Sohn des Stauffenberg-Verschwörers Finckh: "Er hat das klasse gemacht"

Eberhard Finckh war einer der Widerstandskämpfer um Claus Schenk Graf von Stauffenberg. Der Oberst, der Batteriechef in Ulm war, wurde am 30. August 1944 hingerichtet. Wir sprachen mit seinem Sohn Peter.

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  • Eine der wenigen Begegnungen von Vater und Sohn während des Krieges: Das Foto von Peter (links) und Eberhard Finckh entstand wohl um 1940 auf der Donau. 1/2
    Eine der wenigen Begegnungen von Vater und Sohn während des Krieges: Das Foto von Peter (links) und Eberhard Finckh entstand wohl um 1940 auf der Donau. Foto: 
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    Peter Finckh lebt seit 1973 in Ulm. Foto: 
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Sechs Tage nach dem misslungenen Attentat auf Adolf Hitler am 20. Juli 1944 wurde Eberhard Finckh verhaftet. Der Oberst im Generalstab, der Oberquartiermeister beim Oberbefehlshaber West in Paris war, hatte die Männer des Sicherheitsdienstes am Tag des Attentats festnehmen lassen - im festen Vertrauen, dass die Berliner Verschwörer um Claus Schenk Graf von Stauffenberg Hitler im Führerhauptquartier Wolfsschanze eliminiert hatten. Finckh (geb. 1899 in Kupferzell im Hohenlohischen) stellte nicht nur das Verbindungsglied zwischen Berlin und den Mitverschwörern in Paris dar, der Oberst, der Batteriechef der 3. Schweren Batterie des Artillerie-Regiments 41 im Fort Unterer Kuhberg in Ulm war, beteiligte sich - wie die Verhaftungsaktion zeigt - aktiv an den Umsturzplänen.

Mit den beiden führenden Personen des Attentats vom 20. Juli 1944 war er kameradschaftlich und familiär verbunden: Mit Graf Stauffenberg und Albrecht Ritter Mertz von Quirnheim hatte Finckh einen Lehrgang auf der Kriegsakademie absolviert, mit ihnen stand er in direktem Kontakt. Stauffenberg war sogar Patenonkel einer der beiden Töchter Finckhs, der für die Versorgung der in Stalingrad eingeschlossenen 6. Armee zuständig war. Dass lediglich 6000 Soldaten überlebten, machte ihm Hitler noch mehr verhasst. Seiner Frau Annemarie schrieb er im März 1942 einen Brief, der zwar etwas verklausuliert klingt, aber seine Haltung dokumentiert: "Da muss halt beizeiten was geschehen, um hier nach der Sach zu sehen . . . Vielleicht entwickelt sich mal wieder ein geschickter Gedanke zu Plan und Tat . . ."

Einen Monat nach seiner Verhaftung wurde Finckh durch den Ehrenhof aus der Armee ausgestoßen. Dieses von Hitler durch FührerErlass gebildete Gremium hatte allein die Aufgabe, die Wehrmachtsangehörigen, die am Attentat vom 20. Juli 1944 beteiligt waren, aus der Wehrmacht zu verbannen. Die Widerstandskämpfer konnten somit vor den Volksgerichtshof unter dessen berüchtigtem Präsidenten Roland Freisler gestellt werden. Rund 200 Personen insgesamt wurden im Umfeld des Attentats auf Hitler hingerichtet.

Eberhard Finck wurde am 29. August 1944 gemeinsam mit General Carl-Heinrich von Stülpnagel und dessen Stabschef Hans Otfried von Linstow zum Tode verurteilt. Im Urteil heißt es, dass "er (Finckh) von Anfang an die Freundschaft zum Verräter (Graf von Stauffenberg) der Treue zu Volk, Führer und Reich vorzog, . . . daß er es ferner war, an den die Berliner Verräter ihre Nachricht vom Erfolg des Attentats durchgaben, zeigt, mit welcher inneren Bereitschaft er dabei war". Finckh habe, so Freisler abschließend, "keinen Platz mehr in unserer Mitte". Alle drei starben heute vor 70 Jahren durch den Strang in München, wo auch Hans und Sophie Scholl hingerichtet wurden.

Wir sprachen mit Peter Finckh über die Erinnerungen an seinen Vater und die Auswirkungen des 20. Juli 1944 auf die Familie.

Welche Bedeutung hat für Sie persönlich dieser 30. August 1944?
PETER FINCKH: Eigentlich eine geringe Bedeutung, weil ich als kleiner Bub damals wenig mitgekriegt habe. Meine Mutter hat zu mir nur gesagt, "der Vater ist tot", dann hat sie geheult. Ich habe als Siebenjähriger nur gewusst, dass mein Vater Soldat war. Mein Spielzeug war ein Maschinengewehr aus Holz. Die ganzen Zusammenhänge habe ich erst Jahre später verstanden . . .

. . . aber der 30. August vor 70 Jahren sollte in Ihrem Leben immer wieder eine Rolle spielen.
FINCKH: Sicher, die familiäre Vergangenheit, die Hinrichtung meines Vaters wegen der Beteiligung am Attentat auf Hitler, hat in mein Leben reingespielt. Die Auseinandersetzung damit hat mich zu einem politischen Menschen gemacht, vielleicht wäre ich sonst ein biederer Bürger geworden.

Als Hitler 1939 Polen überfiel, waren Sie nicht mal zwei Jahre alt; als Ihr Vater hingerichtet wurde, waren Sie sieben. Welche Erinnerungen haben Sie an ihn?
FINCKH: Fast keine, ich kenne ihn eigentlich nur aus Erzählungen. Eine einzige Erinnerung habe ich - und die ist nicht erfreulich. Ich hatte mir aus Pappendeckel ein Ritterkreuz gebastelt und trug einen Stahlhelm für Kinder. Als er das sah, hat er mir das Ritterkreuz weggenommen und gesagt: Damit spielt man nicht! Das war natürlich pädagogischer Blödsinn . . .

Ihre Mutter war in die Umsturzpläne eingeweiht. Was hat sie Ihnen später erzählt von den Gesprächen mit ihrem Ehemann?
FINCKH: Sie wusste in der Tat alles, ganz im Gegensatz zur Frau von Claus Schenk Graf von Stauffenberg, die aus dem Radio von dem gescheiterten Umsturz und von der Rolle ihres Mannes erfahren musste. Meine Mutter war eine energische, durchsetzungsfähige Frau. Sie entstammte einer adligen Familie, von Weyrauch; ihr Vater war preußischer Offizier, ihr Großvater ebenfalls beim Militär. Sie ist in dieser Tradition aufgewachsen - und war gegen den Nationalsozialismus, auf eine rabiatere Art und Weise als es mein Vater war. Über sie kann ich sagen: Es gab schon Widerstand, bevor Krieg war. Mein Vater gehörte übrigens nicht der NSDAP an, er war einer der wenigen Offiziere, die nicht in der Partei waren. Wäre er Parteimitglied geworden, wäre Feuer unterm Dach gewesen. Meine Mutter hätte ihm was erzählt. Sie war im Hintergrund die treibende Kraft, er hat das Soldatentum gelebt, aber auch schon 1939 den Unsinn eines Krieges erkannt. "Dees Kriegle isch verloren" hat er damals in breitestem Schwäbisch gesagt.

Was hat sich für die Familie nach dem 30. August 1944 verändert?
FINCKH: Da muss ich eine Anekdote aus dem Luftschutzbunker erzählen, als eine damals stadtbekannte Frau zu Beginn eines Bombenangriffs zu meiner Mutter sagte: "Neben der Frau eines Landesverräters sitze ich nicht." Ansonsten erlebten wir keine Diffamierungen, die Familie ging damals ja auch nach Lenggries zu den Großeltern. Die Gestapo hatte unsere Wohnung in der Römerstraße beschlagnahmt und uns rausgesetzt - nicht ohne vorher alles zu durchsuchen. Meine Mutter war auf Zack, sie hatte sämtliche Briefe meines Vaters verbrannt, mit einer Ausnahme. Und diesen Brief fand ein Ulmer Gestapo-Beamter, der aber beide Augen zudrückte. Später, im Entnazifizierungsverfahren, hat dann meine Mutter für ihn ausgesagt. Meine Mutter war couragiert, sie hat auch unsere Möbel, die die Gestapo verteilt hat, nach dem Krieg wieder zurückgeholt. Die war so, da hat es nichts gegeben; sie hat meinen Vater, so gut es ging, ersetzt.

Sie haben Ihren Vater kaum gekannt, wurden aber nach dem Krieg ständig mit ihm konfrontiert. Wie gingen Sie als junger Mann damit um?
FINCKH: Man gewöhnt sich dran, der Sohn des Widerstandskämpfers Eberhard Finckh zu sein. Viel Aufhebens habe ich eigentlich nie davon gemacht. Wobei ich aber auch sagen muss: Unsere Familie hat einen Makel, wir heißen nicht "von". Das Attentat auf Hitler wurde und wird auch heute immer noch in erster Linie mit adligen Offizieren in Zusammenhang gebracht; wir mit unserem bürgerlichen Namen wurden von Autoren, die zum 20. Juli 1944 recherchierten, so gut wie nie befragt. Der Fokus lag immer auf dem Adel, und wir, wir sind da immer schwäbisch-bescheiden im Hintergrund geblieben.

1965 wurde die Engstinger Bundeswehrkaserne in Eberhard-Finckh-Kaserne umbenannt, als Symbol für den Wehrmachtswiderstand gegen den Nationalsozialismus. Wie hat die Familie darauf reagiert?
FINCKH: Das Bundesverteidigungsministerium hat damals die Erlaubnis eingeholt, die Kaserne nach unserem Vater zu benennen. Wir waren einverstanden, meine Mutter hat zugestimmt. Es war ein Stückweit Anerkennung, deshalb konnte man das ja auch nicht ablehnen . . .

. . . was Sie und Ihre beiden Schwestern aber 1983 in gewisser Weise taten. Sie forderten den damaligen Verteidigungsminister Wörner auf, die Benennung der Kaserne zu revidieren. Was war Ihr Motiv?
FINCKH: Es geht doch nicht an, dass in einer Kaserne, die nach einem Widerstandskämpfer des 20. Juli 1944 benannt ist, Atomsprengköpfe gelagert werden (in Großengstingen veranstalteten Friedensgruppen 1982 die erste große Sitzblockade vor einem Atomwaffenlager. Weitere Demonstrationen und Aktionen fanden in den Jahren darauf vor der Kaserne statt, Peter Finckh nahm selber daran teil - Anm. d. Red.). Vor dem Hintergrund der atomaren Nachrüstung haben wir, meine beiden Schwestern und ich, uns mit der Friedensbewegung solidarisiert und den Verteidigungsminister Wörner darum gebeten, die Bezeichnung Eberhard-Finckh-Kaserne zu löschen. Mein Vater war ja Batteriechef eines Artillerieregiments . . .

. . . Wörner hat Ihnen diesen Wunsch aber versagt . . .
FINCKH: . . . der konnte doch nicht anders. Er argumentierte damit, dass mein Vater eine Person des öffentlichen Interesses sei.

Sie haben sich bestimmt des Öfteren gefragt, was passiert wäre, wenn der Anschlag auf Hitler erfolgreich gewesen wäre . . .
FINCKH: . . . ich glaube, das wäre schlimm geworden. Einen Sonderfrieden im Westen hätten die Alliierten nicht mitgemacht, vor allem die Briten nicht. Sie wollten, dass Deutschland vernichtet wird. Und die Deutschen selber? Das Volk hat von den Männern des 20. Juli 1944 lange als Verräter gesprochen.

Was sagt uns, die wir heute leben, der 20. Juli 1944?
FINCKH: Dass wir das Totalitäre nicht hochkommen lassen dürfen. Wir müssen wachsam sein, wenn alte Dämonen sich wieder einschleichen wollen.

Was würden Sie Ihrem Vater heute gerne sagen, säße er vor Ihnen?
FINCKH: Dass es klasse gewesen ist, was er gemacht hat. Ich finde das toll.

Infos rund um die Familie Eberhard Finckhs

Die Eltern Eberhard Finckh (1899-1944) und Annemarie von Weyrauch (1908-1979) haben im Sommer 1936 geheiratet. Eberhard Finckh, der in Kupferzell geboren wurde, war zu der Zeit Batteriechef im Artillerie-Regiment 41 auf dem Unteren Kuhberg in Ulm; nach Ulm war er Mitte der 20er Jahre gekommen, die Familie lebte später in der Römerstraße.

Der Sohn Peter Finckh kam Ende August 1937 in Stuttgart zur Welt, er wuchs in Ulm und Lenggries auf und ging in Stuttgart auf die Waldorf-Schule. Nach dem Abitur absolvierte er eine kaufmännische Lehre und studierte bis 1966 in Berlin Betriebs- und Volkswirtschaftslehre. Danach arbeitete er in der Marketing-Abteilung der Wieland-Werke, leitete ein Verkaufsbüro des Unternehmens, machte sich Ende der 70er Jahre selbstständig und hatte Anfang der 80er Jahre ein Geschäft für Küchenaccessoires. Er lebt seit 1973 in einem der Max Bill-Häuser am Hochsträß.

Die Töchter Peter Finckh (77) hat zwei Schwestern, die zwei Jahre jüngere Christine und die fünf Jahre jüngere Barbara.

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Kommentare

31.08.2014 17:58 Uhr

Peter Finckh

Herzlichen Glückwunsch zum 77. Geburtstag am 26. August 2014!

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