Sehr gut

Kann der Mensch gut sein? Fragt Brecht in "Der gute Mensch von Sezuan". Doch was ist das Gute? Taugt die Frage überhaupt noch? Fragt Antje Schupp am Theater Ulm. Nun, ihre Inszenierung ist sehr gut.

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Sehr irdisch: die Götter und der Wasserverkäufer in "Der gute Mensch von Sezuan". Von links: Renate Steinle, Gunther Nickles, Florian Stern und Christian Streit . Foto: Martin Kaufhold

"Wer kennt das Stück?", will der Schauspieler Raphael Westermeier vom Publikum zu Beginn der Aufführung von Brechts "Der gute Mensch von Sezuan" wissen. Im Großen Haus des Theaters Ulm heben viele die Hand. "Und wer findet es gut?" Deutlich weniger melden sich. Er hätte am Schluss erneut fragen sollen. Diese Aufführung zumindest fanden viele großartig.

Regisseurin Antje Schupp arbeitet sich an Bertolt Brechts Parabelstück in Werkstatt-Atmosphäre ab. Scheinwerfer-Reihen, offene Hinterbühne: klar, Theater! (Raum: Mona Hapke, von der ebenso die signalhaft eklektischen Kostüme, Marke Fundus hoch zwei, sind). Ein "G" und ein "T" stehen als Gerüste herum - für das Gute fehlt in der Welt aber mehr als ein Vokal.

Einen guten Menschen nämlich suchen drei Götter - hier: Buddha, Ghanesha und ein Bilderbuch-Christengott. Finden sie einen solchen, darf die Welt bleiben, wie sie ist. Die Götter kommen nach Sezuan. Wasserverkäufer Wang scheidet gleich mal aus. Die weichherzige Prostituierte Shen Te aber gewährt ihnen Unterkunft. Sie wird belohnt, kauft sich davon einen Tabakladen. Worauf sie von Nachbarn und Bekannten bedrängt wird: allesamt Schmarotzer, Lügner, Erpresser. Um sich zu wehren, gibt sich Shen Te als ihr hartherziger Vetter Shui Ta aus. Zwar verliebt sie sich in den Piloten Yang Sun, aber auch der ist nur auf ihr Geld aus. Schließlich baut sie als Shui Ta eine Tabakfabrik auf, aber da Shen Te verschwunden ist, landet er/sie vor dem - göttlichen - Gericht. Den Göttern ist das freilich alles zu viel, sie entschweben. Und lassen die Welt, wie sie ist.

Die Inszenierung spielt im Überall und Heute - es geht ebenso sehr um Konsum wie um Ausbeutung - und setzt erstmal auf viele beliebte Verfremdungseffekte aus Brechts epischem Theater: Einblendungen, Songs, Sprünge, deklamierendes Sprechen. Die Zwischenspiele - Wangs Träume - sind schräge Videofilmchen. Während der Pause bietet Christel Mayr "Das Lied von der Wehrlosigkeit der Götter und Guten" im Foyer dar.

Schupp geht aber darüber hinaus, verfremdet das Verfremdungstheater. Der berühmte Satz am Ende - "Der Vorhang zu und alle Fragen offen" - fehlt, denn man darf sich durchaus fragen, ob für Brecht selbst überhaupt Fragen offen waren. Was liegt nun an den kapitalistischen "Verhältnissen", was am Menschen selbst? Die Schauspieler fragen ins Publikum: Wer hält sich für einen guten Menschen? Was ist das "Gute" überhaupt? Kann nicht auch ein schlechter Mensch ein gutes Leben führen? Ach, selbst die Götter sind hier korrumpiert und machen Zigaretten-Werbung. Vielleicht ist die Frage nach dem Guten selbst unbrauchbar geworden.

Schupp kommt drohender Brecht-Routine also mit Brechtscher Dialektik bei. Man könnte sagen: Sie treibt Brecht mit Brecht aus - oder sie hat einfach Spaß mit ihm. Sie steigert das Rollenwechseln ins ulkige Extrem, nimmt sich textliche Freiheiten und lässt die Schauspieler damit kokettieren. Wie Alfredo Miglionoco (Klavier) und Benedikt Brachtel (E-Gitarre) die rechtlich ans Stück gebundene Musik Paul Dessaus interpretieren, das wird auch thematisiert. Freilich ergeht die Bitte an den Kritiker, er möge nicht schreiben, dass . . .

Dergestalt ist dieses Stück eben keine "romantische Legende aus einer marxistischen Fibel für Erstklässler" (Georg Hensel), sondern vitales, geistreiches Theater. Mit dem moralischen Zeigefinger darf man sich derweil im Ohr pulen, ob man seinen Brecht immer richtig versteht. Eine stringente, erfreulich kurzweilige Inszenierung.

Das ist sie auch dank des Ensembles, das auf einem bemerkenswert hohen Energielevel durchspielt. Aglaja Stadelmann steht kraftvoll im Mittelpunkt der Inszenierung, die Zerrissenheit von Shen Te/Shui Ta nimmt man ihr jederzeit ab. Sie sorgt bei aller Groteske und trotz aller Brüche dafür, dass man erkennt: Das Geschehen hat sehr wohl etwas mit der Conditio humana zu tun.

Raphael Westermeier wechselt in seinen Rollen (vor allem Yang Sun) virtuos die Ebenen zwischen Spiel, Spiel im Spiel und angeblich keinem Spiel. Wie er "Das Lied vom Sankt Nimmerleinstag" geifernd, randalierend singt: großartig. Szenenapplaus, nicht der einzige.

Alle Akteure geben in multiplen Rollen Gas, dabei sind etliche hübsche Miniaturen zu sehen. Etwa der elanvolle Christian Streit als zuweilen rappender Wasserverkäufer (amüsant: seine Handverletzung sieht aus wie die typische Hiphop-Handhaltung), Christel Mayr als kratzbürstige Nachbarin oder Gunther Nickles als Hahnrei-Bonze. Dazu das abgewirtschaftete Göttertrio (Nickles, Renate Steinle, Florian Stern): "Deus" darf am Ende Schabernack mit "machina" erleben.

Das Schauspiel am Theater Ulm hat in dieser Spielzeit einen Lauf.

Info Nächste Vorstellungen: heute, Samstag, dann am 23. und 27. April sowie am 2., 7., 10., 13. und 16. Mai. Karten: 0731/161 44 44.

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