Senioren machen sich bei Fahrsicherheitstraining verkehrsfit

Slalom, Vollbremsung und Ausweichmanöver: Bei einem Fahrsicherheitstraining lernen Ulmer Senioren, wie sie sich am Steuer verhalten sollten.

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  • Rosemarie und Diethelm Gerstenlauer nehmen in ihrem Golf am Fahrsicherheitstraining teil. Nach ein paar Runden durch den Slalom-Parcours ist Fahrerwechsel angesagt. Der Beifahrer hält immer das Funkgerät in der Hand, über das der Trainer Anweisungen gibt. 1/2
    Rosemarie und Diethelm Gerstenlauer nehmen in ihrem Golf am Fahrsicherheitstraining teil. Nach ein paar Runden durch den Slalom-Parcours ist Fahrerwechsel angesagt. Der Beifahrer hält immer das Funkgerät in der Hand, über das der Trainer Anweisungen gibt. Foto: 
  • Eine der Aufgaben ist eine Slalomfahrt zwischen Kegeln hindurch. 2/2
    Eine der Aufgaben ist eine Slalomfahrt zwischen Kegeln hindurch. Foto: 
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Das Auto rast durch eine Fontäne. Es fühlt sich schnell an, im Bauch kribbelt es. Und das, obwohl die Fahrerin gerade eine Vollbremsung gemacht hat. Die Ausgangsgeschwindigkeit: 70 Kilometer pro Stunde, auf einer festgefahrenen Schneedecke. „Draufbleiben, draufbleiben, draufbleiben“, tönt es aus einem Funkgerät, damit ist das Bremspedal gemeint. Aber ganz kommt der Golf nicht zum Stehen, er fährt dann um eine Kurve und reiht sich hinter anderen Autos ein. Die Fahrerin steigt aus. „Jetzt bin ich richtig in Rage gekommen“, sagt sie und lacht.

Am Steuer saß Rosemarie Gerstenlauer. Für die Gefahrenbremsung gab es keinen wirklichen Grund, außer einem Kegel auf der Fahrbahn. Auch die Schneedecke ist nicht echt, sondern wird durch Wasser auf einer weißen Fläche simuliert: Die 79-Jährige nimmt zusammen mit ihrem Mann Diethelm Gerstenlauer an einem Fahrsicherheitstraining teil, das der Seniorenrat Ulm auf dem Übungsplatz der Verkehrswacht Ehingen organisiert hat. „Für Senioren ist es sehr sinnvoll, ein Fahrsicherheitstraining zu machen“, sagt Helga Gerstmeier, Vorsitzende des Seniorenrats: „Wenn man 50 Jahre lang den Führerschein hat, wird man schon mal schlampig.“ Nach und nach sollen noch mehr Trainings folgen. Dadurch will der Rat erreichen, dass die Senioren möglichst lange selbst mobil bleiben.

Die Gruppe ist bunt gemischt: Die jüngste Teilnehmerin ist erst 45 Jahre alt, der älteste hat schon seinen 80. Geburtstag hinter sich. Einige der Damen lassen das Auto lieber in der Garage stehen, bei anderen gehört das Fahren zum Alltag. Diethelm Gerstenlauer und seine Frau fahren noch relativ viel Auto. „Im Laufe meines Lebens bin ich schätzungsweise 1,5 Millionen Kilometer gefahren“, sagt der 80-Jährige. Auch heute schätzt er sich noch als guten Fahrer ein – das will er sich mit dem Fahrsicherheitstraining beweisen. Seine Frau ist sich unsicherer: „Ich will sehen, wo ich stehe“, sagt sie.

Erstmal bleiben die Autos aber im wahrsten Sinne des Wortes stehen. Denn es muss geklärt werden: Wie gehören eigentlich die Hände ans Lenkrad? Dieter Keller von der Ehinger Verkehrswacht, der das Training leitet, macht es vor. „Viertel-nach-Neun-Stellung“, ruft er: „Und festhalten wie ein Schraubstock.“ Seine Teilnehmer machen es ihm nach, sie strecken die Hände in die Luft und umklammern ein imaginäres Lenkrad. Auch die Sitzposition im Auto will gelernt sein: Man muss genug Platz für die Knie haben, um richtig „aufs Bremspedal schlagen“ zu können, wie Trainer Keller es nennt.

Das Ehepaar Gerstenlauer steigt in seinen silbernen Golf Plus. „Ich muss sagen, der Beckengurt ist noch etwas lose bei mir“, stellt Rosemarie Gerstenlauer fest. Trainer Keller kommt zur Kontrolle vorbei – die Arme der Fahrerin sind ihm auch zu weit ausgestreckt. Er stellt ihren Sitz steiler und gibt das Startsignal. Die Aufgabe: Eine Slalom-Fahrt zwischen Hütchen hindurch.

Mit einem Ruck fährt der Golf an, Rosemarie Gerstenlauer gibt etwas zu viel Gas – schließlich sitzt sie jetzt ungewohnt weit vorn. Souverän steuert sie das Auto mit 25 Stundenkilometern zwischen den Hindernissen hindurch. „Das sieht sehr gut aus“, ruft Keller ihr über Funk zu. Nach drei Runden heißt es Fahrerwechsel, Diethelm Gerstenlauer ist an der Reihe. Er beschleunigt auf 35 Kilometer pro Stunde – erschrecktes Ausatmen auf dem Beifahrersitz. Bei der zweiten Runde liegt schon ein Kegel am Boden. Der geht auf das Konto einer Dame im Ford Fokus, stellt sich später heraus.

Es geht auf die rutschige, weiße Fläche. Wasserfontänen schießen aus dem Boden, sie stellen Hindernisse dar. Nach einer Vollbremsung sollen die Senioren zwischen den Fontänen hindurch steuern. Ein leises Raunen geht durch die Gruppe, als Keller die Geschwindigkeit vorgibt: 40 Stundenkilometer soll der Tacho anzeigen. Keller gibt noch einen Tipp: „Immer da hinschauen, wo man hinfahren möchte“ – in diesem Fall also auf die Lücken zwischen den Fontänen.

Spätestens jetzt merken die Teilnehmer, wie wertvoll ihr ABS, das Anti-Blockier-System, ist. Eine Frau fährt einen älteren Fiat, noch ohne ABS. Auf der glatten Fläche bricht ihr nach dem Bremsen das Heck aus. „Hier ist die Stotter-Bremsung angesagt“, erklärt Keller: „Bremsen und gleich wieder lösen.“ Diethelm Gerstenlauer steuert seinen Golf – mit ABS ausgestattet – souverän durch die Lücken.

Trainer Keller findet: Seine Teilnehmer schlagen sich gut. Einen Vorteil haben die Senioren auch: Sie profitieren von ihrem Erfahrungsschatz – dafür lassen die Reaktionen nach. „Zusammen mit Fahranfängern sind Senioren meistens die Hauptschuldigen bei Unfällen“, sagt Keller. Das bestätigen Zahlen des Statistischen Bundesamtes von 2014: Sofern über 64-Jährige als Autofahrer an einem Unfall mit Verletzten oder Toten beteiligt waren, trugen sie in zwei Dritteln der Fälle die Hauptschuld, bei den mindestens 75-Jährigen waren es sogar drei Viertel. Durch die demographische Entwicklung spielen ältere Menschen eine immer größere Rolle im Verkehr.

Nach viereinhalb Stunden im Auto kehren die Teilnehmer auf dem Übungsplatz zum Eingang zurück – „erholsam war der Nachmittag nicht“, sagt Rosemarie Gerstenlauer lachend. Gebracht hat das Training aber allen etwas, so das Fazit. Und Diethelm Gerstenlauer ist sich jetzt sicher: Er fährt immer noch so gut wie früher.

Fahrsicherheitstraining in Ehingen

Training Die Verkehrswacht Ehingen bietet auf ihrem Verkehrsübungsplatz in der Wolfsgurgel Richtung Münsingen Fahrsicherheitstrainings an. Das Training kostet 95 Euro, Fahranfänger-Kurse 70 Euro. Für die Senioren war das Training kostenlos, Sponsor war die Volksbank Ulm/Biberach.

Zuschuss Fahranfänger der Stadt Ulm erhalten von der Führerscheinstelle einen Zuschuss in Höhe von 30 Euro für das Training. Bisher nehmen das Angebot aber nur etwa zwei Prozent aller Fahranfänger in Anspruch. In Zukunft will die Führerscheinstelle auch Senioren ab 60 Jahren bezuschussen.

Angst Viele Senioren stehen dem Fahrsicherheitstraining skeptisch gegenüber. Sie hätten Angst, man könne „durchfallen“ und müsse den Führerschein abgeben, sagt Werner Schneider, Leiter der Führerscheinstelle Ulm. „Das ist aber nicht der Fall“, stellt er klar: „Alles passiert vertraulich.“

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