Schule, die Kindern gerecht wird

Die Gemeinschaftsschule ist der neue Stern am baden-württembergischen Schulhimmel. Manche wünschen sie sich sehnlich herbei, andere lehnen sie ab. Was ist so anders an ihr? Fragen an Michael Fritz vom ZNL.

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Michael Fritz: Die Gemeinschaftsschule bietet die Chance, besser zu lernen und Schülern gerecht zu werden. Privatfoto

Welches sind eigentlich die Ideen, die die neue Gemeinschaftsschule erfüllen sollte?

MICHAEL FRITZ: Im Moment weiß noch niemand, wie die Gemeinschaftsschule im Ländle tatsächlich aussieht. Sie ist ein Entwicklungsfeld, auf dem unterschiedliche pädagogisch sinnvolle Lösungen möglich sind. Ein zentraler Punkt der Gemeinschaftsschule ist, dass sie Kinder nicht sortiert: Sie nimmt alle auf, lässt keinen sitzen und schickt niemanden auf eine "schlechtere" Schule. Aus Sicht der Lernforschung geht es darum, den Lernenden und sein individuelles Potenzial in den Mittelpunkt zu stellen.

Wie funktioniert das Lernen in heterogenen Lerngruppen?

FRITZ: Mal ehrlich: Gibt es überhaupt homogene Lerngruppen? In jeder Klasse sitzen unterschiedliche Individuen. Heterogenität ist also normal. Ein erfolgreicher Grundschullehrer fragt ja auch nicht: "Wie kriege ich den Stoff an die Kinder?", sondern: "Wie eignet sich jedes Kind bestmöglich den Stoff an?".

Kann so ein Konzept auf breiter Basis überhaupt funktionieren?

FRITZ: Ja, natürlich - bei der Fahrschule zum Beispiel: Fast alle 18-Jährigen besuchen sie, und fast alle bestehen. Dabei muss jeder eine zentral gestellte theoretische und praktische Prüfung bestehen. Das ist das Ziel - aber der Weg ist durchaus unterschiedlich lang. Manche brauchen 20 Stunden, andere wesentlich mehr. Und ich als Fußgänger habe größtes Interesse daran, dass jeder Autofahrer seine Sache beherrscht.

Sind bei unterschiedlichen Lerngeschwindigkeiten noch einheitliche Klassenarbeiten möglich?

FRITZ: Klassenarbeiten und Noten dienen derzeit dem Nachweis von Können oder Nichtkönnen des Einzelnen in Relation zur Klasse und in einem bestimmten Moment. Es wäre wünschenswert, eine Wende im Denken zu erreichen: Im gemeinsamen Lernen sollte es die Wahlfreiheit des Lernenden sein zu entscheiden: Welches Ziel will ich erreichen, auf welchem Weg und in welcher Zeit? Aufgabe des Lehrers wäre es, alles zu tun, um jeden Schüler auf seinem Weg hin zum Erfolg zu unterstützen. Wie ein Sporttrainer, der sich sagt: Ich bin dazu da, damit der Spieler Erfolg hat. Dann würde Schule weniger Frustration, Demotivation und Scheitern erzeugen.

Schreibt also jeder Schüler seine eigene Prüfung mit individuellen Aufgaben?

FRITZ: Klassenarbeiten sind Lernzielkontrollen. Sie helfen Lernenden und Lehrenden zu verstehen, wie weit der Schüler schon gekommen ist auf seinem Weg zum erfolgreichen Beherrschen eines bestimmten Inhalts. Es gibt bereits heute vielfältige Formen der Leistungsmessung, beispielsweise in der Projektarbeit. Wichtig ist der individuelle Kompetenzzuwachs: Manchen reicht es, den Satz des Pythagoras zu verstehen; andere wollen ihn ableiten können; wieder andere möchten wissen, wer dieser Pythagoras war und was er sonst noch gemacht hat.

Wer bekommt dann noch Note 1? Oder anders: Wie aussagekräftig sind Noten?

FRITZ: Die Art, wie derzeit benotet wird, erzeugt zwangsläufig bei ungefähr der Hälfte der Schüler Frust - bei allen, die unter dem Durchschnitt sind. Noten sollten allenfalls ein Randthema in der Schule sein und nicht den Lern-Alltag bestimmen. Außerdem vertrauen die Abnehmer - Betriebe oder Hochschule - den Notenziffern schon lange nicht mehr. In Bewerbungsgesprächen oder Assessment-Centern und im Beruf zählen andere Dinge.

Was ist denn neu am neuen Lernen, das derzeit von vielen gefordert wird?

FRITZ: Ich spreche lieber von einer neuen Lernkultur. Dafür ist wichtig, dass Situationen geschaffen werden, in denen der Lernende möglichst häufig erlebt: Es geht um mich und meine Interessen, dafür lohnt es sich, dass ich mich anstrenge, und meine Leistungen führen mich zum Erfolg. Lernen ist ein aktiver Prozess, in dem sich Schüler selbst Ziele setzen: Wo stehe ich heute und wo will ich morgen sein? Jeder weiß aus eigener Erfahrung, dass man selbstgesetzte Ziele besser erreicht als fremdgesetzte.

Was bedeutet das für den Lehrer, der den Unterricht gestaltet?

FRITZ: Der Lehrer wird zum Lernbegleiter jedes Schülers, er sorgt für einen förderlichen Rahmen, vermittelt Kompetenzen zur Lerngestaltung und zur Selbstentwicklung. Der Lehrer ist weniger selbst aktiv, sondern regt zu Aktivität an. Frontalunterricht wird damit nicht überflüssig. Noch mehr Zeit braucht aber die aktive Auseinandersetzung des Lernenden mit der Sache. Es wird die große Herausforderung sein, die neue Art des Gestaltens von Unterricht in der Aus- und Fortbildung zu vermitteln, wenn die Gemeinschaftsschule gelingen soll.

An welche positiven Erfahrungen anderer Länder lehnen sich die Ideen der Gemeinschaftsschule in Baden-Württemberg an?

FRITZ: An die Reformpädagogik, wie sie in Montessori- oder Freinet-Schulen gelebt wird. Und an Schulen, die den deutschen Schulpreis bekommen haben. In der Integrierten Gesamtschule Göttingen, die ihn 2011 bekommen hat, hat zum Beispiel das kooperative Lernen in Lerngruppen einen hohen Stellenwert. In den Gruppen sind fünf bis sechs Schüler unterschiedlicher Niveaus. Die Verantwortung für das Lernen wird in die Gruppe gegeben, davon profitieren beide Seiten: Die Starken eignen sich beim Erklären den Stoff nochmals tiefer an, und die Schwachen können im sanktionsfreien Raum fragen.

Stichwort: Pisa-Sieger Finnland. Bei einer durchschnittlichen Klassengröße von 20 Schülern ist individuelle Förderung gut möglich. Klappt es bei 28 in einer Gemeinschaftsschule genauso gut?

FRITZ: Lernen geht nur in Beziehung, und Beziehungsarbeit braucht Zeit. Die Klassengröße ist aber nicht das alles entscheidende Kriterium. Viel wichtiger sind die Person und die professionelle Kompetenz des Pädagogen: Ein schlechter Lehrer macht auch vor 15 Schülern keinen guten Unterricht.

Wie wichtig ist das soziale Lernen?

FRITZ: Menschen brauchen zum Lernen eine soziale Umgebung. Lernen ist ein kommunikativer Prozess, der ein Gegenüber braucht: Die Konstruktion von Welt erfolgt im Dialog.

Ist eine Gemeinschaftsschule ohne gymnasialen Zug sinnvoll?

FRITZ: In unserer Gesellschaft ist das Gymnasium leider unantastbar. Ohne einen gymnasialen Zug nimmt man der neuen Schulart Gemeinschaftsschule mindestens die Hälfte der Schüler. Es muss gelingen, klar zu machen: Die Gemeinschaftsschule ist eine Leistungsschule für alle, in der sich ein Kind auch aufs Abitur vorbereiten kann, ohne nach Klasse 10 wechseln zu müssen.

Welches sind die größten Herausforderungen für die Gemeinschaftsschule im Land?

FRITZ: Erstens die Akzeptanz in der Bevölkerung. Es muss klar sein: Das ist nicht eine zusätzliche Schulart, sondern es ist die Chance, Lernen erfolgreicher zu gestalten und mehr Schülern häufiger gerecht werden zu können. Zweitens brauchen wir ein gutes Netzwerk und eine breite Basis von Lehrern, die das Projekt mitentwickeln und mittragen.

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