So deutsch wie nie zuvor

Geboren wurde Wladislava Kolosowa in St.Petersburg, ihre Jugend verbrachte sie in Ulm. Als junge Frau hat sie sich einen Sommer auf Spurensuche in die alte Heimat gemacht - und darüber ein Buch geschrieben.

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Wladislawa Kolosowa hat das Land ihrer Eltern erforscht und festgestellt, dass Russen ohne Grund nur selten lachen. Foto: Volkmar Könneke

Ihr Vater hat sie für verrückt erklärt, der Großteil ihrer in Russland lebenden Verwandtschaft auch. Sogar von Bestechungsversuchen war die Rede. Warum das alles? Wladislawa (kurz Wlada) Kolosowa hatte verkündet, einen Sommer lang durch Russland zu reisen. Alleine. Mit Rucksack.

Ihre Erlebnisse wollte die heute 25-Jährige, die in Berlin als Journalistin arbeitet, zunächst nur als Kolumne bei Spiegel Online veröffentlichen. Dann festigte sich der Plan, sie auch in einem Buch zusammen zu tragen."Es war mir langsam peinlich, dass ich gar nichtsüber das Land wusste", sagt sie."Ich bin ja auch ziemlich unrussisch. Ich hatte die ganzen deutschen Klischees von russischer Seele und so im Kopf."

Als sie zwölf war, ist sie ihrer Mutter und dem Stiefvater nach Ulm gefolgt - und hat sich hier so gut eingelebt, dass vieles Russische verloren gegangen oder auf dem Stand eines Mädchens geblieben ist. Immerhin, die Sprache und die kyrillische Schrift beherrscht sie, was die Reise erleichterte. Zumindest in Teilen. Denn von jemandem, der praktisch akzentfrei Russisch spricht, erwartet man natürlich auch russisches Benehmen."Aber ich kannte die Spielregeln nicht", sagt Kolosowa."Zum Beispiel im Supermarkt: Ich lächele die Verkäuferin an, sie wird immer unfreundlicher, weil sie denkt, ich verarsche sie." Denn ohne Grund zieht ein Russe die Mundwinkel selten nach oben. Was nicht heiße, Russen seien unfreundlich, betont sie. Es geht ihnen eher wie den Deutschen, die einen überschwänglichen Amerikaner für oberflächlich halten.

Weitere Reibungspunkte:"Ich bin es gewohnt, dass Dinge funktionieren und nach Plan verlaufen." Wobei es auf ihrer Reise durchaus Situationen gab, während der jeder Plan fehlte, etwa an Bushaltestellen."Dann habe ich mich so deutsch gefühlt wie nie zuvor", fasst Kolosowa zusammen.

Dass sie in einem Stück zurückkehrte, habe ihr Vater übrigens mit einem lakonischen"ah du lebst" kommentiert. In gefährliche Situationen sei sie während der gesamten Reise, die sie vom Norden in den Südosten bis an den Baikalsee führte, nicht geraten, erzählt sie weiter. Was auch daran gelegen hat, dass sie stets lokale Begleitung hatte. Entweder hatte sie bei Freunden von Freunden übernachtet oder war alsCoach-Surferin unterwegs - Menschen, die gerne Gäste haben, laden andere ein, auf ihrer Coach zu übernachten. In Russland wird übrigens gerne auch das eigene Bett für den Gast geräumt und die Couch selbst genommen."Ich will jetzt nicht sagen, dass Deutsche nicht gastfreundlich sind, aber in Russland ist das nochmal eine Stufe höher", sagt Kolosowa."Man ist sofort Teil der Familie, wird bekocht und betreut."

Welchen Stellenwert kochen, respektive bekochen, in Russland hat, zeigt eine Anekdote: Zurück beim Vater in St.Petersburg gab es ein zünftiges Willkommensmahl, dabei war auch Kolosowas deutscher Freund. Irgendwann um Mitternacht und in leicht alkoholisiertem Zustand habe ihr Vater sie dann genötigt, original russische Quarkkeulchen zu kochen."Dabei kann ich gar nicht kochen", sagt Kolosowa. Zähneknirschend habe sie sich des lieben Friedens wegen mit ihrer Stiefmutter an den Herd gestellt.

Ihr Vorsatz, in Deutschland russisch zu kochen, sei allerdings ebenso versandet, wie der, alle russischen Klassiker nochmal zu lesen, räumt Kolosowa ein."Aber ich interessiere mich jetzt viel mehr für Russland." Ihre Identität beschreibt sie so:"Ich bin 50 Prozent deutsch und 50 Prozent russisch."

Info Wladislawa Kolosowa liest morgen, Freitag, ab 19.30 Uhr im Café Kornhauskeller aus ihrem Buch"Russland to Go".

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