Ruben Gazarian: Ein Dirigent und seine Großfamilie

Seit 2002 führt der aus Armenien stammende Ruben Gazarian das Württembergische Kammerorchester Heilbronn als Chefdirigent. Der 41-Jährige ist künftig mit dem WKO regelmäßig in Ulm zu erleben.

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Ruben Gazarian, Chefdirigent des Württembergischen Kammerorchesters Heilbronn. Foto: Fotostudio M42

Rund 150 Kilometer liegen zwischen Ulm und Heilbronn, aber musikalisch kommen sich die beiden kleinen Großstädte sehr nah. Das Theater Ulm packt im Oktober eine ganze Oper in den Lastwagen und schickt Orchester, Chor und Solisten busweise ins Unterland, zu Gastspielen von Francis Poulencs "Dialogues des Carmélites" im dortigen Theater. Umgekehrt reist das Württembergische Kammerorchester Heilbronn (WKO) künftig regelmäßig an die Donau, um im Kornhaus "Ulmer Konzerte" zu spielen; das erste dirigiert Ruben Gazarian am 29. September.

Weltweit geht das 1960 gegründete Kammerorchester auf Tour, aber in Ulm startet das WKO jetzt erstmals eine Abo-Reihe außerhalb des Standorts Heilbronn. Viel hat sich beim WKO in den letzten Jahren getan. Seit 2012 wird das von Stadt und Land geförderte Kammerorchester von einer Stiftung getragen, und der Musikwissenschaftler Christoph Becher, fünf Jahre lang persönlicher Referent von Elbphilharmonie-Generalintendant Christoph Lieben-Seutter, kam aus Hamburg und führt als sehr gut in der Klassik-Szene vernetzter Intendant mit neuen Ideen die Geschäfte. Seit der Saison 2002/03 aber amtiert schon, als Nachfolger des Orchestergründers Jörg Faerber, der aus Armenien stammende Ruben Gazarian als Chefdirigent.

Becher und Gazarian haben ihre Büros in der Heilbronner "Harmonie", dort befindet sich die Geschäftsstelle, steht den Musikern ein ausgezeichneter Probenraum zur Verfügung, treten sie im heimatlichen Konzertsaal auf. Im Gespräch zeigt sich Gazarian nach dem Sommerurlaub entspannt, der 41-Jährige bricht zunächst zu Gastdirigaten in Israel und Serbien auf, ehe er Mitte September dann die Arbeit mit seinen "Heilbronnern" wieder aufnimmt und eines seiner ersten WKO-Konzerte in der neuen Saison in Ulm absolviert.

"Musik ist nichts anderes als in Noten gegossene Emotion", sagt Gazarian, der schon mit vier Jahren Violinunterricht von seinem Vater erhielt und an einer Musikschule für Hochbegabte in Eriwan ausgebildete wurde. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion ging er nach Leipzig, wo er 1995 das Konzertexamen machte und dann ein Dirigierstudium dranhängte.

Sein Wechsel vom Geigen- ans Dirigentenpult ist schon fast eine kuriose Geschichte, die Gazarian lachend erzählt. Er war Konzertmeister des Westsächsischen Symphonieorchesters in Böhlen (Landkreis Leipzig), als dort der Dirigentenposten vakant wurde. Gazarian hatte auch Dienst bei den Probedirigaten der Mitbewerber ("ich strengte mich da besonders an"), aber am Ende wurde er gewählt. "Das war ein Sprung ins kalte Wasser", erzählt Gazarian, "und auch eine seltsame Situation: Der vertraute Kollege war jetzt plötzlich der Chef, kannte alle Schwächen des Orchesters von innen . . ."

Von 1999 bis 2002 blieb Gazarian in Böhlen, gewann den 1. Internationalen Dirigentenwettbewerb "Sir Georg Solti" in Frankfurt und wechselte dann als künstlerischer Leiter nach Heilbronn, wo er noch bis 2018 unter Vertrag steht. Die Geige hat er weggelegt, sich ganz dem Dirigieren zugewandt - und mit dem Württembergischen Kammerorchester seither hunderte Konzerte gegeben.

22 Musiker, ein Dirigent - das ist so etwas wie eine Großfamilie, die auf engstem Raum lebt. Man kennt sich "in- und auswendig", wie aber erhält sich das viel beschäftigte Orchester seine Frische, die positive Energie? Auch dadurch, meint Gazarian, dass Gäste mit einem ganz anderen Temperament mit den Musikern arbeiten, dass Instrumentalsolisten wie Gottfried von der Goltz oder Ronald Brautigam Konzerte leiten. Gazarian schwört andererseits auf seine Vertrautheit als Chefdirigent mit den Musikern: "Das WKO spielt unglaublich hingebungsvoll, auf der Bühne geben sie alles!"

Auch mit neuen Werken und Programmen versucht Gazarian, sein Kammerorchester zu inspirieren. Auch will er die Besetzung erweitern, so das bezahlbar ist, schließlich wolle man flexibel bleiben, nicht nur Streichersinfonien spielen. "Als ein geheimer Opernfan" bezeichnet sich Gazarian, und so hat er mit dem WKO auch immer mal wieder kleinere Produktionen aufgeführt. Eine Mozart-Oper würde er gern wieder dirigieren, sagt der Armenier. In dieser Saison aber gibts allemal "Opera": So heißt eine neue CD der Klarinettistin Sharon Kam, die zusammen mit dem WKO Opernarien eingespielt hat (Berlin Classics) - live ist das Programm auch in Ulm zu erleben.

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