jahre „sehr bedauerlich“. Man müsse prüfen, inwieweit die Neubaustrecke zum Stuttgarter Flughafen womöglich früher in Betrieb genommen und mit Stuttgart verknüpft werden könne.

Aus Sicht der Grünen war es klar, dass die Tunnelwände stärker als geplant werden müssen und auch der Tiefbahnhof in Stuttgart teurer wird. Nach dem Volksentscheid sei ein Abbruch allerdings keine Option mehr.

Bei einer deutlich verlängerten Neubauphase würden jedoch mehr Züge an Stuttgart und an Ulm vorbei geleitet. Auch die Querverbindung München-Würzburg-Frankfurt könne zur Regel werden und sei schon heute um 25 Minuten schneller als die Strecke, die über Ulm führt: „Ulm und in geringerem Maße Stuttgart wären dann dauerhaft abgehängt.“

Anschluss bei Wendlingen?

Es müsse daher sichergestellt werden, dass Ulm seinen ICE-Anschluss im regelmäßigen Takt behält. Zur Beschleunigung könne die Neubaustrecke bei Wendlingen als Übergang an die Neckar-Alb-Bahn angeschlossen werden. Das erfordere jedoch zusätzliche Ein- und Ausschleifungen, die bisher nicht vorgesehen seien.

Auch das Fahrgastaufkommen des Ulmer Hauptbahnhofs müsse gestärkt werden: mit der Regio-S-Bahn. Diese solle sogar „möglichst schnell und möglichst umfassend“ umgesetzt werden. Dafür sei der Einsatz aller Verantwortlichen notwendig.

Für die SPD sagte Dorothee Kühne: „Dass wir jetzt vielleicht nochmal drei Jahre warten müssen, das ist bitter.“ Sie kann die Diskussion um die Mehrkosten nicht verstehen: „Ich glaube, dass die Bevölkerung darauf wartet, dass es fertig wird. Das muss man jetzt durchziehen.“ Auch Thomas Kienle (CDU) hat vor allem einen Gedanken: „Das ist schrecklich, für uns nachteilig und schädlich.“ Man hoffe, dass „noch alles möglich gemacht wird.“

„Die Verzögerung bis 2024 ist für Ulm sehr negativ“, sagte Reinhold Eichhorn als Fraktionsvorsitzender der Freien Wähler. „Ob das jetzt eine Milliarde mehr kostet – das hat man ja schon geahnt. Aber wir wollen ja auch den Hauptbahnhof herrichten.“ Jetzt wisse man nicht, wo Einsparungen kommen.

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Kommentare

03.12.2017 15:05 Uhr

Rathauschefs: Neubaustrecke vor S21 nutzen

Wie geht es weiter mit der Neubaustrecke Wendlingen–Ulm, wenn Stuttgart 21, also der Tiefbahnhof mit seinen Tunnelstrecken in Stuttgart und der Trasse auf den Fildern bis Wendlingen, frühestens Ende 2024 in Betrieb geht, wie es die neuesten Gutachten der Bahn prophezeien?

Diese Frage ist vor allem in Merklingen und Ulm aktuell, wo Bahnhöfe neu bzw. umgebaut werden. Die Position in den Rathäusern ist klar: Auf der Neubaustrecke sollen unabhängig von S21 so rasch wie möglich Züge fahren.

„Wir begrüßen es, wenn eine fertige Neubaustrecke schon vorab genutzt werden könnte“, sagte der Ulmer Oberbürgermeister Gunter Czisch auf Anfrage. „Da die Fragen aber sehr komplex sind, erlauben wir uns, den Wunsch zu äußern, aber dies nicht zur Forderung zu erheben“, schiebt der Rathauschef der Donaustadt diplomatisch nach.

Direkter ist Sven Kneipp, Bürgermeister der Gemeinde Merklingen: „Aus meiner Sicht wäre es unsinnig, eine funktionsfähige Infrastruktur drei oder mehr Jahre brachliegen zu lassen.“ Kneipp hält eine vorzeitige Inbetriebnahme schon deshalb für sinnvoll, weil er davon ausgeht, dass die „Sicherung der Strecke ebenfalls einen hohen finanziellen Aufwand darstellt“. (...)

http://www.stuttgarter-nachrichten.de/inhalt.stuttgart-21-folgen-der-verzoegerung-rathauschefs-neubaustrecke-vor-s-21-nutzen.7887184c-bd15-4483-a15f-fd389f7b4283.html

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03.12.2017 14:54 Uhr

Wenn verkehrstechnische Bahn-Analpabeten meinen, sie hätten etwas zu sagen

Schon seltsam, wenn ausgerechnet der IHK-Hauptgeschäftsführer, Otto Sälzle, die Verzögerungen von S21 über mehrere Jahre hinweg bedauerlich findet, nachdem gerade die IHK Ulm sich vor der VA so vehement mit einer äußerst schmutzigen und verbotenen Plakataktion für dieses hirnrissige Bahnprojekt eingesetzt hatte und dafür zurecht gerichtlich gemaßregelt wurde.

Er und sein Kompagnon Peter Kulitz sind damals zudem mit der unbedarften und schwachsinnigen Behauptung hausieren gegangen, die Neubaustrecke würde ohne S21 auf dem Acker enden!

http://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.grossplakate-fuer-stuttgart-21-ihk-ulm-unterliegt-vor-gericht.5f71ce33-11ee-482c-aed2-7bc3c9a59a17.html

No­lens vo­lens, jetzt ist also schon soweit und über enttäuschte Reaktionen braucht man sich ob soviel Blauäugigkeit erst gar nicht zu wundern, nachdem man der Bevölkerung in der Donaustadt unverhohlen eingetrichtert hatte, NUR MIT S21 gäbe es auch die ach so begehrte schnelle ICE-Verbindung zum Stuttgarter Flughafen. Wie heißt so schön: "Gegen Dummheit ist eben kein Kraut gewachsen!"

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01.12.2017 21:08 Uhr

titanic

Klar doch,
geahnt haben wir es.

Oder eher gewusst?

Hatten all die sogenannten Wutbürger, die das Alles schon kommen sahen, also Recht?
Sind Politiker grundsätzlich des Rechnens nicht mächtig? **
Wie viele Millionen dieser 1000 ZUSÄTZLICHEN MILLIONEN € landen wohl auf welchem Konto?

**Bei den Grünen ist die Frage rein rhetorisch: hier bestimmt die Ideologie allemal die Fakten. Die anderen haben in der Grundschule nur nicht so gut aufgepasst. Milliarden? Hä? Sind doch nur viele Nullen und eine einzige Eins. Ergo: Wir schaffen das auch noch!

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Das Bahnprojekt Stuttgart 21 und die Neubaustrecke

Die Bahn preist Stuttgart 21 und die Neubaustrecke von Wendlingen nach Ulm als zukunftsweisendes Projekt an, Kritiker widersprechen. Auf dieser Seite finden Sie alle Artikel zur Neubaustrecke und Stuttgart 21.

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