Sommerserie - "Alles Kultur!": Rasen-Ballett

„Alles Kultur!“ Das ist keine Behauptung und auch keine Drohung, so heißt unsere Sommerserie in diesem Jahr. in der heutigen Folge geht es um Ballett auf dem Fußballplatz – denn in der Kreisliga wird in den Augen des Kritikers natürlich zeitgenössisches Tanztheater geboten.

|

Und dann wird er doch gegeben, der sterbende Schwan. Zwei Tänzer wirbeln, fast kommt es zur Kollision der Körper, doch einer hebt ab, fliegt, stürzt, schreit. Mitten in dieser avantgardistischen Choreografie eine Hommage an die große Primadonna Andy Möller, was für eine hinreißend vertanzte Tierfigur, Schwan und doch auch Schwalbe.

Es ist nicht der einzige Moment dieser Inszenierung, in der Tradition und Moderne aufeinandertreffen. „Kreisliga A“, lautet der simple Titel des Stücks, doch kreist es um nicht Geringeres als um das A und O jeglicher Existenz, thematisiert den ewigen Kampf um die Macht.

„TSV“, prangt am Eingang: Tanz-Sport-Verein. Gespielt wird auf dem Freilichttanztheaterplatz Holzheim. Rustikal rural, es ist ein auch sozial integratives Projekt, wo sonst gibt es Hochkultur für 3 Euro?

Monochrome Flächigkeit: Der Bühnenbildner hat Rasen ausgelegt, vegetabile Metapher für die Mühen der Ebene. Aufgemalte Linien, Kreise, Punkte, den Raum symmetrisch strukturierend. Die Ordnung der Dinge, ein Kontrast zum anarchischen Bewegungskonzept.

Die Compagnie verkörpert zwei Clans, die Urkonstellation befeindeter Sippen. Die „Holzheimer“ in Blau und Weiß, an bajuwarische Tradition gemahnend. Die „Thalfinger“ ganz in Rot: Farbe der Aggression, doch auch der Liebe. Schlicht sportive Kostüme, aber vielsagend.

Ein Ansager kündigt monoton die Protagonisten an. Es sind sprechende Namen – Schwer, Graus, Fleischmann, Rau –, doch Nummern auf den Kostümen lassen wissen: Es geht um den Platz im Kollektiv. Alsbald schälen sich Archetypen heraus: der Anführer, der Kämpfer, der Renner. Ebenso zeigen sich soziale Kategorien: das Rudel, die Widersacher, der Einzelgänger.

Ballett: Ja, Hauptrequisit ist ein Ball. Er soll durch einen Kasten bewegt werden, die letzte Linie überschreiten, was ein Wächter zu verhindern sucht. Geschieht es doch, wird er zurück auf den Mittelpunkt gelegt, das Treiben beginnt von vorn. Welch signifikante Analogie für die Vergeblichkeit menschlichen Tuns, ein Verweis auf den Sisyphos-Mythos und dessen Neudeutung durch Albert Camus („Alles, was ich über Moral und Verpflichtungen weiß, verdanke ich dem Fußball“). Ein Hin, ein Her, ein Hin und Her auf der Bühne des Lebens.

Die Choreografie ignoriert Tendenzen etwa des katalanischen Tiki-Taka-Tanzes, hingegen wird auf athletisch-atavistisches Bewegungsrepertoire rekurriert: Spurten, Springen und Stochern, Schlittern und Stürzen. Immer wieder taumelnde, strauchelnde Körper, es braucht enorme Technik, um dies glaubwürdig zu tanzen, während der Ball hoppelt, flattert und abprallt. System und Chaos werden gegeneinander ausgespielt.

Das klassische Repertoire wird nicht verleugnet: Man sieht energische Soli, auch einen Pas de deux mit ruhendem Spielgerät, Vollstrecker gegen Wärter. Einmal wird der Ball mit dem Kopf ins Netz getrieben, Zeichen überlegener Intelligenz; einmal wird er ins Gemächt eines Kämpfers befördert, Augenblicke physischer Grenzerfahrung.

Freilich weist „Kreisliga A“ Brüche auf, der Ball fliegt mal über die Hecke ins Jenseitige, die vierte Wand der Illusion scheint durchbrochen. Oft wird der Ball beschworen, zuweilen himmelwärts gedroschen, eine Anrufung höherer Instanzen. Doch diese Mächte manifestieren sich unmittelbar durch einen Mann in Schwarz, statt Sense hat er eine Pfeife. Durch Mark und Bein geht sein Signal, tönendes Schicksal. Ein Ritus, wie dieser Richter über Leben und Tor aus dem Auditorium angerufen wird, einer altägyptische Gottheit gleich: „Schi Ri!“

Exklamation ist ein zentrales Element dieser Inszenierung, „Dampf rein“, „Geh hin“, „Hau ihn weg“, oft intensiviert durch Verdopplung: „Schieß, schieß!“. In Momenten ekstatischer Zuspitzung wird sogar dreifache Tautologie bemüht: „Weiter, weiter, weiter, geh, geh, geh!“

Bemerkenswert ist die unkonventionelle Musikdramaturgie: Die Aufführung ist sparsam vertont, abgesehen von der Rhythmisierung durch Klatschen und Brüllen. Doch rollt der Ball ins Tor, schallt es aus den Lautsprechern: „Alles Klärchen am Bärchen, alles klar im BH . . . alles fit im Schritt?“, die vorgebliche Banalität und Profanität des Geschehens unterstreichend. Und die ohnehin manifeste homoerotische Komponente noch steigernd.

Denn außer Momenten rustikaler Zweisamkeit durch Klapse auf trainierte Gesäßmuskeln und frivole Umarmungen erweist sich die verbale Ebene als heftig sexuell konnotiert: „Enger“, „drauf“, „Hintermann“, „pass auf den Langen auf“ und, schließlich, „komm, komm!“.

Der ganze 2. Akt wird in strömendem Regen gespielt. Die Aufgeworfensein des Menschen angesichts übermächtiger Elemente zitiert Pina Bauschs legendäre „Le Sacre du Printemps“-Inszenierung.

Am Ende prallt Fleisch auf Fleisch, geraten die Clans unmittelbar aneinander. Ein Recke wälzt sich im Schlamm. Schi Ri zückt einen roten Karton. Hat die Liebe gesiegt? Eher nicht, denn Raserei bricht aus. „6 zu 2“, wird angesagt, dann endet das Stück mit freiem Tanz und Gesang auf der einen, mit Zorn und Bitterkeit auf der anderen Seite. Das pralle Leben. Und der Ball liegt da, als wäre nichts geschehen. Starker Applaus und ein paar Pfiffe.

Sommerserie

„Alles Kultur!“ Das ist keine Behauptung und auch keine Drohung, so heißt unsere Sommerserie in diesem Jahr: Ein kulturelles Sommerloch? Doch nicht in Ulm. Die aufgerissenen Straßen, die abgesperrten Baustellen in der Stadt? Die reinsten Kunst-Installationen! Das Warten auf den ICE am Hauptbahnhof? Eine avancierte Theaterinszenierung, frei nach Beckett! Alles ist nur eine Frage des Blickwinkels, der Perspektive. Dann ist alles Kultur. Natürlich ist das auch eine satirische Serie und eine selbstironische der Kulturschreiber. Heutige Folge: Ballett auf dem Fußballplatz – denn in der Kreisliga wird in den Augen des Kritikers natürlich zeitgenössisches Tanztheater geboten.

 

 

Abonnieren Sie das kostenlose Morning-Briefing aus der Chefredaktion
Damit starten Sie top informiert in den Tag. Außerdem im Newsletter: Die Wettervorhersage und die aktuelle Verkehrslage in der Region.
» zur Registrierung

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Ratiopharm Ulm gegen Oldenburg: Im Norden nichts Neues

Basketball-Bundesligist Ratiopharm Ulm steckt weiter in der Krise. Die Schwaben verloren bei den EWE Baskets Oldenburg mit 83:94 und kassierten die fünfte Niederlage im sechsten Spiel. weiter lesen