Solar Equation: Die letzten Tage der Münstersonne

Die „Sonne“ im Münster geht bald wieder unter. Noch fünf Tage ist das Kunstwerk dort zu sehen. Kirche, Stadt und Künstler sind mit der Resonanz zufrieden. Von den Besuchern ist fast nur Positives zu hören.

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Die Tage der „Sonne“ im Münster sind gezählt. Am Sonntag ist die Installation „Solar Equation“, die der kanadisch-mexikanische Künstler Rafael Lozano Hemmer zum Münsterturmjubiläum schuf, letztmals zu sehen. Wie viele Menschen den sechs Meter Durchmesser großen Ballon in der Turmhalle seit seiner Einweihung am 24. Mai sahen, ist nicht bekannt. Ein Besuch am Montagvormittag zeigt das Kirchenschiff aber gut besucht. Rauschen und leises Grollen, das die auf den Ballon projizierten Sonnenstürme begleitet, empfängt die Besucher. „Papa, kuck mal, der Planet!“, ruft ein Bub. 30 Menschen umschwärmen diese Sonne, drei von ihnen fotografieren sie. „Boah“, sagt jemand. Ein anderer: „Boah.“

Münsterpfarrerin Tabea Frey hat sich in eine der Bankreihen gesetzt, die auf das ungewöhnliche Kunstwerk blicken. „Die Leute verweilen länger“, hat sie in den vergangenen drei Monaten beobachtet. „Viele setzen sich hin und schauen sich das über Minuten hinweg an.“ Begeisterung werde vor allem dann geäußert, „wenn’s eruptiv wird“. Die Urteile an diesem Tag reichen von „sehr hübsch“ über „schön, beeindruckend, überraschend“ zu „fantastisch!“. Das Kunstwerk habe etwas Beruhigendes, meint die Pfarrerin der evangelischen Münstergemeinde. Sie betrachtet es gern aus den verschiedensten Perspektiven. Dabei fiel ihr die „rötliche Abstrahlung“ der Sonnenprojektion über dem Orgelboden auf.

Zudem beeindruckt die 52-Jährige jedes Mal aufs Neue die Größe der Installation. Die begeistert auch Olaf und Anja Cornelsen aus Hamburg, die gerade in Heidenheim Urlaub machen und auf eine Empfehlung hin einen Tagesausflug nach Ulm unternehmen. Claudia Daufratshofer ist mit der Familie aus dem Allgäu angereist. Sie findet die Sonne „gerade für Kinder spannend, weil sie sich immer verändert“. Ein an Astronomie interessierter Mann aus Blaustein, der mit Besuch von auswärts ins Münster gekommen ist, findet es „stark, dass der Künstler das auf seinem Computer programmieren konnte“. Seiner Frau findet die Erklärungen auf den davor platzierten Infostelen ohne Brille zu schwer zu lesen. Auch am Nachmittag bleiben immer wieder Leute vor den Stelen stehen. Trotz der Erklärungen dort und in den ausliegenden Broschüren wurde Tabea Frey in den vergangenen Monaten nicht nur oft nach Öffnungszeiten und Dauer der Installation gefragt, sondern auch: „Warum hängt das da jetzt?“

Gezielt aufgrund des Kunstwerks schauen die wenigsten Besucher im Münster vorbei, da sind sich Pfarrerin Frey, Ilse Vorwalter, die im Shop Souvenirs verkauft und ab und an nach Broschüren zur Münstersonne gefragt wird, und Kerstin Hampel von der Tourist Information im Stadthaus einig. Nur einige wenige fragen explizit nach der Sonne, berichten Frey und Hampel. Aber ohne sie würde sich der Besucherstrom nicht wie an jenem Montag auf den Bereich der Turmhalle konzentrieren, erklärt Tabea Frey.

So rückt auch die „an sich problematische Figur des martialischen Engels Michael“ in den Fokus, den die Nationalsozialisten in der von ihnen zur Gedenkhalle für Gefallene umgewidmeten Turmhalle aufgehängt haben. Darauf wurde auch Sabine Presuhn, die stellvertretende Leiterin des benachbarten Stadthauses, jüngst angesprochen. Weder die Bürgerschaft noch die Kirche hätten diese von den Nazis veränderte Darstellung des Engels gewollt. Gerd Lechtenfeld aus Versmold bei Gütersloh, der mit seiner Frau auf einer vierwöchigen Radtour vom Bodensee nach Flensburg in Ulm Station macht, würde „diese faszinierende Sonne“ definitiv lieber ohne die Messingfigur mit dem nach oben gereckten Schwert davor sehen – und fotografieren. Gisela Lechtenfeld hätte sie „gar nicht als Engel erkannt“. Übereinstimmend finden sie: „Die ist hier fehl am Platz.“ „Viele Besucher sagen, die Figur bekomme jetzt nochmal eine spezielle Aura und mehr Aufmerksamkeit“, berichtet die Pfarrerin. Ihr selbst kommt sie durch die Sonne „fast milder vor als sonst“. Denn immerhin: „Es gibt noch was dahinter.“

Die Lichtmetaphorik von „Solar Equation“ biete in diesem gotischen Kirchenraum viele Anknüpfungspunkte zum Weiterdenken. Das gefällt ihr. Und das Werk verweise auf die Offenheit dieser Bürgerkirche gegenüber den Naturwissenschaften. Die komplizierten Hintergedanken des 47-jährigen Künstlers hat sie für ihre Führungen „eingedampft“. Durch sie weiß sie inzwischen, wie sich das interaktive Werk durch Bewegungen größerer Gruppen beeinflussen lässt. Monate bevor im Ulmer Münster seine „Sonne“ aufging, hatte sich Rafael Lozano Hemmer dagegen entschieden, dies über eine App zu steuern, da es ihm respektlos erschien, wenn die Besucher in der Kirche ständig auf ihre Smartphones blickten. Mit dem Resultat der Arbeit war er „sehr zufrieden“, sowohl was die Ästhetik als auch die Reaktionen angeht.

Er sei „sehr traurig, dass die Sonne in Ulm wieder untergeht“, sagt der Künstler. „Es muss nicht für immer sein“, findet Tabea Frey. Bei allen „boahs“ und aller Begeisterung sei sie froh, wenn’s mal wieder leise ist. Kommenden Montag ist es soweit: Mitarbeiter der Dornstadter Firma Maurer Veranstaltungstechnik, die für den Aufbau verantwortlich war, bauen das Kunstwerk wieder ab. „Wo geht die Sonne dann als nächstes hin?“, fragt Claudia Daufratshofer. Zunächst nirgends. Das technische Equipment komme wieder in den Bestand der Firma Maurer, erklärt Benedikt Partl, und der Ballon in den Bestand der französischen Firma Airstar. Rafael Lozano Hemmer aber verhandelt derzeit mit seiner Geburtsstadt Mexiko. Die politische und wirtschaftliche Situation dort sei sehr düster. „Ich hoffe, wenn das Werk dort 2016 gezeigt wird, kann das ein metaphorischer Sonnenaufgang werden.“

Gästebuch-Einträge von Finnland bis Chile

Fazit Sabrina Neumeister vom Kulturamt der Stadt Ulm zieht eine positive Bilanz. Das Plakatieren von Augsburg bis Würzburg habe sich gelohnt. Viele Besucher seien eigens wegen „Solar Equation“ nach Ulm gekommen. Die Flyer mussten viermal nachgedruckt werden, die Gesamtauflage betrug mehr als 50.000. Das Video wurde im Internet 33.000 Mal angeklickt. Im Gästebuch finden sich Einträge von Finnland bis Chile, Indonesien bis Ghana. Und viele Einheimische erzählten, sie besuchten das Münster wegen der „Sonne“ öfter als sonst.

Nachtführung Tabea Frey lädt am Donnerstag, 21.30-23 Uhr, zur letzten Nachtführung mit „Sonne“.

Infos Geöffnet ist täglich 9-19.45 Uhr, Eintritt frei. www.ulmer-muenster.de

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