Schluchtenscheißer contra Piefke

Zusammen mit seiner Krise und seinem Übersetzer gab der österreichische Kabarettist Severin Groebner in Langenau eine fulminante Vorstellung.

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Severin Groebner beherrscht Sprache wie Körpersprache.  Foto: 

"Ich komm nicht von hier", verriet Groebner am Silvesterabend dem Publikum im ausverkauften Pfleghof. Er sei ein Schluchtenscheißer, also Österreicher. Und die Deutschen? Die Piefkes sind Schrebergarten- und Baumarktliebhaber, fleißig und bei Bedarf besoffen. "Oans, zwoa gsuffa" ging am Ende des Abends auch auf Wienerisch. In der österreichischen Variante mit abgrundtiefer Melancholie: Man sah dem in sich zusammengefallenen Wiener den Speichelfaden förmlich aus dem Mundwinkel rinnen.

Bis zu dieser Slow-Motion-Sequenz hatte jeder im Saal begriffen, dass ein Wiener ohne sein Phlegma und seine Krise nicht überleben kann. Groebner hat seine Krise immer dabei. Meist saß sie als Häufchen Elend neben ihm.

Den Rollenwechsel zwischen Prolet und Piefke, Tatsache und Täuschung beherrscht Groebner perfekt. Wenn sich der Kabarettist über österreichische Innenpolitik echauffiert, schlägt er mit seinen Windmühlenarmen um sich, wirbelt jede Menge Staub der braunen Geschichte auf und klappt dann alle ausgefahrenen Gliedmaßen wieder zusammen. Denn es sind ja die Probleme, die zur paranoiden xenophoben Klage führen.

Der Deutsche liebe die Probleme und streichle seinen Problembären oder die Problemzone. Groebner verlustiert sich hoch intellektuell über Problemausländer, die "uns die Frauen wegnehmen" und den krampfhaft unverkrampften Zugang des Österreichers zum Sex. Als Deutscher sitzt er breitbeinig und prollig auf dem Stuhl. Der freudianisch gebildete Wiener hingegen schlägt seine Beine schreckhaft schamhaft übereinander.

Geht es um Kirche oder Politik, dreht Groebner gerne durch. Seine Litanei über falsche Betroffenheiten und echte Verfehlungen in scheinbar demütiger Kirchen-Haltung sind erste Sahne. Der hochgeschossene Entertainer windet sich dann im gespielten Schmerz und dampft vor Zorn.

Severin Groebner beherrscht nicht nur Dialekte und Dialektik. Der Entertainer kann singen, rappen und proleten. Körpersprache und Pantomime machen in seinem Programm einen Kunden zur Krankheit für den Kundenberater. Politiker werden zu Nahkampfexperten, die sich Aktenberge in die Magengrube rammen. Als Übersetzungshilfe fungiert ein Sampler, der Ausdrücke wie "schiach", "leiwand" oder "Schmäh" übersetzt. Schiach sei dabei die Rückseite des Schmäh.

Severin Groebner grölt, schreit und deklamiert. Er prangert die geordnete Anarchie der Deutschen genauso an wie die nicht vorhandene Ekstase des Österreichers. Was ist schon ein Oktoberfest gegen einen Opernball? Grantig und gespreizt kann der Kabarettist beides. Immer am Abgrund zur Melancholie schwebend, erklärte Severin Groebner die Animositäten, die zwischen Schluchtenscheißern und Piefke gepflegt und gewürdigt werden. Zwischen täuschend echt und echt täuschend passte dabei bloß ein schwarzhumoriges Haar.

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