So schmückt Europa

Basteln in der Adventszeit ist ein deutsches Phänomen? Falsch. In der Vorweihnachtszeit hämmern und kleben und werkeln alle Kinder, und das europaweit. Ein Beleg dafür ist der europäische Weihnachtsbaum, der im Europabüro der Stadt Ulm steht.

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Schwäbische Springerle: Die Plätzchen mit Bild sind der Beitrag des Ulmer Europabüros an der Tauschaktion. Büroleiterin Hemminger ist mit ihrer Backkunst „sehr zufrieden“.  Foto: 

Der Baum ist eine Fichte aus dem Ulmer Stadtwald. Er ist, mit Verlaub, ein zerzauster Besen. Hübsch ist er erst geworden, weil Kinder aus über 20 europäischen Ländern liebevoll gestalteten Schmuck für ihn geliefert haben, Christbaumschmuck, wie er in ihren Heimatländern üblich ist: Glasperlensterne aus Tschechien, Tannenzapfen aus Schottland, Socken aus Rumänien.

Dorothea Hemminger, Europakoordinatorin der Stadt, und Mitarbeiterin Katharina Lauhöfer können sich daran schier nicht sattsehen, an den Granatäpfeln aus Griechenland, die neben dänischen Herzen hängen und schottischen Papierschafen. "Die sind doch witzig, oder?", fragt Hemminger.

Zu diesem Weihnachtsschmuck ist das Europabüro gekommen, weil es sich an der europäischen Christbaumschmuck-Tauschaktion beteiligt hat. Das heißt: Erstmal geben, dann bekommt man etwas zugeschickt.

Das Europabüro in Wales koordiniert die Aktion, die so vor sich geht: Jeder, der mitmacht, muss 30 Päckchen mit Schmuck befüllen, Rezepte des Weihnachtsessens dazulegen und von eigenen Weihnachtsbräuchen berichten. Schüler von über 300 Grundschulen aus mehr als 20 Ländern machen mit.

Hemminger und Lauhöfer haben zum ersten Mal bei der Tauschaktion mitgemacht und dafür, auch zum ersten Mal, Springerle gebacken. Die Anisplätzchen mit Bild sind die Kür im Pflichtprogramm schwäbischer Weihnachtsbäckerei. Wie sind sie gelungen? Hemminger: "Wir waren sehr zufrieden." Jeweils drei haben sie in jedes Paket gesteckt und Erklärungen dazu, etwa jene, dass man das Plätzchen an den Baum hängen und auch essen kann. Ihr habe die Tauschaktion Spaß gemacht, die ihrer Meinung nach etwas "für Kinder und für große Kinder" sei.

Deshalb haben sie und Lauhöfer bereits in vergangenen Jahren für hiesige Grundschulen die Aktion organisiert, also in deren Auftrag Pakete verschickt. In diesem Jahr haben dafür Schüler der Grundschule Michelsberg Schleifensterne gebastelt, jene der Grundschule Eichenplatz Kugeln aus dünnen Papierstreifen. Post der Tauschpartner ist auch für die Schüler vom Michelsberg längst angekommen. Sie haben die Briefe während einer Schulversammlung geöffnet. Das sei "wie Weihnachten schon vorher" gewesen, sagt Hemminger. Lauhöfer sieht den Sinn der Aktion so: "Das zeigt den Kindern, was Weihnachten heißt, was Europa heißt."

Gelernt haben Hemminger und Lauhöfer selbst bei der Aktion eine Menge über weihnachtliche Bräuche. Etwa, dass in Spanien die Heiligen drei Könige die Geschenke bringen, erst am 6. Januar, aber dass die drei Weisen bereits am 5. Januar bei einem Straßenumzug Bonbons werfen. Oder dass in Griechenland ein Deko-Schiff oft den Weihnachtsbaum ersetzt.

Eines ist in den meisten europäischen Ländern gleich: Das Weihnachtsessen ist üppig. In Dänemark wird Schweinebraten mit Kruste aufgetischt, in Rumänien sind es Kohlrouladen. In Frankreich wird als Dessert nach dem mehrgängigen Menü ein Schokoladenkuchen serviert. Die Rezepte dazu hängen im Europabüro. Dagegen nimmt sich der Kartoffelsalat, der hierzulande vielen an Heiligabend auf den Tisch kommt, fast schon mager aus.

Info Der europäische Weihnachtsbaum, der im Europabüro, Weinhof 19, ausgestellt ist, kann besichtigt werden, täglich von 9 bis 12.30 Uhr und von 14 bis 17 Uhr.

Strohsterne als klassischer Baumschmuck

Große Strohsterne mit Ähren, kleine, die aussehen wie Eiskristalle, oder dreidimensionale, die aus mehreren Sternschichten bestehen. Die Wahl fällt einem schwer bei der Vielfalt, die bei "Krug", Breite Gasse 8, direkt am Kornhaus, in den Schaufenstern und an der Eingangstür hängt. "Strohsterne sind ein klassischer Weihnachtsschmuck, deshalb fragen die Kunden jedes Jahr danach", sagt Ladeninhaberin Eva Palmer. Früher habe es im Remstal noch eine alte Frau gegeben, die die Strohsterne selbst gebastelt und an Krug in Ulm geliefert hat. Inzwischen sitzt im Remstal nur ein Importeur, der die Ware aus osteuropäischen Ländern holt. Erstens gibt es dort noch langhalmiges Stroh, während es hierzulande vom Mähdrescher gleich gehäckselt wird. Zweitens sind in Osteuropa die Löhne niedriger. Im Laden liegt der Preis dann zwischen einem und zwölf Euro. Die Kunden hängen sich die Strohsterne meist schon in der Adventszeit ans Fenster. "Aber der Naturstoff Stroh sieht auch sehr schön aus am grünen Weihnachtsbaum", sagt Eva Palmer. Dazu passen echte Wachskerzen und als Anhänger bunt bemalte Figuren und winziges Holzspielzeug aus dem Erzgebirge. Eva Palmer hat als Kind mit ihren Eltern keine Strohsterne gebastelt: "Wir mussten Hausaufgaben machen und im Laden helfen." Denn "Krug" existiert bereits seit 5. Dezember 1954.

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