Schiff ahoi - "Ulmer Spatz" heuert neue Mannschaft an

Was für eine Idee. Die Donauschifffahrt mit Hilfe behinderter Menschen wiederzubeleben, ist Ziel des "Ulmer Spatz" -Projekts. Im Interview: Initiator Markus Ostheimer über seine Motive und den Stand der Sanierung.

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Bald möchte Markus Ostheimer auf dem restaurierten "Ulmer Spatz" wieder in See stechen - beziehungsweise auf der Donau schippern.  Foto: 

Herr Ostheimer, wie sind Sie als Geschäftsführer einer Integrationsfirma ausgerechnet auf die Idee gekommen, ein altes Fahrgastschiff restaurieren zu lassen?
MARKUS OSTHEIMER: Ich war mit einem Freund Bier trinken. Bei dieser Gelegenheit hat er mir von seinem Onkel erzählt, dem langjährigen Donaukapitän Reinhold Kräß und dessen Suche nach einem Nachfolger für sein Ausflugsschiff "Ulmer Spatz". Das Bundesschifffahrtsamt hatte damals gedroht, dem Boot die Zulassung zu entziehen. Ich fand die Idee reizvoll.

Weil Sie eine Wasserratte sind?
OSTHEIMER: Weil ich nostalgisch bin. Ich bin schon als Kind auf dem Spatz gefahren und dachte, so eine Institution darf nicht sterben.

Sie haben gleich Nägel mit Köpfen gemacht?
OSTHEIMER: Nein, akut wurde es erst, als die Behörde das Schiff Anfang 2012 stilllegte und Kräß sich persönlich an uns wandte. Ich absolvierte zu dieser Zeit ein Zweitstudium an der Hochschule Neu-Ulm und musste in einem Seminar einen Businessplan für ein Projekt meiner Wahl auf die Beine stellen. Da bin ich auf den "Spatz" gekommen, hatte akademische Unterstützung. Mein Professor war jedenfalls gleich begeistert. Herausgekommen ist ein 115 Seiten dicker und bis ins letzte Detail ausgearbeiteter Plan.

Wann hat die Lebenshilfe Donau-Iller das Schiff gekauft?
OSTHEIMER: Ich musste zunächst noch den Vorstand überzeugen, das war gar nicht so leicht. Anfang 2013 stand das Vorhaben auf der Kippe, weil plötzlich ein weiterer Wettbewerber aus dem Raum Heilbronn auftrat und ankündigte, auf der Ulmer Donau Ausflugsfahrten anzubieten. Zum Glück machte er einen Rückzieher. Im März haben wir den Spatz gekauft und in die Werkstätten der Lebenshilfe nach Neu-Ulm gebracht. Dort wird er seither restauriert.

Ursprünglich sollte das 50 Plätze fassende Schiff schon im September fahrtüchtig sein. Warum so große Verzögerungen?
OSTHEIMER: Das lag vor allem an den aufwendigen Stahlbauarbeiten. Das Schiff ist Baujahr 1935, der Rumpf komplett genietet, eine Technik die heute nicht mehr praktiziert wird. Wir mussten eine Materialanalyse vornehmen und besondere Schweißverfahren anwenden. Zudem hat es viel Zeit gekostet, den Spatz komplett barrierefrei zu machen.

War das notwendig?
OSTHEIMER: Das Ziel der Lebenshilfe ist Inklusion. Da würde es nicht passen, wenn wir Menschen mit Behinderung als Fahrgäste unseres Schiffes ausschließen.

Wie hoch ist der finanzielle Aufwand bis jetzt?
OSTHEIMER: Wir haben - inklusive Kaufpreis - etwa 100.000 Euro in das Schiff gesteckt. Es sind fast alles Spendengelder, denn das Projekt erfährt eine enorme Unterstützung. Der Club der Industrie hat uns mit 20.000 Euro unterstützt, die Firma Noerpel mit 10.000 Euro, von der Vinci-Stiftung gab es 15.000 Euro und von der Kässbohrer-Stiftung 20.000 Euro, um nur mal die größten Spender zu nennen.

Wie geht es weiter?
OSTHEIMER: Als nächstes steht der Innenausbau an. Wir sind zuversichtlich, an Ostern in See stechen zu können.

Haben Sie schon einen Kapitän?
OSTHEIMER: Eine Kapitänin. Sie heißt Edith Doleschel, hat Erfahrung auf dem Wasser und ist Sozialpädagogin. Sie stammt aus Lörrach und ist übrigens bei einem Ulm-Besuch durch einen Bericht in der SÜDWEST PRESSE auf das Projekt aufmerksam geworden.

Auf dem Spatz sollen während der Saison behinderte Menschen arbeiten.
OSTHEIMER: Wir wollen von März bis November fahren, haben extra Standheizungen eingebaut. Wir werden fünf Menschen zu Kapitänsassistenten ausbilden. Drei sollen sozialversicherungspflichtig beschäftigt werden.

Und was werden deren Aufgaben sein?
OSTHEIMER: Sie helfen beim Anlegen, beim Fahrkartenverkauf, lenken aber auch das Schiff oder übernehmen Reinigungsarbeiten.

Geht das denn mit einer Behinderung?
OSTHEIMER: Was die Gesellschaft oft nicht versteht: Es gibt kein Schwarz und kein Weiß. Jeder Mensch hat eine Behinderung. Natürlich müssen unsere Hilfskapitäne bestimmte Fähigkeiten mitbringen: etwa lesen und schreiben können, schwimmen, gute motorische Fähigkeiten besitzen. Ihre Behinderung äußert sich vielleicht im Sozialverhalten, in einem langsameren Lernvermögen. Aber wenn das eingeübte Verhalten sitzt, dann sitzt es. Und vor allem: Die Menschen sind mit Begeisterung dabei.

Keine Angst vor der Reaktion der Kunden?
OSTHEIMER: Ich möchte der Gesellschaft die Angst vor dem Kontakt mit Behinderten nehmen. Die können nämlich genauso einen gesellschaftlichen Beitrag leisten und das kann man dann als Passagier erfahren. Man steigt aufs Schiff und gibt die Verantwortung an einen Menschen mit Behinderung ab. Wenn man aussteigt und sagt, "dem kann ich vertrauen", ist viel gewonnen.

Markus Ostheimer und die Firma Adis
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