Schauspielerin Ulrike Kriener las zum Abschluss des Donaufests aus Aleksandar Tišmas Werk

Beim ersten Donaufest war Aleksandar Tišma 1998 selbst zu Gast. Jetzt las Schauspielerin Ulrike Kriener aus dem Werk des 2003 verstorbenen Autors.

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Ulrike Kriener und  „Der Gebrauch des Menschen“.  Foto: 

Das war ein eindringlicher Ausklang des Donaufests: Im Stadthaus las die Schauspielerin Ulrike Kriener aus Aleksandar Tišmas „Der Gebrauch des Menschen“. Der Langenauer Buchhändler Thomas Mahr, einer der Organisatoren des Literaturprogramms, interpretierte in seiner Eröffnungsrede den Titel: Das Wort „Gebrauch“ erinnere ihn an die Last, die die Menschen zu tragen haben. Dabei spannte er den Bogen zur „Macht“ über Menschen und der ständig präsenten Gefahr des Machtmissbrauchs.

Besser konnte man die zahlreichen Zuhörer nicht an das Werk heranführen. Der 1924 in Serbien geborene Schriftsteller erlebte als 18-Jähriger in Novi Sad den Massenmord an mehr als 1000 Zivilisten während des Zweiten Weltkriegs; viele der Menschen wurden in die Donau geworfen und ertranken. Die Verarbeitung dieses Massakers ist ein zentrales Motiv des Autors, der mit seinen Büchern immer auch Erinnerungsarbeit geleistet hat.

Ulrike Kriener, bekannt aus der ZDF-Samstagskrimi-Reihe „Kommissarin Lucas“, las ausgewählte Textpassagen über den SS-Mann Sepp Lehnart, einen „Soldaten aus Überzeugung“, und Vera Kroner, die als Prostituierte im KZ missbraucht wird und daran schließlich zerbricht. Anhand dieser Charaktere wurde die ganze Spannbreite menschlichen Vermögens und Unvermögens vorgeführt. Bei Begriffen wie „Rassengesetze“, „Rassenschande“ oder „Zuckungen des Todes“ erschauert man regelrecht, obgleich Tišmas realistische Erzählweise jedes Pathos vermeidet und in keiner Weise dramatisiert.

Tišma blendet immer wieder Kriegsszenen ein, die vom „Gefühl beim Töten“ und der „Verkörperung des Entsetzens“ handeln, verwebt scharf beobachtete Alltagsbegebenheiten mit Schilderungen innerer Zerrissenheit und Zerstörung. Pulsierendes Leben, wie etwa nach dem Wiederaufbau in Frankfurt, verknüpft er mit Erinnerungen an den Massenmord in Novi Sad – der „Abgrund aus Finsternis“ ist gegenwärtig. In einem Geflecht aus Schmerz und Ernüchterung entwirft er eine dem Wahnsinn verfallene Welt, doch begreift er sich gleichzeitig als Teil davon und spannt den Bogen vom Trauma des Einzelnen zur Außenwelt. Ein ergreifender, intensiver Literaturabend mit hochaktueller Thematik: Ulrike Kriener verlieh den Protagonisten eine Stimme, die Vergeblichkeit und Klarheit vereint.

Info Aleksandar Tišma: Der Gebrauch des Menschen. Die Zeit  – Bibliothek der verschwundenen Bücher (303 Seiten, 10 Euro).

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