Schwörmontag - unterwegs mit Polizei und ASB

Mit Freunden Party machen, Spaß haben. Das ist die Schwörmontagsperspektive der Feiernden. Wir haben ASB und Polizei begleitet, um den Schwörmontag aus der Sicht derjenigen zu zeigen, die Ordnung und medizinische Versorgung garantieren.

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Der ASB hatte am Schwörmontag alle Hände voll zu tun, 22 Menschen mussten sogar ins Krankenhaus gebracht werden.  Foto: 
Andreas Durner hat keine Zeit. Abwechselnd hört er den Funk ab und gibt Anweisungen. "Wir können gerne später sprechen, jetzt geht es gerade nicht. Sorry", sagt er und hebt entschuldigend seine Arme. Und dann ist er auch schon wieder weg.

Entschuldigen hätte er sich wahrlich nicht müssen, denn Durner ist vom Arbeiter-Samariter-Bund (ASB) und Einsatzleiter der Rettungskräfte an diesem Montag. Schwörmontag. Und die haben um 19 Uhr deutlich mehr zu tun, als ihnen lieb ist. Wäre das zehn mal fünf Meter große Zelt ein Hotel, müssten Durner und sein Team jetzt "ausgebucht" vermelden. "Das ist wirklich extrem verstärkt im Vergleich zum vergangenen Jahr", erklärt er eine Stunde später. "Übermäßiger Alkoholkonsum ist ein großes Problem und wir haben sehr viel mit Schnittverletzungen zu tun in diesem Jahr."

Dass Durner und die 50 ehrenamtlichen Rettungsdienstler über die Maße in Stress geraten, hat auch mit dem Wetter zu tun, genauer gesagt, mit dem Ostwind. Der hatte nämlich dafür gesorgt, dass es das gefühlt langsamste Nabaden aller Zeiten gab. Der Wind hatte die Boote die Donau eher hinaufgetrieben, denn hinunterbaden lassen. Dadurch mussten auch die 25 Kollegen länger in der Nähe des Flusses bleiben. Statt um 18, trafen sie so erst nach 19 Uhr auf dem Versorgungsplatz zwischen Stadthaus und Polizeidirektion ein.

Insgesamt zehn Liegen sind in dem Zelt untergebracht, darunter zwei sogenannte Intensivbetten. Hier können bis hin zum Anschluss an alle erdenklichen medizinischen Geräte alle Versorgungen der Patienten vorgenommen werden. Komasäufer - Menschen also, die sich bis in die Besinnungslosigkeit getrunken haben - werden hier versorgt. Auch diese Betten sind an diesem Tag dauerfrequentiert. "Es sind viele sehr junge Menschen", konstatiert Durner. Im Hintergrund wird ein junges Mädchen auf einer Trage zu einem Krankenwagen gebracht. Sie muss im Krankenhaus weiterbehandelt werden. Das in diesem Sommer unvermeidliche "Tage wie diese" von den Toten Hosen schallt über den nahen Münsterplatz.

Feiern, trinken, pöbeln, schlagen

Wolfgang Weber, Einsatzleiter bei der Polizei, und Reiner Durst, Pressesprecher, wollen von der Polizeidirektion aus um kurz nach 21 Uhr eine kurze Runde durch die Stadt drehen. Weit kommen sie nicht. Keine hundert Meter in die Hirschstraße hinein, in der Nähe vom Theatro, stehen drei Mädchen, sie halten sich die Hände vor ihre Gesichter. Verschmiertes Make-up ist zu sehen, sie weinen. Auf Nachfrage der beiden Polizisten geben die Jugendlichen an, sie wären auf Nase und Lippe geschlagen worden. Sie zeigen in die Menschenmenge, man sieht ein Mädchen fortrennen. Es stellt sich heraus, dass sie die vermeintliche Täterin kennen. Weber und Durst bringen die drei zum Versorgungsplatz und anschließend zur Aufnahme des Falls ins Revier.

"Der Fall wird von uns dann an die Staatsanwaltschaft weitergegeben", erklärt Weber das weitere Prozedere. Ein besonderer Vorfall ist das am Schwörmontag indes natürlich nicht. Rangeleien, Raufereien, Reibereien sind an der Tagesordnung. "Wir haben bisher drei Fälle von Körperverletzung", sagt der Polizeihauptkommissar. Zwischenstand 21:30 Uhr. Bis zum frühen Morgen werden es 16 Fälle sein. Insgesamt, sagt Reiner Durst, habe die Polizei über die Jahre eine große Routine im Umgang mit den Menschenmassen am Schwörmontag entwickelt. Die regelmäßigen Absprachen zwischen Polizei, ASB, Feuerwehr sowie dem zuständigen Sicherheitsdienst im Vorfeld, aber auch am Schwörmontag selbst seien sehr wichtig. Natürlich aber sei an einem solchen Tag immer besondere Aufmerksamkeit geboten, ergänzt Weber. Und die spiegelt sich auch im Hinzuziehen von Kollegen der Bereitschaftspolizei wider. "Anders ist das gar nicht mehr zu machen", erklärt er.  

Wie auch dem ASB macht der Polizei der übermäßige Alkoholkonsum der Feiernden zu schaffen. "Mit dem Alkohol sinkt die Hemmschwelle, gewalttätig zu werden und auch verbal ausfällig zu werden. Auch gegen Polizisten. Das hat in den vergangenen Jahren durchaus zugenommen", erklärt Pressesprecher Durst. "Gerade in Gruppen profilieren sich Viele." Die Probe aufs Exempel gibt es beim zweiten Versuch, um kurz vor 22 Uhr einen Rundgang zu starten. Immer wieder fallen Bemerkungen in Richtung der beiden Beamten. "Man legt sich ein dickes Fell zu. Das prallt an einem ab", sagt Weber.    

ABM - Alkoholbeschaffungsmaßnahme

Kurz vor 18 Uhr, ein Supermarkt in der Nähe des Münsters. Zwei angetrunkene junge Männer haben einen Einkaufswagen voll mit Bier geladen. Nun versuchen sie den Wagen die Treppe hochzutragen. Zehn Meter entfernt, das Spirituosenregal. In der Mitte ein klaffendes Loch im Sortiment. Weißwein, Wodka und Sekt stehen anscheinend hoch im Kurs. An der Kasse eine Schlange, die bis weit in den Laden reicht. "Ausweis, bitte", sagt die Kassiererin. Ein kurzer Blick. "Danke". Dennoch kann man sich des Eindrucks schwer erwehren: Junges Publikum, sehr junges Publikum. 

25 Meter entfernt, vis-à-vis vom Supermarkt, lehnen die ersten Jugendlichen an der Münstermauer, Kopf im Schoß. Nicht alle werden heute in Kontakt mit dem ASB kommen. Viele von ihnen sind davon aber auch nicht sonderlich weit entfernt. "Narcotic" von Liquido ist zum ersten Mal an diesem Abend zu hören.

Gute vier Stunden später, nach 22 Uhr, zurück am Versorgungsplatz des ASB. Von der nahen Bühne am Münsterplatz dröhnen Bässe in Wellen herüber. Mit einem Ohr stets am Funk, ein Brötchen mit Grillfleisch in der Hand, Pressegespräch - das ist an diesem Schwörmontag für Andreas Durner eine Art Erholungsphase. Doch lange dauert die nicht. Ein Mädchen steuert direkt auf ihn zu. Sie suche ihre Freundinnen. Sie vermutet sie im Zelt. Nein, sie ist sich sicher. Sie möchte nachgucken. Durner benötigt mehrere Anläufe, ihr begreiflich zu machen, dass sie jetzt nicht einfach da hinein spazieren könne. "Ja, man ist auch Psychologe", sagt er. Dabei gibt es sogar zwei Notfallseelsorger. Doch heute ist jeder irgendwie alles.

Der letzte Zug des Tages

Die Schaffnerin drückt und schiebt nach Leibeskräften, um die Tür der Regionalbahn 57793 zu schließen. Drinnen, gequetscht wie die Ölsardinen, abgekämpfte, müde Menschen. Ziel: nur nach Hause. 0:10 Uhr am Hauptbahnhof. Der letzte Zug der Nacht geht nach Memmingen. Drinnen in der Bahnhofshalle stehen ein Dutzend Menschen am Automaten, auch sie wollen noch mit. Die Bundespolizei führt einen jungen Mann durch die Halle ab. Draußen vor der Bahnhofshalle lehnt ein Mann an der Mauer, kippt wie ein Metronom von links nach rechts. Die Umstehenden haben Bier und Wein gegen Burger und Kebab getauscht.

Der Weg zur letzten Stippvisite des Abends bei Andreas Durner führt durch die Bahnhofs- und die Hirschstraße. Im Rinnstein, der in den vergangenen Wochen Unmengen Wasser infolge der Unwetter abzutransportieren hatte, weist nun ein Fluss aus Scherben zum Münster hinauf. "83 Verletzte, 22 mussten wir ins Krankenhaus bringen", resümiert Durner. Viel mehr kann er nicht sagen, so langsam fällt die Anspannung ab, Müdigkeit setzt ein. Verständlich. Aus der Entfernung ist "Thank you for the music" von ABBA zu hören. Es ist kurz nach eins. 
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