Erst rennen, dann denken: Schachpartie mit 16 Läufern

|
Vorherige Inhalte
  • Schnell denken, denn die Uhr läuft unerbittlich. Der spätere Schach-Dauerlauf-Weltmeister Peter Oesterle (mit gelber Kappe) konzentriert sich auf seine Partie Nummer acht . . . 1/2
    Schnell denken, denn die Uhr läuft unerbittlich. Der spätere Schach-Dauerlauf-Weltmeister Peter Oesterle (mit gelber Kappe) konzentriert sich auf seine Partie Nummer acht . . . Foto: 
  • . . . während das Mittelfeld noch hechelt. 2/2
    . . . während das Mittelfeld noch hechelt. Foto: 
Nächste Inhalte

Neue Sportarten klingen gemeinhin cool,  heißen Kettleball oder Wakeboarding oder Speedminton.  Schach-Dauerlauf hört sich dagegen Asbach uralt an, riecht förmlich nach Turnvater Jahn. Ist aber falsch: Es ist die neueste Sportart weltweit  – dazu made in Ulm. Erfinder Elmar Braig, Jugendleiter beim Schachclub „Weiße Dame“ hat  zumindest vorher mordsmäßig gegoogelt. Er sagt, er hat nichts Vergleichbares gefunden auf dem Globus.

Ergo ist das, was da am Samstagnachmittag bei bestem Läuferwetter in der Friedrichsau abläuft,  eine brettharte Weltpremiere. Dauerlauf plus Schach im steten Wechsel. „Vielleicht gehen wir als die größten Spinner aller Zeiten in die Geschichte ein“, unkt Braig, als er kurz nach 14 Uhr das Startsignal gibt, worauf sich die 16 gemeldeten Teilnehmer aus Ulm und Umgebung – Startgebühr zwei Euro – zum ersten von insgesamt zehn 700-Meter-Läufen anschicken.

Das Reglement ist fix erklärt. Nach getaner Laufrunde  zum Ausee und zurück setzt sich der erste Ankömmling an einen der vier Biertische, auf denen insgesamt acht Schachbretter aufgebaut sind. Er darf sich die Farbe aussuchen. Der nächste Spieler, der ankommt, muss gegen ihn spielen. Und so weiter. Der Dritte gegen den Vierten, der Fünfte gegen den Sechsten . . .

Erst wenn beide Spieler am Brett sitzen und sich mit Handschlag begrüßt haben, wird die Schachuhr mit den beiden Zifferblättern gedrückt. Wer am Zug ist, dessen Zeiger tickt.  Die Blitzpartie, bei der jeder Spieler insgesamt fünf Minuten Bedenkzeit hat, läuft. Es geht Schlag auf Schlag. Johann Ilg vom Schachclub Dietmannsried etwa rochiert, sein schwarzes Pferd kickt den weißen Bauer seines Gegners Robert Mierzwa vom Feld. Der revanchiert sich mit einer Damenattacke. „Mit hängender Zunge wird nachgedacht“, kommentiert der Schiedsrichter am Mikrophon das Geschehen. Auch nebendran rauchen jetzt die Köpfe. Elmar Braig seufzt „Oh nein“. Er hat ausgerechnet das Vereinskäpsele Frank Fleischer als Gegner bekommen. Der hat zwar ein kleines Bäuchlein, auf der Rennstrecke ein Malus. Aber dafür Treibstoff im Gehirn. Nach einem Dutzend Zügen ist Sense: „Ich bin technisch tot“, sagt Braig und kapituliert.

Eine Partie ist entschieden, wenn einer Matt gesetzt ist. Oder aufgibt. Oder seine fünf Minuten verbraucht hat, während sein Gegner  noch ein bisschen was vom Zeitkontingent übrig hat. Das Gemeine: Der Sieger darf zur nächsten 700-Meter-Laufrunde durchstarten. Der Verlierer muss sitzen bleiben, das Spielbrett neu aufbauen, und warten, bis der nächste Mitspieler  eintrudelt. Gegen den er dann spielt.

Zumindest eines scheint zu diesem Zeitpunkt klar zu sein. Schach ist eben doch Sport. „Wir werden ja oft belächelt. Wir wollen zeigen, dass ein fitter Geist und ein fitter Körper sich nicht ausschließen“, sagt Vereinsvorsitzender Franz Schmid.

Vor allem geht es den Denksportlern aber um Spaß. Konzentriert sind alle, aber keiner nimmt die Sache zu bierernst. Dazu passt, dass die auf den Sportdress aufgeklebten Teilnehmernummern auf Zewa-Wisch-und-Weg-Papier geschrieben sind. Und als Siegprämie winken Essensgutscheine vom Biergarten Teutonia.

Gleichwohl hat es der Schach-Dauerlauf in sich. Man sieht die Anspannung den Teilnehmern nach jeder Runde ein bisschen mehr in ihren Gesichtern an.  „Schnell laufen, schnell beruhigen, schnell denken“, umreißt einer zwischen zwei Zügen, worauf es ankommt.

Am besten kann das offenkundig Peter Oesterle. Um 15.58 Uhr passiert er nach seiner zehnten Laufrunde die Ziellinie und ist damit amtierender Weltmeister im Schach-Dauerlauf. Der Hammer: Der Mann ist nicht mal Mitglied in einem Schachclub. Aber Anfang der 90er Jahre sei er immerhin Ulmer Schach-Stadtmeister gewesen, sagt der Ulmer Allgemeinmediziner, der auch passionierter Läufer ist. Was er am Schwierigsten fand? „Das Laufen immer wieder zu unterbrechen und neu durchzustarten.“

Abonnieren Sie das kostenlose Morning-Briefing aus der Chefredaktion
Damit starten Sie top informiert in den Tag. Außerdem im Newsletter: Die Wettervorhersage und die aktuelle Verkehrslage in der Region.
» zur Registrierung

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Das Donauufer soll schöner und sicherer werden

Das Donauufer soll schöner und sicherer, der Fluss erlebbarer  werden. Die Stadträte drücken aufs Tempo und setzen sich gegen die Verwaltung durch. weiter lesen