Lärmschutzwand: Schutz der Vögel geht vor

Gläserne Lärmschutzwand im Wiley wird nachgebessert. Private Bauherren treffen sich heute mit Michael Angerer von der Naturschutzbehörde.

|
Die rotweißen Flatterbänder sollen baldmöglichst durch linierte Folien oder Werbung ersetzt werden, damit kein Vogel mehr gegen die gläserne Lärmschutzwand im Wiley fliegt.  Foto: 

Warum hängen an der gläsernen 150 Meter langen Lärmschutzwand im Wiley entlang der Memminger Straße plötzlich rotweiße Flatterbänder? Das fragt sich derzeit so mancher Autofahrer oder Wileybesucher. Die Bänder sind angebracht worden, damit keine Vögel mehr gegen die Glaselemente fliegen. „Das bringt aber nichts, die Vögel steuern an den Flatterbändern vorbei, da muss so schnell wie möglich nachgebessert werden“, sagt Michael Angerer, Fachbereichsleiter für Naturschutz und Landschaftsplanung am Neu-Ulmer Landratsamt.

Deshalb wird er sich heute Nachmittag mit den Bauherren treffen. Denn die Lärmschutzwand wurde nicht allein von der Stadt hingestellt, sondern – mit Bebauungsplan – vor allem von Firmen, die entlang der Memminger Straße zum Großteil Bürogebäude belegen. Diese Privatinitiative sei auch der Grund, weshalb bei der ganzen Aktion nicht automatisch der Naturschutz mit eingebunden war.

Angerer gibt zu bedenken: „Die Vögel fliegen von der Kastanienallee ins Wiley, da besteht ein Tötungsrisiko.“ Allerdings ist die artenschutzrechtliche Beurteilung nicht ganz einfach (siehe Infokasten). Jedoch sei klar, dass im vorliegenden Fall nicht mutwillig oder fahrlässig Vögel verletzt oder getötet werden. Ansonsten hätte die Behörde schon längst verlangt, dass die Lärmschutzwand entfernt wird.  Dieser Schallschutz aus Glaselementen und Stahlstützen besteht zwar nicht aus einer durchgängigen Wand, sondern füllt nur die Lücken zwischen den Gebäuden.

Jedoch ist Angerer überzeugt: „Wir müssen kurzfristig eine wirkungsvolle Maßnahme ergreifen.“ Und er ist sich sicher, dass die Bauherren mitmachen. Am liebsten wäre dem Naturschutzexperten, dass man auf die Glaswände durchsichtige Folien mit einer feinen Linienstruktur aufzieht. Diese erkennen die Vögel als Barriere. Im Gespräch sei wohl auch eine Werbe-Plakatierung seitens der Anlieger-Firmen, weiß er.

Alle zwei Meter schwarze Raubvogel-Silhouetten aufzukleben, wie es bei großflächigen Fensterscheiben üblich ist, wäre zu aufwendig. Allerdings befürchtet Angerer, dass die angedachte Lösung mit der linierten Folie etwas Zeit braucht: Die Folie muss für die enorme Fläche von 150 Metern Länge und fünf Metern Höhe erst einmal bestellt werden und dann ist noch fraglich, ob man die Folie bei den derzeit geringen Temperaturen überhaupt aufziehen kann. „Wahrscheinlich müssen wir für die Übergangszeit noch ein paar Flatterbänder mehr anbringen.“ Wenngleich im Herbst und Winter nicht so viele Vögel unterwegs sind wie im Sommer.

Als Hindernis erkannt

Zu den Vorschlägen meint Diplombiologe Ralf Schreiber, Pressesprecher der Kreisgruppe Neu-Ulm des Landesbundes für Vogelschutz: „Wäre die Naturschutzbehörde rechtzeitig einbezogen worden, hätte das Glas ohne Markierungen erst gar nicht montiert werden dürfen.“ Sinnvoller wäre es gewesen, die Folie vor dem Aufstellen der Schutzwand aufzuziehen oder gleich Glas zu verwenden, in das die feine Linienstruktur eingeätzt wurde. „Das geht nicht mehr ab, kostet aber mehr.“  Schreiber hat vor Ort bereits tote Vögel, abgebrochene Federn und Anprall-Flecken auf den Scheiben gefunden. Als Mitglied im Bürgerverein Wiley kann er bestätigen, dass der Verein ebenfalls für die Nachbesserung der Schutzwand ist.

Und Schreiber vermutet, dass bewusst vorab keine Folie angebracht wurde. Die Anlieger-Firmen hätten über Werbung nachgedacht, wie sie großflächig auf Busse aufgeklebt wird. Von außen zieht sich die Werbung sogar über die Fensterscheiben, jedoch können die Fahrgäste ungehindert hinausschauen. Wenn diese Werbefolie groß genug aufgerastert ist, werde sie von Vögeln beiderseitig als Hindernis erkannt.

Monitoring Ob an einem umstrittenen Hindernis wie der Lärmschutzwand ein „signifikant erhöhtes Tötungsrisiko“ für Vögel besteht und damit ein Verstoß gegen das Artenschutzgesetz, muss erst über ein Monitoring ermittelt werden. Diese Beobachtung kann ein Jahr dauern und würde etliche Vogelleben kosten.

Normalität Demgegenüber steht das „normale, hinnehmbare Tötungsrisiko“, etwa an einer neu gebauten Autobahn, wo die Vögel dann auf ihrer gewohnten Route gegen Autos und Lastwagen fliegen, erklärt Michael Angerer, Naturschutzexperte beim Landratsamt.

Abonnieren Sie das kostenlose Morning-Briefing aus der Chefredaktion
Damit starten Sie top informiert in den Tag. Außerdem im Newsletter: Die Wettervorhersage und die aktuelle Verkehrslage in der Region.
» zur Registrierung
Kommentieren

Kommentare

14.11.2017 09:06 Uhr

War ja klar:

„Wäre die Naturschutzbehörde rechtzeitig einbezogen worden, hätte das Glas ohne Markierungen erst gar nicht montiert werden dürfen.“

Irgendwas um irgendwas anderes zu verhindern wird sich immer finden... Heutzutage kann man nicht mal mehr ein Dixiklo aufstellen ohne erst ein Dutzend Stellen zu befragen. Und dann wundert man sich warum Bauvorhaben immer länger dauern...

Antworten Kommentar melden

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

K.o.-Tropfen: "Finger in den Mund, und spucken Sie es aus"

Immer wieder werden Menschen mit K.o.-Tropfen außer Gefecht gesetzt, anschließend vergewaltigt oder ausgeraubt. Dagegen hilft nur Vorsicht, sagt Achim Andratzek. weiter lesen