Schaufenster ins Ländle: Eröffnung der baden-württembergischen Theatertage

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Wie überraschend so eine Gegenwart sein kann. Petra Ol­schowski konnte es sich nicht verkneifen, an diesem sonnigen Freitag auf die große Berliner Politik zu verweisen. Das beste Schauspiel habe man wohl an diesem Morgen im Bundestag bei der Abstimmung über die „Ehe für alle“ beobachten können, meinte die baden-württembergische Kunststaatssekretärin schmunzelnd auf der Bühne des Theaters Ulm: „Was für ein Glück in dem Fall.“

Was für ein Beispiel für den „rasanten Wandel“, mit dem es das Theater allgemein zu tun habe. Das Motto der 23. baden-württembergischen Theatertage sei „absolut treffsicher“, fand Olschowski: „Jetzt!“ lautet die Überschrift des Festivals, das gestern eröffnete. 19 Bühnen aus dem Land präsentieren bis Ende kommender Woche 30 selbst ausgewählte Produktionen in Ulm. Ein „echtes Schaufenster ins Ländle“, wie Intendant Andreas von Studnitz sagte. Zum vierten Mal in fast 50 Jahren  sind die Theatertage zu Gast im ältesten Stadttheater Deutschlands.

Verstärkt politische Fragen

Und das zu einem Zeitpunkt, an dem die Aufmerksamkeit für den Moment besonders hoch sei, an dem auch die Theater sich verstärkt mit ihrer politischen Rolle beschäftigten, konstatierte die Kunststaatssekretärin. Sie wies nicht umsonst auf die Bedeutung des Kinder- und Jugendtheaters hin. Denn bevor  am Abend die Ulmer Produktion „Platonow oder die Vaterlosen“ begann, hatte das Programm nachmittags mit einem Stück aus dem Bereich des Kinder- und Jugendtheaters losgelegt, der allein mit 13 Produktionen vertreten ist.

„Blutrote Schuhe“, eine Produktion des Jungen Theaters Heidelberg, wirkte fast, als wolle es die These der Politikerin belegen. Das Stück handelt von einem Mädchen, das in einen Bürgerkrieg gerät, Flucht und Vertreibung erlebt, traumatische Erfahrungen verarbeiten muss. Eine (poetische) Choreografie über das Leid – und über die Hoffnung, den Hass zu überwinden; das Bild dafür ist der Tanz.

Ganz und gar nicht harmlos

„Die Frage ist, ob Hass mit Hass vergolten werden sollte“, erklärt Regisseurin Natascha Kalmbach. Nicht gerade ein harmloses Thema, doch damit sind die „Blutroten Schuhe“ nicht allein auf dem Spielplan der Theatertage, wenn man sich Stücke wie „Patricks Trick“ vom Jungen Ensemble Stuttgart oder „Koma“ vom Theater der Stadt Aalen ansieht.

Kinder- und Jugendtheater bedeute eben nicht, einmal im Jahr ein schönes Weihnachtsmärchen zu erzählen, sagt Kalmbach, die auch Sprecherin des Arbeitskreises der Kinder- und Jugendtheater Baden-Württemberg ist, einem Bundesland, in dem es da eine lange, stabile Tradition gebe:  „Es geht nicht um Bespaßung, sondern darum, zum Nachdenken anzuregen über Themen, die Kinder und Jugendliche, aber auch uns Erwachsene beschäftigen.“

Die erzählerischen Mittel sind natürlich nicht ganz dieselben, teils fallen sie sogar abstrakter aus als im Erwachsenentheater. „Blutrote Schuhe“ zum Beispiel erzählt nicht von einem konkreten Krieg. Die Geschichte kann jeder junge Zuschauer mit dem Kontext füllen, der ihm zur Verfügung steht. Kalmbach legt Wert auf ästhetische Erfahrung, ihre Inszenierung ist geprägt von Bildern, Musik und Choreografie. Und das braucht es wohl, bei einem Publikum, das direkt und ungefiltert auf das Geschehen reagiert: „Wenn es denen nicht gefällt, müssen plötzlich alle aufs Klo“, sagt Kalmbach.

Doch wenn es gelingt, die Kinder zu begeistern, dann habe man ein Auditorium ohne Vorurteile, aber mit großer Offenheit: „Da kann man noch viel mehr bewirken.“

1 Kommt man derzeit ins Foyer des Theaters Ulm, trifft man Sie: Ihr Kollektiv „satellit produktion“ betreibt dort ein „Recherche Laboratorium“. Was tun Sie da?
Ana Zirner: Eigentlich bin ich zu dritt: Wir, Martina Missel, David N. Russo und ich, sind ein Künsterkollektiv, das politisch-dokumentarische Tanztheaterperformances macht. Aus vielen Gesprächen mit Menschen entwickeln wir unsere Stücke.

2 In Ulm soll es um „Tradition“ gehen. Wieso?
Bei Traditionen geht es darum, sich als Gruppe zu definieren, ein Zugehörigkeitsgefühl zu entwickeln. Wir haben uns gefragt: Was macht die Ulmer Gesellschaft aus? 50 Prozent der Menschen hier sind gar nicht ursprünglich Ulmer, viele haben internationale Wurzeln. Wir untersuchen, inwiefern das die Tradition prägt.

3 Und wie untersuchen Sie das?
Die Leute können ins Foyer kommen und erzählen, dort sitzen wir jeden Tag von 10 bis 22 Uhr, oder sie können uns schreiben unter tradition@theater-ulm.de. Nachmittags wollen wir Traditionen üben, etwa türkische Hochzeitszeremonien. Das Material wird gesammelt und zur Performance „Salz und Brot“ verarbeitet, die am 4. November im Theater Ulm gezeigt wird. Anders als wir denken, gibt es diese „urdeutsche“ Sitte in vielen Ländern: Traditionen können auch verbinden.

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