Siegel-Ausstellung: "Goldene Bulle" für die Ulmer

Eine Urkunde, die Kaiser Sigismund am 10. August 1433 in Rom den Ulmern ausgestellt hat, ist Prunkstück der momentanen Siegel-Ausstellung im Hauptstaatsarchiv Stuttgart: An ihr hängt eine Goldbulle.

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Die ganze kaiserliche Autorität spricht aus dieser Goldbulle, welche die Bedeutung der Urkunde, an der sie hängt, unterstreicht.  Foto: 

Mit dem Begriff "Goldene Bulle" verknüpft man gemeinhin das "Grundgesetz" des Heiligen Römischen Reiches, das Kaiser Karl IV. im Jahr 1356 verabschiedet hat. Tatsächlich ist eine goldene Bulle ein Siegel (lateinisch: bulla) aus Gold, das die Bedeutung besonders wichtiger Urkunden von Kaisern und Königen hervorhebt.

Ein solches Goldsiegel hat Kaiser Sigismund an eine der zahlreichen Urkunden gehängt, die er am 10. August 1433 in Rom ausgestellt hat - mit dem ausdrücklichen Vermerk: "Mit Urkund diß Briefß versigelt mit unser keiserlichen Maiestat Gulden Bullen". Adressaten: Bürgermeister, Rat und Bürger der Stadt Ulm.

Was ist so bedeutsam an diesem "Brief", wie Sigismund die Urkunde nennt? Die Präambel verrät, dass ihm ein Antrag von Ulms Bürgermeister, Rat und Bürgerschaft zugrundeliegt. Es geht in dieser Urkunde um die gerichtliche Unabhängigkeit der Stadt und um die Einrichtung des Einungsamtes, das bis Ende der Reichsstadtzeit Streitigkeiten schlichtete, Anzeigen entgegennahm und Verhöre anstellte.

Bereits im Jahr 1359 hatte Sigismunds Vater, Kaiser Karl IV., Ulm von der Gerichtsbarkeit der Land- und Hofgerichte befreit. Das heißt, Angelegenheiten, die Ulm betrafen, wurden in Ulm verhandelt. Das scheint aber im Lauf der Zeit nicht mehr funktioniert zu haben, wie dem nicht ganz leicht zu verstehenden Urkundentext zu entnehmen ist. Die Ulmer mussten sich wohl vorwerfen lassen, dass sie über ihre eigenen Angelegenheiten richteten.

Um dies künftig zu verhindern, baten sie um eine Änderung, die ihnen der Kaiser aus Dank für ihre Loyalität gnädig gewährte: Künftig sollten, wenn in Ulm ein Prozess in eigener Angelegenheit zu führen war, dazu drei, fünf, sieben oder neun Ratsmitglieder aus den umliegenden Reichsstädten nach Ulm gesandt werden, mit denen das Gericht unter Vorsitz des obersten Ulmer Richters, des Ammanns, im Ulmer Rathaus öffentlich tagte.

Ein weiterer wichtiger Punkt war, dass Ulms Befreiung vor auswärtiger Gerichtsbarkeit auf alle Gerichte ausgedehnt wurde: "Und sie (die Ulmer) sollen auch darüber niendert (nirgends) anderswo weder vor unser und des Reichs Hofgerichte, andere Hofgerichte, Landgerichte und Gerichte fürgetriben, geladen noch bekümmert werden in keiner Weise." Geschehe dies dennoch, sei es rechtsungültig.

Als nächstes verfügt die Urkunde, dass zwei oder drei Mitglieder des Ulmer Rats ausgewählt werden sollen, die im Auftrag und in Vertretung des Rates in "jeden Sachen", also bei allen Streitigkeiten, eine Einigung erzielen sollen. Das war die Geburt des städtischen Einungsamtes, in dem bis Ende der Reichsstadtzeit zwei Ratsmitglieder als "Einunger" den inneren Frieden der Stadt zu wahren suchten.

Die Urkunde endet mit der Warnung: "Und wir gebieten darum allen und jeglichen Fürsten, Geistlichen und weltlichen Grafen, freien Herren, Rittern, Knechten, Städten und Gemeinden und sonst allen andern unsern und des Heiligen Reichs Untertanen und Getreuen ernstlich und festiglich mit diesem Brief, dass sie die obgenannten von Ulme an solchen unsern Gnaden nicht hindern noch irren noch ihnen dreinsprechen", wenn sie nicht in kaiserliche Ungnade fallen wollen. Bei Zuwiderhandlung droht der Kaiser eine Strafe von 100 Mark in Gold an, die zur einen Hälfte in die Kasse des Kaisers und des Reiches und zur andern Hälfte in die Ulmer Stadtkasse fließen solle.

Welche Vorteile diese Neuerungen der Stadt Ulm ganz konkret beschert haben, ist heute nicht mehr so ohne Weiteres nachvollziehbar, zumal dieses Kapitel der Ulmer Rechtsgeschichte noch ziemlich wenig beleuchtet ist. Doch darf man die Goldbulle als Indiz dafür nehmen, dass die Angelegenheit als hoch bedeutsam eingestuft wurde - sei es vom Kaiser selber, sei es von den Ulmern, die sich dieses Sondersiegel möglicherweise etwas haben kosten lassen.

Im Zeitalter der Provenienzforschung muss freilich auch gefragt werden, wie diese Ulmer Urkunde ins Hauptstaatsarchiv Stuttgart geraten ist. Das geschah, als Ulm nach Verlust seines Reichsstadtstatus im Königreich Württemberg angelangt war. Dessen Archivare überführten bedeutente Urkunden des Ulmer Archivs in das königliche.

Info Siegel - Kleinodien des Mittelalters. Bis 31. Januar im Hauptstaatsarchiv Stuttgart. Mo 9.15-17 Uhr, Di u. Mi 8.30-17, Do 8.30-19, Fr. 8.30-16.

Wir, Sigmund, von Gottes Gnaden Römischer Kaiser . . .
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